Herzlich willkommen bei der Evangelischen Kirchengemeinde Markgröningen!

Wir freuen uns, dass Sie unsere Homepage besuchen.
Auf dieser Seite möchten wir uns Ihnen vorstellen und Ihnen einen Einblick in das Leben unserer Gemeinde geben.

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Die verschiedenen Ansprechpartner finden Sie unter der Rubrik Kontakt.

Veranstaltungen im Oktober 2020

Willkommen zum Gottesdienst

Wir freuen uns, wieder zum Gottesdienst um 10 Uhr in die Bartholomäuskirche einladen zu können.

Das vorgeschriebene Infektionsschutzkonzept, das der Kirchengemeinderat für die Bartholomäuskirche beschlossen hat, beinhaltet folgende Punkte

  1. Ausgehend von einem Mindestabstand von zwei Metern um einen Sitzplatz in der Kirche/dem Gottesdienstraum wird eine Personenhöchstzahl von 83 Personen festgesetzt.
  2. Die belegbaren Sitzplätze (im 2-Meter-Abstand) sind durch Schilder auf den Plätzen gekennzeichnet. Die Plätze sind nummeriert. Wer in häuslicher Gemeinschaft wohnt, kann ohne 2-Meter-Abstand nebeneinander sitzen.
  3.  Der Einlass ist wie folgt organisiert: Der Eingang ist möglich über die Westseite (Hauptportal) und über die Südseite (barrierefreier Eingang). Vor den Eingängen zeigen Bodenmarkierungen 2 Meter Abstand an. An den beiden Eingängen steht jeweils ein Ordner. Wer durch den Westeingang die Kirche betritt, wählt einen Sitzplatz in der hinteren Hälfte der Kirche oder wenn geöffnet auf der Empore. Wer durch den Südeingang die Kirche betritt, wählt einen Sitzplatz in der vorderen Hälfte der Kirche.
  4. Der Ausgang ist wie folgt organisiert: Die Besucher*innen werden aufgefordert, den Ausgang zu benutzen, zu dem sie hereingekommen sind. Die Kirche wird Bankreihe für Bankreihe verlassen, beginnend mit den Bankreihen, die den Ausgängen am Nächsten sind.
  5. Den Ordnungsdienst nehmen wahr: Hausmeister des Gemeindehauses sowie KGR-Mitglieder
  6. Der Ordnungsdienst sorgt durch freundliche Hinweise am Eingang dafür, dass nur Personen, die in einem Haushalt zusammenleben, den Mindestabstand von zwei Metern unterschreiten können. Hinweise zu diesem Verfahren werden auch im Amtsblatt vorab veröffentlicht.
  7. Desinfektionsmittel stehen bereit vor dem Westeingang und vor dem Südeingang. In den Toiletten werden Handwaschmittel in ausreichender Menge sowie nicht wiederverwendbare Papierhandtücher vorgehalten.
  8. Türklinken, Bänke, Stühle, Mikrofone und andere Kontaktflächen sowie die Sanitäranlegen im Pfarrhaus I (Brenzzimmer) werden vor Beginn des Gottesdienstes und im Anschluss an den Gottesdienst desinfiziert.
  9. Es darf nur mit Mund-Nasen-Schutz gesungen und gesprochen werden.
  10. Auf der Empore sind neben dem Organisten 13 Plätze vorgesehen, sofern die Besucherzahl die Öffnung der Empore erfordert. Zugang erfolgt über Kirchturmseite, Abgang über Stadtturmseite.
  11. Folgender Platz für einen Solisten ist ausgewiesen: Neben dem Altar beim Taufstein (Sitzplatz: Chorgestühl)

Weiter gilt: Die Toiletten im Pfarrhaus I (Bereich Brenzzimmer) können einzeln genutzt werden. Ein Schild „Belegt“ / „Offen“  an der Außentür soll bei Eintritt auf „Belegt“ gedreht werden und bei Verlassen des Hauses auf „Offen“ zurückgedreht werden. Seife und Einmalhandtücher stehen zur Verfügung. Das Schild soll möglichst nicht mit bloßen Händen, sondern mit Handschuhen / durch einen Stoff angefasst werden. Zudem wird es regelmäßig desinfiziert.

Wir bitten besonders beim Ankommen und Verlassen der Kirche um das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes. Bringen Sie einen Mund-Nasen-Schutz selbst mit, einige Einweg-Masken liegen zur Sicherheit an den Eingängen bereit.

 

Die Bartholomäuskirche ist auch nachmittags geöffnet: Sonntags von 14-17 Uhr und werktags von 14-16 Uhr.

Bitte beachten Sie die Hygiene-Regeln.

Auf den folgenden Seiten können Sie die Predigten nachlesen und am Große-Kirche-Kleine-Leute-Gottesdienst teilnehmen.

Wir freuen uns, dass auch die Kinder wieder miteinander Gottesdienst feiern können.

Jeden Sonntag, um 10 Uhr, im Gemeindehaus (Kirchplatz 8).

Nun ist jedoch Sommerpause. Am 27. September 2020 geht es wieder los.

Herzlich willkommen!

 

 

 

 

Predigten August bis Oktober 2020

Predigt am 15. Sonntag nach Trinitatis (20.9.2020) von Pfarrer Michael Güthle

in der Bartholomäuskirche Markgröningen, Text: 1. Mose 2, 4b-10+15

 

Es war zu der Zeit, da Gott der HERR Erde und Himmel machte. Und alle die Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden, und all das Kraut auf dem Felde war noch nicht gewachsen. Denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden, und kein Mensch war da, der das Land bebaute; aber ein Strom stieg aus der Erde empor und tränkte das ganze Land. Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.

Und Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen,  und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern, und teilt sich von da in vier Hauptarme. Und Gott der Herr nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte.

 

Liebe Gemeinde,

wir leben jenseits von Eden. Wir merken, wie unsere Welt im Argen liegt, wie Menschen sich gegenseitig bekämpfen und töten, wie viel Anstrengung und Schweiß es kostet, gegen die Dornen und Disteln anzugehen, die auf dem Ackerboden unseres Lebens wachsen. Wir wissen: unsere Erde und unser Leben sind bedroht. Nicht nur von der Corona-Pandemie. Unsere Lebenszeit ist begrenzt. Gemessen an der Weltgeschichte sind es nur wenige Sekunden, die wir auf der Erde zubringen. „Unser Leben ist wie ein Gras, das am Morgen blüht und sprosst und des Abends welkt und verdorrt“- sagt ein Psalmbeter.

Wir leben jenseits von Eden mit allen Sorgen und Ängsten, die dazu gehören. Wir nehmen traurig wahr, dass der Paradiesgarten verloren ist. Doch hin und wieder taucht die Sehnsucht nach einem paradiesischen Ort in uns auf. Wir wünschen uns einen Platz, wo es uns gut geht, wo wir uns wohl fühlen, wo es keine Sorgen und kein Leid mehr gibt, wo wir uns freuen und erholen, wo wir Ruhe finden und mit uns selber und mit der Natur im Einklang sind. Jedem und jeder von uns wird solch ein geschützter Ort einfallen, an den man sich zurückziehen kann, ein Fluchtort für die Seele.

Die Schöpfungsgeschichte der Bibel erzählt kein Märchen aus vergangenen Zeiten, sie ist auch keine wissenschaftliche Abhandlung über die Entstehung der Welt. Sie ist vor allem eine Glaubensgeschichte voller tröstlicher Gewissheiten. Denn sie fragt danach, woher unser Leben kommt, was es mit uns Menschen auf sich hat und sie deutet an, wohin unsere Lebensreise geht.

Es war zu der Zeit, da Gott Himmel und Erde machte.

Unsere Welt ist nicht zufällig entstanden, sondern es war Gottes weise Entscheidung, Himmel und Erde zu schaffen. Das ist für uns wichtig zu wissen. Denn das bedeutet, alles was uns umgibt, worin wir leben und atmen, woher wir kommen und warum wir überhaupt sind, das verdanken wir Gott. Er hat es so gewollt, er hat es so gemacht. Er steht am Anfang unserer Geschichte. Gott ruht sich am siebten Tag aus. Doch er ist kein Gott, der sich dann zurückzieht, er ist kein Gott, „der – wie ein Schriftsteller sagt- das Leben und das Sterben erfunden hatte, um sich zu unterhalten“ (Erich Maria Remarque). Gott umgibt seine Welt weiterhin mit seiner Fürsorge und bewahrt sie in seinen Händen. Das glauben wir und darum gibt es Hoffnung für die Welt und Zuversicht für jedes Menschenleben. Denn der Mensch ist ein Geschöpf Gottes: Da machte Gott der HERR den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen. Jede und jeder von uns soll sich darin vergewissern: Ich bin gewollt und geliebt. Ich verdanke mein Leben keiner Laune der Natur, ich bin nicht wahllos in die Welt hineingeworfen und dem Untergang preisgegeben. Mein Ursprung und meine Heimat ist vielmehr der Garten Eden, das Paradies, der Ort der Fülle, des Friedens und der Bewahrung. Der Ort, den Gott für mich geschaffen hat. Gott der HERR pflanzte einen Garten in Eden gegen Osten hin. Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen. Und es geht aus von Eden ein Strom, den Garten zu bewässern.

Der Mensch, auf Hebräisch „der Adam“, ist zunächst einmal aus Erde gemacht. Er ist und bleibt – trotz allen technischen Errungenschaften – ein Erdling.  Ein Stück Staub von der Erde. Er ist damit vergänglich und verletzlich. Das ist keine Kinderkrankheit, sondern seine Bestimmung. Es ist Gottes Fügung. Darum werden alle Versuche scheitern, einen Übermenschen heranzüchten zu wollen. Allen Versuchen, einen idealen Menschen aus perfekten Genen erschaffen zu wollen, ist daher eine Absage zu erteilen. Der Mensch ist und bleibt ein Erdling. Das hebräische Wort Adam drückt das aus. Auch der lateinische Ausdruck für Mensch „homo“ hat seinen Ursprung im Humus. Humanität, Menschlichkeit kommt aus fruchtbarem Erdreich. Der Apostel Paulus wird später sagen: Gott hat das Leben in irdene Gefäße gegeben (2.Kor. 4). Und vergessen wir nicht: Als Gott der Menschlichkeit ein Gesicht gab, da sandte er seinen Sohn. Das Wort ward Fleisch (Joh. 1). Daher der Ratschlag: Mach’s wie Gott, werde Mensch. Sieh zu, dass du deiner Bestimmung gerecht wirst. Vergiss nicht deine Herkunft. Widerstehe der Versuchung, wie Gott sein zu wollen.

Der Mensch ist ein Erdling, doch er ist zugleich auch das Wesen, dem Gott seinen Atem eingehaucht hat. Ein göttlicher Kuss, eine Liebesbezeugung, steht am Anfang des Lebens. Der Mensch wurde vom Geist Gottes zum Leben erweckt. Lebenskraft und Lebensatem sind Gottes Geschenk. Damit ist der Mensch nicht nur Staub, sondern von Anfang an auch ein Wesen, das mit Gott in Beziehung steht. Daher ist der Mensch niemals ohne Gott, sondern sein Leben verläuft vor Gottes Angesicht. Gott sorgt von Anfang an für den Menschen. Er setzt ihn in den Garten Eden, wo er alles findet, was er zum Leben braucht. Martin Luther hat diese Fürsorge Gottes in seiner Erklärung zum ersten Glaubensartikel sehr treffend entfaltet:

„Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält: dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was Not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorgt, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit“.

Wenn wir unser Leben, an Gott, dem Ursprung, festmachen, dann erwächst daraus die tröstliche Gewissheit, dass wir letztendlich nicht verloren gehen können. Wir sind von Gott gehalten und getragen. Wir haben von Gott eine Würde, die unantastbar ist. Und wir haben von Anfang an eine Aufgabe, nämlich die Erde zu bebauen und zu bewahren. Die Erde ist nicht unser Eigentum, sie gehört Gott und sie ist uns anvertraut. Wir wissen heute, wie groß diese Aufgabe ist. Wir haben eine Verantwortung den nachfolgenden Generationen gegenüber, die Erde so zu hinterlassen, dass auch sie von der Erde leben können und eine gute Zukunft haben.

Liebe Gemeinde,

wenn wir von Adam hören, vom Menschen, so wie ihn Gott wollte, dann geht das nicht, ohne auch von dem zu reden, der der neue Adam war, der Sohn Gottes. Er hat nicht vom Garten Eden gesprochen, aber von Gottes Reich. Die heile, gerechte Welt des Friedens zwischen Gott und den Menschen ist nun wieder möglich, auch wenn wir jenseits von Eden leben. In der Offenbarung des Johannes (21) wird unsere Zukunft beschrieben:
“Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und ich sah die heilige Stadt Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann. Und ich hörte eine große Stimme: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen. Und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein und er selbst Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein.“

Wir sind noch unterwegs. Es gibt viel zu tun. Unser Leben ist bedroht. Doch wir brauchen nicht resignierend die Hände in den Schoß zu legen, denn Gott sorgt nach wie vor für uns und dank Christus steht uns der Himmel offen. Amen

 

Lied 432 Gott gab uns Atem, damit wir leben

 

Predigt zum 14. Sonntag nach Trinitatis, 13.09.2020, Bartholomäuskirche Markgröningen

Predigttext: Lukas 19,1-10 von Pfarrer Dr. Frank Dettinger

 

Liebe Gemeinde,

Katzen sind gute Kletterer. Aber schon manche Katze schaffte es zwar auf den Baum hinauf, aber nicht mehr herunter. Im Kinderhörspiel kommt dann die Feuerwehr und rettet die Katze mit der langen Leiter. Und anscheinend soll es solche Feuerwehreinsätze auch in der Realität schon gegeben haben. Manche Katzen reizt es irgendwie von Natur aus, auf Bäume zu klettern. Auf einen Baum hinauf zu steigen, das hat auch eine tiefe, eine wichtige Bedeutung, ja mehrere Bedeutungen. Und eben darum geht es heute im Predigttext. Es ist eine bekannte Geschichte – die Geschichte vom Zöllner Zachäus. Ich lese aus Lukas 19, die Verse 1-10:

 

1 Jesus ging nach Jericho hinein und zog durch die Stadt. 2 In Jericho lebte ein Mann namens Zachäus. Er war der oberste Zolleinnehmer in der Stadt und war sehr reich. 3 Er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus sei. Aber er war klein und die Menschenmenge versperrte ihm die Sicht. 4 So lief er voraus und kletterte auf einen Maulbeerfeigenbaum, um Jesus sehen zu können; denn dort musste er vorbeikommen. 5 Als Jesus an die Stelle kam, schaute er hinauf und redete ihn an: »Zachäus, komm schnell herunter, ich muss heute dein Gast sein!« 6 Zachäus stieg schnell vom Baum und nahm Jesus voller Freude bei sich auf. 7 Alle sahen es und murrten; sie sagten: »Bei einem ausgemachten Sünder ist er eingekehrt!« 8 Aber Zachäus wandte sich an den Herrn und sagte zu ihm: »Herr, ich verspreche dir, ich werde die Hälfte meines Besitzes den Armen geben. Und wenn ich jemand zu viel abgenommen habe, will ich es ihm vierfach zurückgeben.« 9 Darauf sagte Jesus zu ihm: »Heute ist dir und deiner ganzen Hausgemeinschaft die Rettung zuteilgeworden! Auch du bist ja ein Sohn Abrahams. 10 Der Menschensohn ist gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten.«

 

Liebe Gemeinde,

da geht es also um einen, der auf den Baum steigt. Und die Geschichte zeigt uns gleich eine erste wichtige Bedeutung davon: Zachäus war klein, heißt es da, und er sah nichts, weil ihm die Menschenmenge die Sicht nahm. Eins, zwei, drei – geschickt auf den Baum geklettert, ändert sich das plötzlich. Jetzt sieht Zachäus sehr gut. Jetzt ist sein Horizont ein ganz anderer – er sieht in die Weite. Wer auf einen Baum klettert, gewinnt eine neue Sichtweise – eine weitere, offenere Sichtweise. Die Dinge, die verborgen waren, sind jetzt erkennbar. Das ist mir vertraut – aber ich muss es mir eigentlich immer wieder bewusst machen. Manchmal lohnt es sich, eine andere Position zu suchen, um ein Problem zu lösen. Wenn ich immer nur mit dem gleichen Blick auf eine Sache starre, stecke ich vielleicht in einer Sackgasse. Ein Perspektivwechsel kann aber neue Erkenntnisse bringen. Das kann mir beruflich so gehen – in meinem Projekt komme ich nicht weiter – aber vielleicht dann, wenn ich die Sache mal von einer ganz ungewohnten Seite betrachte. Aber auch bei privaten Fragen und Sorgen kann es helfen, die Sache einmal ganz anders, ungewohnt anzuschauen. Dafür könnte ich jemanden suchen, mit dem ich im Gespräch womöglich auf solche neuen Ideen komme. Zachäus macht es uns vor. Er besteigt den Baum.

Aber es ist nicht nur der ungewohnte weite Blick, nicht nur der Perspektivwechsel, den das Baumbesteigen mit sich bringt. Auf den Baum zu gehen, hat auch etwas mit Flucht zu tun. Der Baum bietet einen Rückzugsraum, einen geschützten Rückzugsraum. Ich bin dort zwar auch einsam – ich bin ein Stück isoliert – aber ich bin eben auch geschützt vor den anderen. Zachäus spürt: Die anderen hassen ihn eh. Er ist bekannt als der, der mit der römischen Besetzungsmacht zusammenarbeitet, er treibt die römischen Steuern ein. Ein unehrenhafter Gauner ist er, so sagen sie, ja sogar ein Betrüger ist er, der bei seinen Geldgeschäften nicht nur für die römische Kasse, sondern auch in seine eigene Tasche wirtschaftet. Als gesellschaftlich verachteter Mensch passt es auch ganz gut, dass er sich auf dem Baum vor den anderen zurückziehen kann – dort ist er für sich und sicher. Mir geht es ebenso, dass ich manchmal die Rückzugsmöglichkeit eines Baumes suchen möchte. Der Baum steht symbolisch dafür, dass wir Menschen uns manchmal aus der Menge herausziehen müssen. Ich muss dafür nicht einmal ein Betrüger und ein ungeliebter Zeitgenosse sein – manchmal brauche ich einfach die Zeit für mich, den Abstand, die Flucht vor allem, was mir zu viel zu werden droht. Zachäus ist diese Flucht gelungen – sein Leben, das ihm, wie wir später erfahren, selbst nicht gefällt, bekommt einen Rückzugsort. Die Gefahr bei einer Baumbesteigung kann dann aber auch sein, sich von oben überheblich vorzukommen. Wer da oben in den Ästen sicher sitzt, kann auch versucht sein, auf die anderen im wahrsten Sinne des Wortes herab zu blicken. Wie schnell dieses Gefühl sich einstellen kann? – ich glaube, manchmal schneller als wir zugeben möchten. Vielleicht dachte Zachäus auf dem Baum auch etwas erleichtert: Ihr da unten! Ihr… Ihr versteht mich sowieso nicht. Ihr seht in mir nur den Betrüger – aber, wie es mir wirklich geht, erkennt ihr gar nicht. Oben auf der Baumkrone mit dem Blick nach unten – da kann sich so ein Gedanke schnell mal einstellen. Doch mein Baum bringt mich letztlich nur in eine kleine Distanz zu den anderen. In nur wenigen Kletterzügen bin ich auch wieder unten – und hab den anderen dann gar nichts mehr voraus. Mit dem Thema der Überheblichkeit muss ich auf jeden Fall umgehen, wenn ich auf dem Baum bin. Ich sollte dieses Thema nicht ausblenden.

Und noch eine Bedeutung kann es haben, wenn wir tatsächlich oder im übertragenen Sinne auf den Baum klettern: Nämlich: Die Bedeutung des emotionalen Durcheinanders. Gefühlschaos kann es mit sich bringen, dass ich aufgeregt werde, geladen werde, und sprichwörtlich auf den Baum steige. – Die anderen sagen dann: „Komm mal wieder runter!“. Beruhige dich, versuch, deine Aufgebrachtheit in den Griff zu bekommen. Es kann Wut sein, es kann Angst sein, es kann Verzweiflung sein – all diese intensiven Gefühle können dafür stehen, dass ich auf dem Baum sitze. Zachäus hatte wahrscheinlich eine diffuse emotionale Situation. Wir lesen: er wollte unbedingt sehen, wer dieser Jesus ist. Ihn treibt etwas an – er ist extrem auf der Suche. Er weiß wohl selbst nicht recht, was er eigentlich sucht. Aber mit seinem Leben, so wie es ist, ist er nicht zufrieden. Gefühlschaos – dazu passt der Baum, den er besteigt. So wie wir im Durcheinander der Gefühle uns manchmal auf einem Baum fühlen – bis man uns sagt: „Jetzt beruhige dich – und komm wieder runter!“

Und so kommen wir schon zu dieser spannenden, zentralen Frage, die ja auch für die Katze wichtig ist: Wie komme ich da eigentlich wieder runter? So einfach ist es nämlich gar nicht, vom Baum herunterzusteigen. Auch für menschliche Baum-Kletterer gilt dasselbe, was für Katzen gilt: Auf einen Baum hochklettern ist viel einfacher, als sicher wieder herunter zu klettern. Zachäus gelingt es, wieder runter zu kommen. Und spannend für uns ist, wie ihm das gelingt, ja was braucht es dazu? – welche Voraussetzungen hat sein Abstieg vom Baum? Jesus kommt nach Jericho. Er läuft mit seinen Jüngern die Straße entlang – und dann sieht er Zachäus auf dem Baum sitzen. Und jetzt nimmt Jesus zu Zachäus Kontakt auf! Unfassbar, wird Zachäus gedacht haben – jetzt spricht dieser Jesus mich auch noch vor allen anderen an! »Zachäus, komm schnell herunter, ich muss heute dein Gast sein!« Es ist diese unerwartete Ansprache – vielleicht schon der Blick, mit dem Jesus zum Baum hinauf sah. In Zachäus beginnt sich etwas zu verändern – und zwar innerlich, von selbst, automatisch – wie wenn ein Knopf gedrückt worden wäre, der jetzt ein Veränderungsprogramm zur Folge hat. Es beginnt ein Veränderungsprogramm, das jetzt eigenständig abläuft. Das ist die Pointe der Geschichte – Zachäus kommt vom Baum als veränderter Mensch. Diese kurze Begegnung, die Ansprache durch Jesus ist für Zachäus die Initialzündung für etwas ganz Neues. Jesus stellt keine Forderungen an sein Leben. Er sagt ihm nur, dass er ihn besuchen muss – ich muss heute dein Gast sein. – Aber für Zachäus ist das überhaupt kein müssen, kein Zwang – voller Freude steigt er vom Baum herunter und nimmt Jesus in seinem Haus bei sich auf. Denn auf dem Baum ist schon etwas passiert – in der kurzen Begegnung mit Jesus ist ein Wunder passiert – so dürfen wir das sagen. Ohne Forderung, ohne Vorwurf hat Jesus Zachäus innerlich umgekrempelt, seine harten, kalten, verkrusteten Seelenanteile schmelzen lassen. Wenn man einen Eisklotz hat, kann man ihn auf zwei Arten kleinkriegen. Man kann mit einem Pickel auf dem Eisklotz herumhauen – und so bringt man ihn durchaus klein nach einiger Zeit und einiger Anstrengung. Man kann aber auch mit Wärme arbeiten – mit Wärme von allen Seiten kann man den Eisklotz in kürzester Zeit zum Schmelzen bringen – viel eleganter als mit dem Pickel. Das Programm, das bei Zachäus abläuft, hat folgende Schritte: Sein Verhältnis mit Gott ist plötzlich geklärt – Jesus ist sein Freund. Und daraus folgt, dass er jetzt von sich aus das Verhältnis zu seinen Mitmenschen klären will. Ohne dass Jesus es angesprochen hätte, sagt Zachäus: »Herr, ich verspreche dir, ich werde die Hälfte meines Besitzes den Armen geben. Und wenn ich jemand zu viel abgenommen habe, will ich es ihm vierfach zurückgeben.« Solch eine Kraft hat Gottes Liebe. Sie verändert Menschen von innen.

Einen Hinweis finden wir noch am Schluss, was Zachäus im Leben wohl gefehlt hat. Jesus sagt zu ihm: „Auch du bist ja ein Sohn Abrahams.“ Damit zeigt ihm Jesus, wer er ist – er gibt ihm eine Identität. Gott schenkt Menschen einen Platz in der Geschichte – eine Rolle, einen Ort, wo wir hingehören dürfen. Ja, wir sind wer, Gott macht uns zu jemand – als Teil einer Gemeinschaft. Jesus ergänzt: „Der Menschensohn ist gekommen, um die Verlorenen zu suchen und zu retten.“ Zachäus war wirklich ein Verlorener, weil er nicht wusste, wo er hingehört. Und schon bei der ersten Begegnung mit Jesus auf dem Baum war ihm klar: Von Jesus bekomme ich endlich meinen Platz, meine Rolle, meine Lebensgeschichte – ja, einen Sinn im Leben. Und nun ist Zachäus wirklich angekommen auf dem gesunden Boden des Lebens – den Baum braucht er nicht mehr.

Ich wünsche uns, dass Jesus uns immer wieder, wenn nötig, von den Bäumen holt – so wie Zachäus. Aber die Bäume haben ja zum Teil auch ihre Berechtigung – es gehört zu unserem Leben, dass wir manchmal im übertragenen Sinne auf Bäume steigen. Gut, dass es Bäume gibt – damit wir mal Abstand nach unten gewinnen können, einen Perspektivwechsel hinbekommen. Gut, dass es Bäume gibt, damit wir uns von Zeit zu Zeit auf ihnen zurückziehen können, einen Ort haben, wohin wir fliehen können. Und gut, dass es Bäume gibt, damit wir einen Ort im Gefühlschaos haben – dass es einen Ort gibt, wo es hingeht, wenn wir emotional verwirrt sind und alles durcheinander ist. Aber wenn es Zeit ist, von den Bäumen herunterzukommen, dann wünsche ich uns Jesus, der vorbeikommt und der uns da oben sieht und uns zuruft: „Komm schnell herunter! Ich muss heute dein Gast sein!“

Amen.

 

Predigt zum 13. Sonntag nach Trinitatis, am 6.9.2020, Bartholomäuskirche, Apostelgeschichte 6, 1-7

von Pfarrer Michael Güthle (Im Gottesdienst wird ein Praktikant der Jugendarbeit verabschiedet und einer begrüßt).

 

Liebe Gemeinde,

in der christlichen Gemeinde soll keiner übersehen werden. Darauf weist uns der Predigttext   aus der frühen Gemeinde in Jerusalem hin. Wo sich Christen treffen, um zu beten und um Gottes Wort zu hören, da darf es nicht sein, dass in ihrer Mitte Menschen ungerecht behandelt oder vernachlässigt werden. Wer Lob- und Danklieder auf Gott singt, dem kann es nicht gleichgültig sein, wie es seinem Nachbarn geht. Die Liebe zu Gott und die Liebe zum Nächsten gehören zusammen. Dieser Geist durchdringt die christliche Gemeinde. Von ihren Anfängen bis heute.

Freilich wird sich mancher fragen, wieso dann die Welt nicht besser aussieht.

Wie oft träumen wir von einer Kirche, in der alle „ein Herz und eine Seele“ sind. Wo wir tatsächlich sehen können, wie der Geist Gottes wirkt und unser Handeln bestimmt, wo es keine Enttäuschungen und Missverständnisse mehr zwischen Menschen gibt, wo sich jede und jeder angenommen fühlt und weiß, er wird beachtet und er ist den andern wichtig. Solch eine Gemeinschaft würde doch eine hohe Anziehungskraft ausüben und dann würde das geschehen, wovon in der Apostelgeschichte so eindrücklich erzählt wird: das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß.

Stattdessen erleben wir heute, wie Menschen zunehmend der Kirche den Rücken kehren.

Es ist gut, dass die Apostelgeschichte nicht nur das Erfreuliche überliefert, sondern auch von Problemen berichtet, die es in den jungen Gemeinden gab. Wie einfach wäre es doch gewesen, nur von den Erfolgen zu sprechen. Aber dann wäre ein verklärtes Wunschbild von Kirche entstanden und wir würden versuchen, diesem Idealbild nachzujagen. Es wäre auf Dauer sehr mühsam und enttäuschend, die Kirche nach einem vermeintlichen Traumbild formen zu wollen. Das geht in einer Ehe schief, wenn jemand seinen Partner nach seinem Wunschbild zurechtbiegen möchte. Das geht in der Erziehung nicht gut, wenn Eltern die Eigenarten ihrer Kinder nicht wahrnehmen und aus ihren Kindern etwas machen wollen, was sie nicht sind. Und wie viele Versuche gab es, einen idealen Staat zu errichten, die allesamt gescheitert und oft im Gegenteil geendet sind: Wer nicht in das Wunschbild hineinpasste, wurde weggesperrt oder gar getötet.

Die Erzählung der Apostelgeschichte weist uns einen anderen Weg. Sie nimmt uns zunächst das Wunschbild weg. Ob wir es wahrhaben wollen oder nicht. Die christliche Gemeinde wird niemals eine vollkommene und heile Gemeinschaft sein können. Wir leben eben noch nicht im Himmel, sondern auf der Erde. Menschlichen Unzulänglichkeiten gehören dazu.

In der Gemeinde in Jerusalem wurden die griechischen Frauen, die zugezogen waren, nicht beachtet. Sie redeten eine andere Sprache und waren nicht so bekannt wie die einheimischen Witwen. Daher gingen sie bei der täglichen Versorgung – und darauf war eine Witwe angewiesen – immer leer aus.  Das war ungerecht und daher gab es Ärger.

Wer übersehen wird, der fühlt sich ausgestoßen und ist gekränkt. Wir wissen aus eigener Erfahrung, was es heißt einmal übersehen zu werden oder was es bedeutet, wenn wir einen andern übersehen. Da waren wir in großer Eile und haben beim Einkaufen einen Menschen nicht wahrgenommen, obwohl er ganz in unserer Nähe stand. Da haben wir bei einer Veranstaltung viele Menschen freundlich begrüßt und einen übersehen. Was fühlen wir, wenn wir erfahren, ein anderer Mensch, der uns wichtig ist, hat uns übersehen?

Wie muss es Menschen gehen, die ständig übersehen werden? Menschen, die nicht wahrgenommen werden, weil sie keinen Erfolg vorzuweisen haben und auch sonst keine große Ausstrahlung besitzen. Menschen, die erfahren müssen, dass sich keiner für ihre Lebensgeschichte und für ihre Belange interessiert.

Wie oft beschleicht auch manche Jugendliche das Gefühl: ich werde übersehen.

Die Erwachsenen nehmen mich nicht ernst. Und wie erleben es Kinder, wenn sie übersehen werden, wenn sie nicht das notwendige Maß an Liebe und Zuneigung ihrer Eltern erfahren?

In der Gemeinde zu Jerusalem werden die Hilferufe der Übersehenen gehört. Die Apostel sehen das Versäumnis. Sie berufen eine Gemeindeversammlung ein, berichten von den Benachteiligten und suchen nach einer Lösung. Die Gemeinde wählt schließlich 7 Leute aus ihrer Mitte, die dafür sorgen sollen, dass die fremden Witwen die notwendige Verpflegung und Zuwendung bekommen. Die Apostel sollen das Evangelium weiter verkünden und die

7 Diakone sollen für den Liebesdienst am Nächsten zuständig sein. Es ist der Gemeinde wichtig zu betonen, dass beide Seiten zur christlichen Gemeinde gehören.

Denn das Vorbild ist Jesus Christus. Wie kein anderer hat er es verstanden, dass Worte und Taten zusammengehören. Die Botschaft, dass vor Gott kein Mensch vergessen wird, soll in der Gemeinde sichtbar werden. Keiner soll im Stich gelassen werden.

Wenn wir heute einen Praktikanten der Jugendarbeit verabschieden und den neuen begrüßen, dann ist das auch ein Ausdruck dafür, dass uns in der Gemeinde die Jugendlichen und Kinder mit ihren Anliegen wichtig sind. Wir hören ihnen ernsthaft zu und nehmen wahr, was sie beschäftigt und wir helfen, wo wir es können. Und wir hören nicht auf, ihnen die gute Botschaft weiterzugeben, dass sie sich sicher sein können, das Gott für sie da ist und sie gewiss nicht übersieht. Zu den Aufgaben des Praktikanten gehört auch die Mithilfe in der Küche im Kindergarten Arche. Auch solche kleinen Dienste sind wichtig.

Liebe Gemeinde,

lassen wir unser Augenmerk vom Predigttext darauf ausrichten, um zu prüfen, ob wir Menschen in unserer Mitte übersehen. Und überlegen wir dann, was wir selber tun oder in die Wege leiten können, damit sich das ändert. Gewiss können wir auch dankbar sein für all das, was in dieser Hinsicht in unserer Gemeinde bereits geschieht. Menschen werden besucht, man nimmt sich Zeit für ein Gespräch, Kranke werden betreut, Trauernde werden begleitet, Fremde werden willkommen geheißen, Nachbarn helfen einander, kaufen für die Älteren ein, damit die Ansteckungsgefahr durch Corona verringert wird. Menschen werden finanziell unterstützt und erleben, wie sie begleitet werden.

Christus spricht: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan. In diesem Bibelvers, der uns durch diese Woche begleitet, wird betont, wie der Dienst der Liebe selber zum Teil der Verkündigung wird. Daher ist es auch wichtig zu beachten, dass jede und jeder von uns, sich auf seine Weise einbringen kann. Jede und jeder von uns ist Teil am Leib Christi. Wir brauchen uns nicht miteinander zu vergleichen.

Und so freue ich mich auch besonders darüber, wieviel in unserer Gemeinde gebetet wird: für die Kinder und Jugendliche, für die jungen Familien und die Erwachsenen, für die Berufstätigen und Älteren, für die hauptamtlich Tätigen und für alle, die sich ehrenamtlich engagieren. Für die, die aktiv sein können und für die, die eine Pause brauchen oder am Ende ihrer Kräfte sind. Jede und jeder ist willkommen und keiner soll übersehen werden.

Wenige Kapitel weiter heißt es in der Apostelgeschichte: Keinem von uns ist Gott fern.

In ihm leben, weben und sind wir (Apg. 17,27+28). Wir gehören als Verschiedene zusammen. Wenn wir diesen Weg in der Gemeinde weitergehen, dann wird es sicher einmal auch für Markgröningen wieder heißen: Und das Wort Gottes breitete sich aus.

Amen

 

Singen wir die drei Strophen vom Lied:

Wohl denen die da wandeln vor Gott in Heiligkeit (EG 295,1-3).

 

 

Predigt zum 12. Sonntag nach Trinitatis, 30.08.2020, Bartholomäuskirche Markgröningen

Predigttext: Joh 21,15-19, Pfarrer Dr. Frank Dettinger

 

Liebe Gemeinde,

Frühstück am See – das klingt lecker. Frühstück am See – das gab es für Petrus und ein paar weitere Jünger am See Tiberias. Und das Besondere dabei war: Jesus bereitete dieses Frühstück vor, Jesus, der Auferstandene. Diese Geschichte spielt nach Jesu Kreuzigung und Auferstehung – es ist eine Ostergeschichte. Jesus trifft die Jünger, die nachts keine Fische fangen. Und er befiehlt ihnen, es noch einmal zu versuchen – und plötzlich ist das Netz voll. Damit zeigt Jesus, dass er wirklich der auferstandene Jesus ist.

Und nun gibt es Frühstück – Jesus brät die Fische und es gibt Brot dazu. Die Sonne geht auf, es wird Tag. Eine besondere Morgenstimmung am See. Was Petrus in dieser Situation noch nicht ahnt: Er wird von Jesus in ein Gespräch verwickelt – ein für ihn nicht einfaches Gespräch.

Hören wir den Predigttext aus Johannes 21, die Verse 15-19:

15 Da sie nun das Mahl gehalten hatten, spricht Jesus zu Simon Petrus: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr, als mich diese lieb haben? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Lämmer! 16 Spricht er zum zweiten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Er spricht zu ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 17 Spricht er zum dritten Mal zu ihm: Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb? Petrus wurde traurig, weil er zum dritten Mal zu ihm sagte: Hast du mich lieb?, und sprach zu ihm: Herr, du weißt alle Dinge, du weißt, dass ich dich lieb habe. Spricht Jesus zu ihm: Weide meine Schafe! 18 Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Als du jünger warst, gürtetest du dich selbst und gingst, wo du hinwolltest; wenn du aber alt bist, wirst du deine Hände ausstrecken und ein anderer wird dich gürten und führen, wo du nicht hinwillst. 19 Das sagte er aber, um anzuzeigen, mit welchem Tod er Gott preisen würde. Und als er das gesagt hatte, spricht er zu ihm: Folge mir nach!

 

Liebe Gemeinde,

von manchen Fragen kann man überrascht werden. Petrus geht es so an diesem besonderen Morgen. „Liebst du mich?“ – was für eine außergewöhnliche und unerwartete Frage.

Wir können schon als Außenstehende – ohne zu wissen, was die Beziehung zwischen Petrus und Jesus ausmacht, verwundert sein. „Liebst du mich?“ – warum fragt Jesus Petrus das?

Als Menschen sind wir Fragen gewohnt, bei denen es um das geht, was wir können. „Was machen Sie beruflich?“ – „Was haben Sie die letzten Jahre gemacht?“, „Was haben Sie erreicht?“ Die Frage nach der Leistung gibt es standardmäßig bei Vorstellungsgesprächen. Und ich ertappe mich, dass ich so auch beim Kennenlernen von Menschen frage – die Menschen oft nach dem beurteile, was sie zustande gebracht haben.

Die Geschichte zwischen Petrus und Jesus war eine ganz besondere. Als die beiden sich kennenlernten, war Petrus voller Eifer, ja fast übermotiviert. Ein glühender Anhänger Jesu, der ihm versprach, ihn nie zu verlassen. Dann aber kam eine zugegebenermaßen herausfordernde Situation. Jesus wurde verhaftet. Plötzlich ging es um Leben und Tod – und Petrus bekam es mit der Angst zu tun. In der Nacht von Jesu Verhaftung wurde Petrus drei Mal angesprochen und gefragt, ob er zu Jesus gehören würde. Und bei allen drei Gesprächen leugnete Petrus, Jesus zu kennen. „Jesus? Wer? – so jemanden kenne ich nicht – noch nie gehört.“ Petrus versagt – am meisten wohl in seinen eigenen Augen. Petrus zeigt sich menschlich schwach – und lernt dabei sich selbst auf schmerzlichste Weise kennen. Sein ganzer Mut, den er sich doch vorgenommen hatte – in der Situation der Gefahr war plötzlich nichts mehr davon übrig.

Drei Mal leugnete Petrus, Jesus zu kennen – und daraufhin krähte der Hahn. Das hatte Jesus ihm sogar vorausgesagt. Der Hahn würde dann krähen, wenn er drei Mal abgestritten hätte, ihn zu kennen.

Drei Mal war er in der Nacht nach Jesus gefragt worden. Und nun nach dem Frühstück fragt Jesus ihn ebenfalls drei Mal.

Petrus fühlt sich durch die Fragen gequält. Er sagt beim dritten Mal: „Herr, du weißt doch alle Dinge!“ – Aber Jesus ist ein hervorragender Therapeut, könnten wir sagen. Er gibt Petrus die Chance, drei Mal eine Antwort zu geben, die seine anderen drei Antworten aus der damaligen Nacht ersetzen können.

Die Geschichte ist symbolisch aufgeladen – damals die drei Fragen in der dunklen Nacht des Verrats – und jetzt die drei Fragen bei aufgehender Sonne am Anfang des Tages.

Jesus knüpft für Petrus hier genau da an, wo es damals aufgehört hat. Als der Hahn in der Morgensituation krähte, war Petrus gescheitert. Jetzt – zur selben Tageszeit beginnt für Petrus der Weg, der nach vorne zeigt.

Die Frage nach der Leistung wäre auch bei Petrus zu erwarten. „Petrus, was hast du damals gemacht, als ich verhaftet wurde?“, „Petrus, wie hast du mir geholfen, als die Feinde mich festgenommen hatten?“ – Aber all das fragt Jesus nicht.

Und das ist der Clou, die ganz große Überraschung, die diese Geschichte bietet: Es geht bei der Nachfolge nicht um Leistung, sondern um die Frage, wie es um unsere Beziehung zu Gott steht. Es geht um Aufrichtigkeit, nicht um Glaubensheldentum.

Petrus lag die Sache mit der Verleugnung sicher schwer im Magen. Vielleicht konnte er gar nicht wirklich frühstücken an diesem Morgen, weil sein Versagen für ihn gefühlt immer noch zwischen Jesus und ihm stand.

Wir Menschen meinen manchmal, wir dürften das nicht aussprechen, wenn wir versagt haben. Wir dürften uns nicht vor Gott trauen. Aber Jesus macht Petrus und auch uns keine Vorhaltungen zu unseren Schwächen und Fehlern. Sondern er fragt uns: Liebst du mich?

Und jetzt können wir staunen – wie auch Petrus sicher unglaublich gestaunt hat. Petrus erkannte: Wir dürfen das zu Gott sagen: „Ich liebe dich“ – und das genügt, wie Petrus feststellt, denn er hatte ja nichts Tolles vorzuweisen – er sah sich selbst als Feigling und Versager. Und nachdem er erkannt hatte, dass diese Antwort: „Du weißt, dass ich dich liebe“, genügt, folgte sicher eine große Befreiung, eine große innere Erleichterung.

Bei der Nachfolge Jesu geht es im Grunde darum, „sich das Herz von Gott gewinnen lassen“. Das annehmen, dass Gott uns liebt und sich davon verändern lassen. Die Frage Jesu, „Liebst du mich?“ setzt bei Jesus voraus: „Ich liebe dich, Petrus, unendlich.“ – Denn ich, Jesus, halte dir dein Versagen nicht vor – darum geht es mir nicht. Sondern es geht mir darum, dein Herz zu gewinnen – und dir durch meine göttliche Liebe zu ermöglichen, dass du dich innerlich verändern kannst.

Ich als heutiger Christ denke vielleicht noch immer: So viele andere Fragen könnte Jesus stellen, die ich erwarten würde: „Wie oft hast du Gutes getan?“, „Wie viele Bibelkreise hast du gegründet?“, „Wie hast du deine Nachfolge praktisch umgesetzt?“ – Aber nein, das sind nicht die Fragen, die Jesus mir stellt. Sondern auf meine Einstellung kommt es an. Wie ich es mit Jesus und mit Gott meine – ob ich ihm zugeneigt bin. Das ist tatsächlich alles.

Daraufhin erst kommen die Folgen für die Gemeindeleitung. Petrus wurde in der urchristlichen Gemeinde einer der wichtigsten Köpfe. Er wird im Neuen Testament als eine der „Säulen“ beschrieben, die die Zeit der ersten Christen geprägt haben.

„Weide meine Lämmer – weide meine Schafe – weide meine Schafe.“ Drei Mal bekommt Petrus diesen Auftrag, nachdem er drei Mal: „Ja, Herr, du weißt, dass ich dich lieb habe“ geantwortet hatte. Petrus wurde als der Fels der Kirche wahrgenommen. Und das wurde er nicht, weil er der Hans Dampf in allen Gassen war. Er war nicht der Fels, weil er sich sein übereifriges Gemüt seiner Jugend erhalten hatte. Petrus wurde zum Fels der Urgemeinde, weil er sich von Gottes Liebe gewinnen ließ und diese Liebe weitertrug. Er schaute, was notwendig war – aber in Gelassenheit, nicht in Hochspannung. Es geht in der Nachfolge nicht um faule Gelassenheit, sondern um eine gesunde Gelassenheit. Der junge Petrus war ein Hitzkopf. Der geläuterte Petrus war in gesunder Weise gelassen und offen für das, was Gott will – und verfolgte nicht, was er nur selbst wollte.

„Weide meine Lämmer – weide meine Schafe.“

Sei für andere da – als Hirte, in der Leitung der Gemeinde. Hirte heißt auf lateinisch Pastor – Pfarrer – ja, sei Pastor, der sich um die Lämmer und Schafe kümmert. Und tu das gerade in jener gesunden Gelassenheit, die durch Gottes Liebe gelernt werden kann. Und Hirten sind wir uns als Christen letztlich gegenseitig. Luther nannte das das Priestertum aller Gläubigen. Alle sind Priester, Pfarrer, Hirten. Alle Christen sind dazu berufen, sich gegenseitig zu weiden, füreinander zu sorgen, füreinander da zu sein. Wenn wir so wollen, sind wir in diesem Sinne alle zu einer Art Schäferlauf des Alltags berufen. Und das nicht wie der junge Petrus. Kein hektischer, überstürzter, überhitzter Schäferlauf – sondern wir sind eingeladen zu einem besonnen, gelassenen, von wahrer Liebe geprägten Schäferlauf.

Amen.

 

Predigt zum 11. Sonntag nach Trinitatis, 23.08.2020, Bartholomäuskirche Markgröningen

Predigttext: 2. Thess 2, 13-17, Pfarrer i. R. Heinrich Kuttler

 

Wir aber müssen Gott allzeit für euch danken, vom Herrn geliebte Brüder und Schwestern, dass Gott euch als Erstlinge erwählt hat zur Seligkeit in der Heiligung durch den Geist und im Glauben an die Wahrheit, wozu er euch auch berufen hat durch unser Evangelium, damit ihr die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus erlangt.

So steht nun fest und haltet euch an die Überlieferungen, in denen ihr unterwiesen worden seid, es sei durch Wort oder Brief von uns. Er aber, unser Herr Jesus Christus, und Gott, unser Vater, der uns geliebt und uns einen ewigen Trost gegeben hat und eine gute Hoffnung durch Gnade, der tröste eure Herzen und stärke euch in allem guten Werk und Wort. 

 

Liebe Gemeinde!

Von Gott erwählt, gerettet und berufen! Und das aus Liebe. Dafür kann Paulus Gott nur von Herzen danken, wenn er an die Gemeinde in Thessalonich, dem heutigen Thessaloniki, denkt.

Und er ist sich sicher: Die Gemeindeglieder in Thessalonich sind nur der Anfang. Ungezählte werden noch dazukommen, die von Gott erwählt, gerettet und berufen sind. Und das aus dem einzigen Grund heraus, weil Gott sie liebt. Dabei liefern sie selbst keinen Grund dafür. Ohne Vorbedingung liebt sie Gott. Das ist wahre Liebe.

Der Text heute Morgen ruft es uns wieder einmal in Erinnerung und zwar jedem persönlich: Dich hat Gott erwählt, gerettet und berufen. Und der einzige Grund dafür ist, dass Gott dich liebt. Dass Gott dich geliebt hat, bevor dich irgendein Mensch lieben konnte. Er liebt dich grundlos. Darüber kann man wirklich nur staunen. Denn wer bin ich, dass mich Gott so lieben sollte, dass er mich erwählt und gerettet hat und für seine Sache beruft? Oder ganz schlicht und einfach ausgedrückt: Wer bin ich, dass ich hier heute Morgen sitze und dass ich von dem, was in der Bibel steht, erfasst bin und überzeugt davon, dass ich für Gott und seine Zwecke brauchbar bin?

Vielleicht lässt sich jetzt an dieser Stelle die Frage nicht unterdrücken: Warum gerade ich? Warum bin ich erwählt und scheinbar nicht auch der, der mir besonders am Herzen liegt? Warum nicht andere Menschen, die in ihrem Denken und Tun nur um sich selbst kreisen und für die Gott ganz weit weg ist und die ich manchmal nur bedauern kann? Darauf gibt es letztlich keine Antwort. Die Tatsache, dass es Erwählte gibt und Menschen, die nur sich selbst ausgeliefert sind, zeigt aber etwas von der Größe und dem Geheimnis Gottes. Wir werden es nicht begreifen. Wir können nur dafür danken, dass wir grundlos geliebt sind und deshalb erwählt, gerettet und berufen sind.

Es geht um unsere Rettung! Es ist die Rettung von Gott für Gott. Ein Merkmal dieser Rettung ist, so Paulus, dass uns Gottes Geist erfasst hat, dass uns Gottes Geist leitet, damit wir uns seinem Willen entsprechend verhalten. Immer wieder dürfen wir das im ganz alltäglichen Leben erfahren, dann z. B., wenn wir nicht mit einstimmen in den Chor derer, die einen anderen Menschen verdammen, wenn wir stattdessen zur Besonnenheit mahnen, wenn wir einem anderen verzeihen, obwohl wir versucht sind, dem anderen etwas heimzuzahlen. Ein zweites Merkmal unserer Rettung, so betont Paulus, ist der Glaube an die Wahrheit. Was Paulus damit meint, sagt Jesus selbst. Jesus sagt vor Pilatus: Ich bin dazu in die Welt gekommen, dass ich für die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der hört meine Stimme. Glaube an die Wahrheit meint: Jesu Wort und damit zugleich Gott und seinen Möglichkeiten absolut zu vertrauen. Das ist umso wichtiger, weil viele Menschen dem Irrtum verfallen, in ihrem Leben ohne Gott auszukommen oder weil Ich-Sucht und Machtstreben ihre Lebenshaltung bestimmen und oft auch zum Erfolg führen. Sie aber schaden damit sich und anderen.

In den Versen vor unserem Predigttext nennt Paulus ein solches gottloses Verhalten: Werk des Bösen. Das Böse in der Welt steht Gott entgegen.

Wir aber dürfen die Erfahrung machen, dass wir davor gerettet werden, uns selbst so wichtig zu nehmen, dass wir davor gerettet werden, unsere Sicherheit und Geborgenheit nur bei uns selbst zu suchen. Vielmehr dürfen wir die Erfahrung machen, dass wir festgehalten sind und dass Wege sich ebnen, dass sich Möglichkeiten ergeben, an die wir gar nicht gedacht haben. Dabei sind wir uns hoffentlich sehr bewusst, auch aus Erfahrung, dass wir grundsätzlich nicht besser oder gescheiter sind als die anderen, sondern dass wir nur staunend dankbar darüber sind, dass wir von Gott erwählt und damit für Gott gerettet und berufen sind. Aber noch einmal: Das ist nicht unser Verdienst, das ist allein das Werk Gottes an uns und dafür gibt es nur einen einzigen Grund dafür: Der Apostel kann nur sagen: Ihr seid die vom Herrn geliebten Brüder und Schwestern.

Die Rettung von Gott für Gott erreicht nun darin ihr Ziel, so Paulus: Ihr seid berufen durch unser Evangelium, damit ihr die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus erlangt.

Darin hat die Liebe Gottes also ihr Ziel, dass wir die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus erlangen. Die Zukunft, die wir vor uns haben, ist nicht der Untergang, ist nicht der Tod, sondern unsere Zukunft ist, teilzuhaben an der Herrlichkeit Jesu. Diese Zukunftserwartung muss allerdings zu allen Zeiten in einer Zeit gelebt werden, die gar nicht herrlich ist und unter Menschen, die ganz andere Zukunftsaussichten haben. Unsere Zukunftsaussicht muss gelebt werden unter Menschen, die ihre letzte Zukunft am Grab enden sehen oder gar in einem Weiterleben in einem anderen Menschen. Eine sichere Hoffnung über das Grab hinaus gibt es für sie nicht. Wir aber dürfen wissen: Berufen zur Herrlichkeit mit Jesus.

Wie diese Herrlichkeit Jesu genau aussieht, kann auch Paulus nicht sagen, aber wir dürfen im Ohr haben, was Jesus dem Mitgekreuzigten zuspricht: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. Mit Jesus, den Gott von den Toten zum Leben erweckt hat, in der ewigen Gegenwart Gottes. Das ist die Herrlichkeit unseres Herrn Jesus Christus.

Paulus kann deshalb nur sagen: So stehet nun fest und haltet euch an die Überlieferungen, in denen ihr durch uns unterwiesen worden seid.

Ganz schlicht ausgedrückt heißt das doch: Haltet euch an das, was in der Bibel steht und an das, was Menschen davon sagen und schreiben, was sie mit Gott erlebt haben. Eines ist für Paulus klar: Die Worte der Bibel, die Glaubenserfahrungen anderer Menschen, sie bleiben für uns keine toten Buchstaben und keine leeren Worte. Sicher! Nicht jedes Wort der Bibel, nicht jede Predigt, nicht jede christliche Schrift, nicht jeder Bericht spricht uns an, aber umsonst ist das Lesen und Hören biblischer Botschaft ganz sicher nicht. Schon allein deshalb nicht, weil wir aus Liebe erwählt, gerettet und zum ewigen Leben berufen sind. Schon deshalb nicht, weil Gott unser Vater ist. Nicht umsonst sagt Paulus: Gott, unser Vater hat uns einen ewigen Trost und eine gute Hoffnung gegeben. Wo aber finden wir ewigen Trost und gute Hoffnung, wenn nicht in der Bibel, in den Liedern, in christlichen Schriften, in Zeugnissen anderer Menschen?

Vor einigen Tagen sind wir, meine Frau und ich, völlig unbeabsichtigt auf ein Interview gestoßen in Bibel TV mit Amalia Sedlmayr. Die 28jährige Frau erzählte, dass sie jahrelang schreckliche Knochen- und Muskelschmerzen hatte, das Nervensystem zusammenbrach und sie deshalb auch Sprachstörungen hatte. Kein Arzt konnte ihr sagen, woher das käme. Keine Therapie half und die schrecklichen Schmerzen blieben. Sie kam wieder einmal ins Krankenhaus, diesmal zum Sterben, wie sie dachte. Der Moderator fragte Amalia Sedlmayr:

„Was haben Sie in all den schrecklichen Schmerzen gedacht? Haben sie da nicht an Gott gezweifelt? Was haben Sie gedacht, als Sie ins Krankenhaus eingeliefert wurden, um zu sterben?“ Zum Erstaunen antwortete sie: „Ich habe gedacht: Wenn ich jetzt gehe, dann gehe ich zum Herrn. Wenn ich aber weiterlebe, dann wird alles gut werden.“ Sie berichtet dann, dass ein Assistenzarzt einer inneren Eingebung folgend einen Test auf Schwermetalle machte, an den vorher noch niemand gedacht hatte und dieser Test ergab, dass Amalia Sedlmayr eine schwere chronische Bleivergiftung hatte. Drei Jahre dauerte das Schmerzmartyrium bis zu diesem Augenblick. Trotz vieler Therapien trägt die Frau bis heute bleibende Schäden davon. Sie musste ihr Studium in den Sprachwissenschaften aufgeben und konnte für Monate nur wenige Schritte am Rollator gehen. Trotz Geh- und Stützhilfen studiert sie jetzt mit eiserner Disziplin an der Sporthochschule in Köln. Sie möchte Trainerin für Menschen mit Einschränkungen werden und sie selbst ist begeisterte Ruderin. Ihr Traum ist, an den paraolympischen Spielen teilzunehmen. Zum Schluss des Gesprächs sagte sie: Man darf Gott klagen, aber dabei hat man sich an Gott festzuhalten. Denn man kann noch so tief in die Tinte fallen, es wird alles wieder gut. Das sagt jemand, der sich mit dem Gedanken tragen muss, dass man vielleicht beide Beine oberhalb des Schienbeins amputieren muss, damit die oft unsäglichen Schmerzen endgültig aufhören.

Paulus kann seinen Briefempfängern auf die Tatsache, dass Gott uns einen ewigen Trost und eine gute Hoffnung gibt, so wie wir es bei Amalia Sedlmayr gesehen haben, nur schreiben: Unser Herr Jesus Christus und Gott, unser Vater, der stärke euch in allem guten Werk und Wort.

Wir können in der Tat unserem Herrn und Gott, dem Vater nur von Herzen danken, dass wir aus freier Liebe heraus zum ewigen Leben erwählt, gerettet und berufen sind. Dieser Dank bewahrt uns auch vor aller Überheblichkeit und macht uns bescheiden. Unser Dank dafür kann aber sichtbar und hörbar werden. Unser Dank kann sichtbar werden, wenn wir zusammenkommen, um, wie Paulus sagt, das Wort des ewigen Trostes zu hören, nämlich das Wort dessen, der uns eine – und nun wörtlich – eine brauchbare Hoffnung gegeben hat. Dank im Tun geschieht, wenn wir einem anderen eine Freude bereiten und dabei nicht auf Dank warten. Unser Dank kann sichtbar werden, wenn wir einem anderen helfen und dabei selbst auf etwas verzichten. Es kann sich ja jeder und jede unter uns überlegen, ob er einen Menschen kennt, dem er einfach etwas Gutes tun kann, das dem anderen hilft oder ihn einfach freut. Und täuschen wir uns nicht! Manche Menschen hungern geradezu nach einem guten freundlichen, aufmunternden Wort. Das braucht gar nicht fromm sein, aber der andere muss daraus spüren, dass wir uns jetzt ihm ganz zugewendet haben. Wir sind selbst bei dieser Art Dank nicht allein gelassen. Wie sagt Paulus: Der Herr stärke euch in allem. Also keine Angst, wenn wir Gutes tun oder sagen wollen. Die Kraft, die Wirkung unseres Tuns kommt nicht aus uns heraus, sie kommt aber von dem, der uns erwählt, gerettet und zum ewigen Leben berufen hat und das einzig und allein deshalb, weil er uns liebt, ohne dass wir ihm einen Grund dafür geliefert haben.

Amen.

 

Predigt zum 10. Sonntag nach Trinitatis, 16.08.2020, Bartholomäuskirche Markgröningen, 10.30 Uhr

Sommerpredigtreihe „Berggeschichten“ , Predigttext: Mt 17, 1-9 – „Abstand gewinnen“

Pfarrer Dr. Frank Dettinger

 

Liebe Gemeinde,

das Leben braucht Höhepunkte. Von Zeit zu Zeit muss etwas Ausgefallenes passieren, es muss der Alltag unterbrochen werden. Schon in der Schöpfung hat Gott sechs Werktage und einen Ruhetag – als gefühlten Höhepunkt der Woche – für die Menschen vorgesehen.

Ein klassischer Höhepunkt im Leben sind Hochzeitsfeiern – sie heißen nicht umsonst Hoch-Zeiten. Wer geheiratet hat, erinnert sich meist lebenslang an diesen Tag. Und auch Gäste auf Hochzeitsfeiern vergessen diese Feiern kaum. Höhepunkte im Leben – es gibt sie bei allerlei Festen. Und es gibt die Höhepunkte durch die Ferienzeiten, die Urlaubszeiten. Und schon ein Glas Wein oder ein kühles Bier am Abend ist manchmal ein Höhepunkt nach einem anstrengenden Tag. Dass das Leben wirklich Höhepunkte braucht, darüber erfahren wir heute etwas im Predigttext aus dem Matthäusevangelium. Ich lese aus Matthäus 17, die Verse 1 bis 9:

 

1 Und nach sechs Tagen nahm Jesus mit sich Petrus und Jakobus und Johannes, dessen Bruder, und führte sie allein auf einen hohen Berg. 2 Und er wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. 3 Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm. 4 Petrus aber antwortete und sprach zu Jesus: Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. 5 Als er noch so redete, siehe, da überschattete sie eine lichte Wolke. Und siehe, eine Stimme aus der Wolke sprach: Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören! 6 Als das die Jünger hörten, fielen sie auf ihr Angesicht und fürchteten sich sehr. 7 Jesus aber trat zu ihnen, rührte sie an und sprach: Steht auf und fürchtet euch nicht! 8 Als sie aber ihre Augen aufhoben, sahen sie niemand als Jesus allein. 9 Und als sie vom Berge hinabgingen, gebot ihnen Jesus und sprach: Ihr sollt von dieser Erscheinung niemandem sagen, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden ist.

 

Liebe Gemeinde,

wer auf einem Berg wandert, erlebt das immer wieder: einen Höhepunkt. Der geographische Höhepunkt – etwa an einem Gipfelkreuz mit einem Blick über die Weite – so ein geographischer Höhepunkt ist meist auch ein innerer, gefühlter Höhepunkt. Herrlich kann es sein, wenn ein Berg bezwungen wird, wenn wir ganz oben ankommen. Der Berg ist ein wunderbares Symbol für das Thema „Höhepunkte“. Am Berg verdeutlicht sich vieles, was Höhepunkte bedeuten, ja warum sie so wichtig sind.

Zuerst schafft der Berg Distanz – und zwar Distanz zum Tal. Im Tal erleben viele Menschen ihren Alltag. Es muss nicht unbedingt ein dunkles Tal sein wie in Psalm 23. Das Tal kann auch für den gewöhnlichen Lebensablauf stehen. Wer dann von unten, vom Tal aus auf den Berg steigt, bekommt Abstand zu den Dingen. Und dieser Abstand tut gut.

Wie gut der Abstand tut, erleben Petrus, Jakobus und Johannes. Jesus gönnt ihnen, einmal Abstand zu bekommen. Er nimmt sie – diese drei auserwählten Jünger – mit sich auf einen Berg. Der späteren Tradition nach war es der Berg Tabor, südwestlich des Sees Genezareth, auf den sie stiegen. Warum nimmt Jesus nicht die ganze Jüngerschar mit sich? Höhepunkte erleben Menschen tatsächlich deutlicher in einer kleinen Gruppe. Es geht ein Stück weit um Individualität – es geht um das Erleben von etwas Besonderem für mich – oder für wenige – aber nicht für alle. Wären alle gleichzeitig auf dem Berg, wäre der freie Ausblick in die Weite nicht mehr möglich. Jesus verschafft diesen drei Jüngern ein exklusives Erlebnis.

Mit dem Höhepunkt auf dem Berg ist Abstand nach unten verbunden – aber überhaupt auch eine ganz andere Wirklichkeit. Die Jünger erleben eine andere Wirklichkeit. Sie sind verblüfft über das, was sie da sehen: „Jesus wurde verklärt vor ihnen, und sein Angesicht leuchtete wie die Sonne, und seine Kleider wurden weiß wie das Licht. Und siehe, da erschienen ihnen Mose und Elia; die redeten mit ihm.“ Auf dem Berg, beim Erleben eines Höhepunkts, erscheinen die Dinge in einem anderen Licht. Die Jünger sehen Jesus verklärt – hell leuchtend, wie sie ihn noch nie wahrgenommen haben. Eine andere Sicht, eine neue Erkenntnis – ja, eben auch dazu brauchen wir Menschen Höhepunkte im Leben. Gute Ideen kommen einem manchmal gerade dann, wenn wir Abstand haben, wenn wir eine andere Wirklichkeit erleben.

Und dass es wirklich ein Höhepunkt ist, den die drei Jünger hier erleben, zeigt das Erscheinen von Elia und Mose. Das Gesetz und die Propheten – dafür stehen diese beiden – ja, die ganze Tradition ist hier greifbar. Das will sagen: In der anderen Wirklichkeit ist die vollkommene Fülle zu sehen und zu erleben. Dabei sehen die Jünger auch: Es ist Jesus, der ihnen diese Fülle bringt. Ja, Gott schenkt ihnen die Fülle durch Jesus – Jesus hat sie als Bergführer auf diesen Berg geführt, sie in diese andere Wirklichkeit, in den Abstand zu ihrem sonstigen Leben gebracht. Jesus, der ihnen auch Gleichnisse von Festmahlen erzählt hat, Jesus, der auf der Hochzeit zu Kana aus Wasser Wein gemacht hat. Jesus, der die Fülle ist, der gesagt hat: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und volle Genüge“ (Joh 10,10). Mit diesem Jesus erleben die Jünger nun die Fülle des Lebens auf diesem Berg. Und wer so einen Höhepunkt des Lebens erlebt, möchte eigentlich nie mehr herunter vom Berg. Das ist verständlich, was Petrus sagt: „Herr, hier ist gut sein! Willst du, so will ich hier drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine.“ Wer Hütten baut, will sich niederlassen. Petrus will diese andere Wirklichkeit zu seinem neuen Wohnsitz machen.

Dass wunderbare Momente nie enden sollen, hat Goethe schon ausgedrückt durch die Stimme von Faust: „Verweile doch! du bist so schön!“, den schönen Moment nie mehr loslassen – das möchte auch Petrus. Petrus erkennt wie im Rausch, wie im Sinnesrausch den tiefen Genuss dieser anderen Wirklichkeit. Er erkennt wie wertvoll, wie kraftspendend, ja wie wohltuend diese Höhepunkt-Erfahrung für seine Seele ist. Gut, wenn wir das anerkennen und uns Höhepunkte im Leben entsprechend gönnen. Gut, wenn wir hier wahrnehmen, dass es wichtig und richtig ist, von Zeit zu Zeit Berge zu besteigen – im wörtlichen und im übertragenen Sinn. Ja, Gott selbst will auf Berge führen – Jesus führt hier seine Jünger in diese andere Wirklichkeit.

Der Sinnesgenuss kann für jeden Menschen etwas anderes sein. Für manche ist es vielleicht auch Musik. Für manche ist es wie schon gesagt das kühle Bier nach einem anstrengenden Tag. Welche andere Wirklichkeit uns jeweils gut tut, ja, uns beflügeln kann, ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich.

Petrus‘ Wunsch, für immer zu bleiben, ist verständlich. Aber es ist nicht der Sinn der Höhepunkte im Leben, dass sie nie mehr aufhören. Das hören wir durch Gottes Stimme.

In dieser anderen Wirklichkeit spricht Gott selbst – unfassbar, was wir hier lesen. Allein bei Jesu Taufe und hier beim Bericht über Jesu Verklärung gibt es das in den Evangelien: Dass Gott selbst spricht, dass seine Stimme erklingt. Aus der Wolke hören die Jünger die Stimme Gottes: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ – Nicht auf dem Berg bleiben, sondern auf Jesus hören – das ist nun Gottes Anmerkung zum Erleben der anderen Wirklichkeit. Zum einen sollen die Jünger sich nicht fürchten. Jesus spricht ihnen Mut zu, als sie vor Schreck über diese Stimme zu Boden fallen. Jesus sagt: „Fürchtet euch nicht!“ Das Erleben des Höhepunktes, das Erfahren dieser anderen Wirklichkeit ist kein Grund sich zu fürchten. Sie sollen ja das erleben, was sie gerade erleben. Die andere Wirklichkeit im Leben darf es, ja soll es geben – wir sollen sie nicht fürchten, nicht aus falschen Gründen auf Höhepunkte verzichten.

Aber zum anderen sollen wir auch nicht Wurzeln schlagen in der anderen Wirklichkeit. Auf Jesus sollen die Jünger hören, so sagt es die Stimme Gottes. Und Jesu Standpunkt wird deutlich: Er führt seine Jünger schließlich wieder hinunter. Das Bergerlebnis soll nicht zur neuen Dauer-Wirklichkeit werden. Sondern das Erlebnis auf dem Berg soll den Jüngern helfen, ihren Alltag wieder zu meistern. Der Höhepunkt im Leben soll motivieren, auch wieder im Normalbetrieb des Lebens Nachfolgerin und Nachfolger Jesu zu sein. Es geht weiter – nach dem Erlebnis auf dem Berg, geht es für die Jünger weiter, wo es vorher aufgehört hat: Jesus predigt und wendet sich Menschen zu. Jesus heilt als Nächstes einen Jungen, der unter epileptischen Anfällen leidet. So geht es weiter in der Erzählung bei Matthäus nach dem Abstand-Nehmen vom Alltag. Jesus zeigt seinen Jüngern: Es ging auf dem Berg darum, dass ihr Kraft tankt, dass ihr von Gottes Geist erfüllt werdet. Und so könnt ihr jetzt weiter meine Jünger sein – könnt auch ihr anderen Menschen dienen, Liebe weitergeben, euch den anderen zuwenden.

So soll es auch bei mir im Alltag weitergehen nach einem erfüllenden Gottesdienst, nach einem ergreifenden Konzert, nach einer gesegneten Gemeinschaft. Und: Geheim halten sollen die Jünger, was sie erlebt haben. Sie sollen das Erlebte nicht weitererzählen, so befiehlt es ihnen Jesus. Denn es geht nicht ums Angeben, was für geniale Höhepunkte ich erlebt habe, wie sehr ich beglückt war durch eine andere Wirklichkeit. Die andere Wirklichkeit, das Abstand-Gewinnen, wäre falsch verstanden, wenn wir damit prahlen. Es soll uns für unser Leben helfen. Der Fokus soll nach dem Höhepunkt neu ausgerichtet werden auf die Nachfolge Jesu.

Gott selbst hat das Leben so eingerichtet. Wie schon gesagt, bereits durch die Gliederung der Woche, dürfen wir uns ermutigen lassen: Sechs Tage sollst du arbeiten, einen Tag sollst du ruhen – einen Tag sollst du eine andere Wirklichkeit erleben, soll es einen Höhepunkt in der Woche geben. Manchmal fällt es gerade Christen nicht leicht, sich etwas zu gönnen, sich auf andere Wirklichkeiten hoch oben auf dem Berg einzulassen. Aber Gott ermutigt uns. Und er zeigt uns durch diese Geschichte von Jesu Verklärung, wie wir auf gute, gesunde Weise die andere Wirklichkeit in unserem Leben zulassen können. Er warnt mich hier vor den Gefahren und vor Missverständnissen: Ich soll keine Wurzeln schlagen, keine Hütten bauen, in denen ich mich in der anderen Wirklichkeit dauerhaft einrichte. Und ich soll nicht prahlen, den Genuss nicht losgelöst sehen vom Zusammenhang mit meinem alltäglichen Leben. Um dieses alltägliche Leben in der Nachfolge soll es nach dem Höhepunkt immer wieder gehen.

Gott schenke uns die Weisheit, dass wir immer wieder auf gute Weise den Berg besteigen und auch auf gute Weise wieder zurückfinden. Gott schenke uns die richtige Balance des Lebens – durch Jesus, der nicht nur für die Jünger damals, sondern auch für uns Bergführer sein will.

Amen.

 

Predigt am 9.August 2020 von Pfarrer Michael Güthle in der Bartholomäuskirche.

Im Gottesdienst wurde eine Familie getauft.          

 

Predigttext: 1. Mose 22,1-14 „Glaubensprüfung“

Gott versuchte Abraham und sprach zu ihm: Abraham! Und er antwortete: Hier bin ich.

Und er sprach: Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast, und geh hin in das Land Morija und opfere ihn dort zum Brandopfer auf einem Berge, den ich dir sagen werde. Da stand Abraham früh am Morgen auf und gürtete seinen Esel und nahm mit sich zwei Knechte und seinen Sohn Isaak und spaltete Holz zum Brandopfer, machte sich auf und ging hin an den Ort, von dem ihm Gott gesagt hatte. Am dritten Tage hob Abraham seine Augen auf und sah die Stätte von ferne.

Und Abraham sprach zu seinen Knechten: Bleibt ihr hier mit dem Esel. Ich und der Knabe wollen dorthin gehen, und wenn wir angebetet haben, wollen wir wieder zu euch kommen. Und Abraham nahm das Holz zum Brandopfer und legte es auf seinen Sohn Isaak. Er aber nahm das Feuer und das Messer in seine Hand; und gingen die beiden miteinander. Da sprach Isaak zu seinem Vater Abraham: Mein Vater! Abraham antwortete: Hier bin ich, mein Sohn. Und er sprach: Siehe, hier ist Feuer und Holz; wo ist aber das Schaf zum Brandopfer? Abraham antwortete: Mein Sohn, Gott wird sich ersehen ein Schaf zum Brandopfer. Und gingen die beiden miteinander.

Und als sie an die Stätte kamen, die ihm Gott gesagt hatte, baute Abraham dort einen Altar und legte das Holz darauf und band seinen Sohn Isaak, legte ihn auf den Altar oben auf das Holz und reckte seine Hand aus und fasste das Messer, dass er seinen Sohn schlachtete. Da rief ihn der Engel des HERRN vom Himmel und sprach: Abraham! Abraham! Er antwortete: Hier bin ich. Er sprach: Lege deine Hand nicht an den Knaben und tu ihm nichts; denn nun weiß ich, dass du Gott fürchtest und hast deines einzigen Sohnes nicht verschont um meinetwillen. Da hob Abraham seine Augen auf und sah einen Widder hinter sich im Gestrüpp mit seinen Hörnern hängen und ging hin und nahm den Widder und opferte ihn zum Brandopfer an seines Sohnes statt. Und Abraham nannte die Stätte „Der HERR sieht“. Daher man noch heute sagt:

Auf dem Berge, da der HERR sich sehen lässt.

 

Liebe Gemeinde,

zum Glück versteht der kleine Noah nicht diese Geschichte, die wir gerade gehört haben. Sonst würde er sich fragen, warum, um Himmels willen, haben mich meine Eltern taufen lassen? Ich will doch nicht zu einer Gemeinschaft gehören, die an solch einen grausamen Gott glaubt, der einem Vater zumutet, seinen eigenen Sohn zu opfern. Nun, an der Taufe haben wir ja gerade andere Aussagen von Gott gehört. Er wendet sich jedem einzelnen Menschen zu und sagt: Du bist einzigartig, du bist mir wichtig. Dich habe ich gewollt.  Und er verspricht für Noah und auch für seine Eltern zu sorgen, sie zu beschützen und ihre Hoffnung zu stärken, dass sie einen guten Weg als Familie und zusammen mit ihren Angehörigen und Freunden in die Zukunft gehen können.

Wie ist diese Berggeschichte von Abraham zu verstehen?

Nun, zunächst müssen wir ganz nüchtern feststellen, dass diese Geschichte ausspricht, was nach wie vor grausame Wirklichkeit in unserer Welt ist. Kinder werden immer noch geopfert. Manche erfahren keine elterliche Zuwendung und werden missbraucht, andere werden unter fürchterlichen Bedingungen zur Kinderarbeit gezwungen. Kinder werden als Soldaten in den Krieg geschickt. Kinder, auch Frauen und Männer, werden noch immer auf manchen Altären geopfert, für Machtinteressen, für Wirtschaftsinteressen, für fanatische Religionsausübung.

Beachten wir zunächst, in welcher Situation diese Geschichte von Abraham entstanden ist.

Im damaligen Land Kanaan, in dem Abraham unterwegs ist, gab es Menschenopfer. Beim Bau eines Hauses wurde ein Kind in das Fundament eingemauert. Vom Propheten Jeremia hören wir, dass die Israeliten in Versuchung waren, diese Sitte zu übernehmen. Diese Geschichte endet mit dem eindeutigen Bekenntnis, dass Kinder nicht geopfert werden dürfen. Stattdessen nimmt Gott das Tieropfer an. –

Vor allem aber fordert uns diese Berggeschichte auf, unsere Vorstellung von Gott zu überprüfen. Wer glaubt nicht gern an einen liebenden und barmherzigen Gott, der immer für uns da ist und unser Bestes will? Ein Gott, der uns liebt, ist jedoch kein lieblicher und harmloser Gott. Er ist kein Gott, der immer so handelt, wie es uns gerade gut passen würde. Wir Menschen wollen zwar immer wieder über Gott verfügen, aber wir können es nicht. Gott ist immer auch ganz anders. Gott ist immer auch der Gott, der uns fremd ist, der uns Dinge zumutet, die wir absolut nicht verstehen können.

Die Geschichte beginnt mit den Worten: Gott versuchte Abraham.  Gott selber ist es, der den Glauben von Abraham prüft und herausfordert. Und ob es uns passt oder nicht: Gerade in den schwersten Zeiten, soll sich der Glaube bewähren. Gerade dann, wenn wir erschüttert werden, wird es sich zeigen, ob wir im Vertrauen auf Gott bleiben.

Worte über den Glauben an Gott sind oft schnell gesprochen. Doch wenn wir Wege gehen müssen, die hart sind, dann ist es schwer, den Glauben nicht zu verlieren. Martin Luther sagte zu der Versuchung von Abraham: „Das ist eine wahrhaft patriarchalische Anfechtung. Ich hätte nicht Zuschauer, geschweige denn Handelnder und Opfernder sein können.“ –

Nicht umsonst bitten wir im Vaterunser „Führe uns nicht in Versuchung.“ Denn wir wissen nicht, wie wir solch schwere Prüfungen bestehen werden. Abraham bleibt auch in dieser Situation ein Vorbild im Glauben. Er hält daran fest, dass Gott selber sein Wort nicht brechen wird. Gott hatte ihm seinen Segen gegeben und viele Nachkommen versprochen. Dennoch muss Abraham in das tiefste Dunkel hinein. Gott selber scheint alles zunichte zu machen, was er früher versprochen hat. Abraham weiß nicht, wie es weitergehen soll. Doch er hört Gottes Stimme und folgt ihr. Immerhin kann er zu seinem Sohn in seiner Todesangst noch sagen:  Gott wird ersehen. Das heißt: Ich sehe nichts, in mir ist alles dunkel. Aber Gott sieht, darauf will ich mich verlassen.

In der Geschichte unserer Kirche mussten viele Menschen solche Bewährungsproben durchstehen. Dabei ist ein Glaubensschatz entstanden, der uns helfen kann, wie zum Beispiel das Lied von Hedwig von Redern: „Weiß ich den Weg auch nicht, du weißt ihn wohl.“ Oder von Arno Pötzsch: „Du kannst nicht tiefer fallen als nur in Gottes Hand“. Oder Martin Luther: „Und wenn mich Gott durch die Hölle führt, dann will ich mit ihm gehen, weil dann die Hölle noch zum Himmel für mich werden muss“. Oder Hölderlin: „Nah ist und schwer zu fassen, der Gott. Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.“

Liebe Gemeinde,

Menschen wir oft Schweres zugemutet. Unser Leben ist nicht immer leicht. Trotz der Taufe gibt es keine Garantie, dass wir vor Unglück und Leid verschont werden. Wir erleben Gott nicht immer als denjenigen, der unser Bestes will. Doch deshalb brauchen wir nicht zu verzweifeln. Denn diese Berggeschichte von Abraham ist auch wie ein Fenster, durch das wir weitersehen können.

Hinter dem Berg, auf dem Abraham den Opferaltar für seinen Sohn errichtet, sieht man den Hügel von Golgatha. Abraham hat seinem Sohn das Holz aufgelegt, das er auf den Berg hinaufträgt. Später trägt Jesus das Holz, den Kreuzesbalken, den Berg hinauf. Gott hat seinen eigenen Sohn jedoch nicht verschont, sondern als Lamm geopfert, in Stellvertretung für unsere Sünden, damit wir erlöst und gerettet werden. Wieder könnten wir fragen, was ist das für ein grausamer Gott, der seinen Sohn sterben lässt?

Dabei gilt es zu jedoch beachten, dass Jesus nicht nur Mensch, sondern auch selber Gott ist. Somit opfert sich Gott selber für uns Menschen. Deutlicher kann er nicht sagen, dass es endlich keine Menschenopfer – und auch keine Tieropfer – mehr geben darf. Auf dem Opfertisch steht das Kreuz. Und wir wissen, dass Jesus nicht im Tod geblieben, sondern auferstanden ist. Deutlicher kann uns Gott nicht zeigen, dass wir auch ganz unten in der Tiefe von ihm gehalten und getragen sind. Weil sich Gott selber für uns hingibt, sind wir zum Leben befreit und können uns für ein besseres Leben auf unserer Welt einsetzen. Keiner braucht sich mehr für den andern aufzuopfern. Wir müssen Gott nicht mehr durch irgendwelche Maßnahmen gnädig stimmen. Das Opfer des einen Sohnes ist ein für alle Mal für alle geschehen. Denn Gott will, dass allen Menschen geholfen wird. Dazu stärkt er uns immer wieder in dem hoffnungsvollen Glauben, dass wir auch bedrohliche Berge überwinden können. Amen

Wir singen das Lied: Ich steh in meines Herren Hand (Ev. Gesangbuch, Nr. 374)