Herzlich willkommen bei der Evangelischen Kirchengemeinde Markgröningen!

Wir freuen uns, dass Sie unsere Homepage besuchen.
Auf dieser Seite möchten wir uns Ihnen vorstellen und Ihnen einen Einblick in das Leben unserer Gemeinde geben.

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Wenn Sie mit uns in Kontakt treten möchten, wenden Sie sich bitte per E-mail, Telefon oder persönlich an uns.

Die verschiedenen Ansprechpartner finden Sie unter der Rubrik Kontakt.

Veranstaltungen im Juli 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Willkommen zum Gottesdienst

Wir freuen uns, wieder zum Gottesdienst um 10 Uhr in die Bartholomäuskirche einladen zu können.

Bitte beachten Sie beim Kirchenbesuch die folgenden Hinweise:

  • Halten Sie grundsätzlich 2 Meter Abstand.
  • Es ist nicht unhöflich, wenn wir zur Zeit einander nicht die Hand geben.
  • Sitzen Sie verteilt in allen Bereichen der Kirche auf den markierten Plätzen!
  • Husten- und Niesetikette: Husten und Niesen in die Armbeuge – bei größtmöglichem Abstand zu anderen Personen, am besten wegdrehen.
  • Nutzen Sie die Möglichkeit zur Desinfektion der Hände an den Eingängen.
  • Tragen Sie möglichst eine Mund-Nasen-Bedeckung.
  • Berühren Sie nicht Ihr Gesicht und keine anderen Personen.
  • Öffentlich zugängliche Handkontaktstellen wie Türklinken möglichst nicht mit der Hand anfassen.
  • Bei Krankheitsanzeichen bitten wir Sie nach Hause zu gehen und ggf. medizinische Behandlung in Anspruch zu nehmen.
  • Toilettennutzung: Nur einzeln möglich. Schild „Offen“ bzw. „Belegt“ an der Tür zum Pfarrhaus entsprechend drehen (möglichst mit Handschuhen / einem Stück Stoff Ihrer Kleidung)

83 Personen finden im Kirchenraum Platz.

Die Bartholomäuskirche ist auch nachmittags geöffnet: Sonntags von 14-17 Uhr und werktags von 14-16 Uhr.

Bitte beachten Sie die Hygiene-Regeln.

Auf den folgenden Seiten können Sie die Predigten nachlesen und am Große-Kirche-Kleine-Leute-Gottesdienst teilnehmen.

Wir freuen uns, dass ab 12. Juli 2020 auch die Kinder wieder miteinander Gottesdienst feiern können.

Jeden Sonntag, um 10 Uhr, im Gemeindehaus (Kirchplatz 8).

Herzlich willkommen!

 

 

 

 

Predigten Juni und Juli 2020

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis (5.7.2020) von Pfarrer Michael Güthle, Bartholomäuskirche Markgröningen

 

Bibeltext: Römer 12, 17-21

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

Liebe Gemeinde,

wie kann menschliches Zusammenleben gelingen? Wie kann die Liebe Gottes in unserem Leben Wirklichkeit werden? Wir wissen, dass das gar nicht so einfach ist. Wie oft gelingt es wenigen Menschen den Krieg anzuheizen, die Spirale der Gewalt weiter zu treiben, rücksichtslos zu morden und zu töten? Oft sind es auch wenige die durch Zerstörungswut Angst und Schrecken verbreiten. Denken wir nur an die Gewaltnacht in Stuttgart. Doch wir müssen nicht nur auf andere zeigen, sondern uns selber fragen, wo wir Böses getan haben. Nicht umsonst bitten wir in der Beichte um Vergebung für das, wo wir in Gedanken, Worten und Taten andere geschädigt haben. „Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Römer 7,19), sagt Paulus an anderer Stelle. Auch ein Handeln in guter Absicht kann andere Menschen verletzen oder ihnen schaden. Wilhelm Busch meinte: „Böses tut sich von allein, Gutes will gelernet sein.“  Wir Menschen sind zum Bösen fähig – ob in der vertrauten Familie oder zu unbekannten Menschen. Weil das so ist, brauchen wir immer wieder aufs Neue die Aufmunterung:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Dieser Zuruf ist nicht umsonst als „Magna Charta des Christlichen“ bezeichnet worden. Es geht hier nicht nur darum, sich nicht vom Bösen bestimmen zu lassen, sondern es zu überwinden. Diese Zielrichtung nimmt auch Martin Luther in seinen Erklärungen zu den 10 Geboten auf, wenn er zum

5. Gebot sagt: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten.“ Oder wenn er uns zum 8. Gebot einprägt, dass wir unseren Nächsten nicht nur nicht „belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben [sollen], sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“ Einander helfen, einander beistehen, Gutes über den anderen reden, alles zum Besten kehren – das ist die entgegengesetzte Haltung zu Neid oder gar Hass. Diese christliche Grundhaltung ist vom Wohlwollen für den anderen Menschen geprägt. Sie kann sich daran erfreuen, dass es dem anderen gut geht und sie kann dem anderen sein Glück gönnen. Das Wohlergehen des anderen Menschen liegt uns am Herzen.

Dabei sehen wir auch die Grenzen unserer eigenen Möglichkeiten. Paulus spricht es aus: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden (V 18). Manchmal ist es eben nicht möglich, mit jedermann Frieden zu halten. Doch selbst dann gilt es, die Würde des anderen zu achten.

Aber wie können wir nun zum Wohlwollen gegenüber unseren Nächsten gelangen? Wie kann der Geist der Versöhnung uns Menschen durchdringen? Wir wissen, Liebe lässt sich ja nicht einfach verordnen oder planen. Sie ist ein Geschenk. Gottfried Benn sagte am Ende seines Lebens: „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und das Gute kommt, weiß es auch heute nicht und muss nun gehen.“ Als Christen können wir auf diese Ratlosigkeit immerhin antworten.

Zum einen sind die Worte entscheidend, die der Apostel Paulus seinen Ermahnungen voranstellt. Nämlich: Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes. 

Nicht unsere eigene Kraft ist gefragt, sondern das Leben aus der Barmherzigkeit Gottes. Gott schenkt uns sein Erbarmen. Er nimmt uns an, so wie wir sind. Er gibt unserem Leben seine Würde. Aus diesem Erbarmen Gottes leben wir. Und daher kann es uns gelingen, seine liebevolle Zuwendung weiterzugeben: An die Freunde und an die Feinde. An die Menschen in der Nähe und in der Ferne. „Denn Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute. Er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt. 5,45). „Er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen“ (Lk. 6,35) – so hat es Jesus gepredigt und so hat er es uns vorgelebt. Seine Zuwendung zu den Armen, den Verachteten und Ausgestoßenen, die Stillung von Hunger und Sturm, die Heilung der Kranken und Vertreibung der bösen Geister, all das zeigt uns die Barmherzigkeit Gottes. Wir sind eingeladen, ihm nachzufolgen.

Wir brauchen nicht Böses mit Bösem zu vergelten, nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir. Denn, so spricht der Herr: die Rache ist mein. Das Böse zu strafen – das ist nicht unsere Sache. Strafe ist vielmehr Sache der himmlischen Gerechtigkeit (Rö 12,19) und auch, wie es Paulus später sagt, der weltlichen Gerichte (Rö 13,4). Unrecht ist Unrecht zu nennen, Böses ist böse zu nennen. Doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit kann ich das Böse loslassen und es Gott überlassen. So hindert mich das Böse nicht, dem anderen Gutes zu tun.

Zum anderen gilt es festzuhalten, dass Gott das Böse bereits besiegt hat.

In der Auferstehung Jesu feiern wir den endgültigen Sieg des Guten über das Böse, den Sieg des Lebens über den Tod. Daher vertrauen wir darauf, dass sich Gottes gute Lebensmacht durchsetzen wird, gegen alle bösen Mächte, die Leben zerstören wollen. Als Christen halten wir an dieser Glaubenshoffnung fest: Liebe ist stärker als Hass, Frieden stärker als Gewalt, die Kräfte des Lebens sind stärker als der Tod. Immer wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, dann sagen wir damit „Nein“ zu allen Mächten des Bösen. Im Großen wie im Kleinen soll nicht das Böse unser Leben bestimmen, sondern die heilsame Lebenskraft des lebendigen Gottes. Gott selber will dafür sorgen, dass es uns gelingt Böses mit Gutem zu überwinden. Dietrich Bonhoeffer hat diese Glaubenshoffnung mit den bekannten Worten ausgedrückt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ Heinrich Böll hat einmal geschrieben: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen. Ich glaube an Christus, und ich glaube, dass die Christen auf dieser Erde das Antlitz dieser Erde verändern können. Denn unter Christen ist Barmherzigkeit wenigstens möglich.“

Liebe Gemeinde,

die Ermahnungen des Apostels Paulus ermutigen uns, ein gottgefälliges Leben zu führen, das uns und den andern Menschen hilft. Mit Barmherzigkeit und Wohlwollen lässt sich das Böse überwinden. Nicht weil wir selber so gut sind, sondern weil wir der Liebe Gottes Raum geben können. An einem alten Bauernhaus in Kärnten steht diese Weisheit geschrieben:

Gutes mit Gutem vergelten ist menschlich. Böses mit Bösem vergelten ist viehisch.
Gutes mit Bösem vergelten ist teuflisch. Böses mit Gutem vergelten ist göttlich.

Möge es uns gelingen. Amen.

 

Wir hören nun ein Lied aus dem neuen Liederbuch (Wo wir dich loben plus)

1.Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

2. Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

3. Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns,

da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

 

Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 28.06.2020, von Pfarrer Dr. Frank Dettinger

Bartholomäuskirche Markgröningen, Predigttext: Micha 7,18-20

 

Liebe Gemeinde,

wer bei einem Unglück zu den Opfern gehört, erfährt natürlich Schweres. Wer bei einem Unglück aber zu den Überlebenden gehört, hat es manchmal auch sehr schwer. Ein tragisches Unglück zu überleben, vielleicht als einer von ganz wenigen, kann schwere Schuldgefühle verursachen. Unberechtigte Schuldgefühle sind das in der Regel, aber dennoch ein unvorstellbares Leiden, mit solchen Schuldgefühlen umgehen zu müssen. 2015 gab es einen unfassbaren islamistischen Anschlag auf das Bataclan in Paris. Eine Frau, Aurélia Gilbert, die dort ein Konzert besuchte und wider Erwarten lebend herauskam, hat ein Jahr später Folgendes berichtet: In ihrem Alltag gebe es wenige Veränderungen – aber eines sei neu hinzugekommen: Schuldgefühle. „Warum habe ausgerechnet ich überlebt?“ Sie engagiert sich seither in einem Überlebenden- und Opferverband. Sie sagt: „Das hilft anderen – und mir“. (Quelle: Zeit-magazin)

Gerade noch davongekommen – und in Schuldgefühlen verstrickt. Das ist auch die Situation unseres Predigttextes. Der Prophet Micha spricht zu Menschen, die die großen Katastrophen in der Geschichte Israels überlebt haben. Micha spricht zu verunsicherten Leuten, zu dem „Rest seines Erbteils“, wie es heißt, zu denen, „die geblieben sind“.

Ich lese aus dem Buch Micha, Kapitel 7, die Verse 18 bis 20.

 

18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

 

Liebe Gemeinde,

Schuldgefühle gehören zu den menschlichen Grunderfahrungen. Schuldgefühle gehören zum Menschsein. Es gibt nun mal das Thema Schuld und Schuldgefühle im Leben von uns Menschen. Und die Kirche, ja der christliche Glauben hat eigentlich Expertenwissen gerade auf diesem Gebiet. Die Frage nach Schuld gehört zum Kerngeschäft, könnte man sagen, dazu haben die Kirche und der christliche Glaube ganz wichtige Dinge zu sagen. Der Vorwurf, dass die Kirche manchmal auch zu viel von Sünde und Schuld gesprochen hat, ist berechtigt. Es darf nicht darum gehen, Menschen Schuld einzureden – das wurde manchmal gemacht oder wird immer noch gemacht. Unselig ist das, Menschen gefühllos in innere Nöte zu führen. Aber zentral bleibt trotzdem, dieses menschliche Thema aufzugreifen und in Angriff zu nehmen, ja, sich trauen über Schuld zu sprechen. Durch den Predigttext sehen wir vieles, was es zum Thema Schuld zu sagen gibt. Ja, das erste ist, dass wir unterscheiden müssen zwischen berechtigten und unberechtigten Schuldgefühlen. Der Rest, die Übrig-Gebliebenen empfinden Schuld – aber vielleicht aus ganz unnötigen Gründen. Wie die Opfer von schweren Katastrophen immer wieder mit Schuldgefühlen zu kämpfen haben, weil das Gefühl da ist: „Ich hatte es doch gar nicht verdient, das zu überleben. – Warum traf es die anderen? – und mich nicht?“ Die Frage, ob die Gefühle, dass ich schuldig bin, wirklich berechtigt sind, sollten wir mitnehmen heute. Ich sollte mich dazu ehrlich befragen. Wenn ich unter Schuldgefühlen leide, darf, ja muss ich mich fragen: Bin ich vielleicht zu streng mit mir? Was konnte ich denn wirklich dafür? Waren da nicht auch andere? Ja, auch andere waren verantwortlich, kann dann eine ehrliche Erkenntnis sein. Diese Seite, diese Fragen zuzulassen, ist wichtig. Und das geht ohne auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Dem Unschuldswahn zu verfallen, ist natürlich auch ein Problem. Denn umgekehrt ist es natürlich auch leicht, die Schuld bei allen anderen zu suchen und den eigenen Anteil daran zu übersehen oder zu relativieren. Eine möglichst nüchterne, möglichst objektive Sicht auf meine vermeintliche Schuld zu bekommen, das wäre das gute Ziel. Vielleicht hilft mir dazu, wenn ich einen vertrauensvollen Gesprächspartner habe. Gut, wenn ich jemanden habe, dem ich so tief vertrauen kann, dass ein Gespräch über solche Themen möglich ist. Gut, dass es auch professionelle Seelsorgerinnen und Seelsorger, ja Pfarrerinnen und Pfarrer gibt, die zuhören können, ja auch manche Psychologinnen und Psychologen kommen da in Frage.

Wenn ich unter Schuldgefühlen leide und da herauskommen möchte, muss es ein erster Schritt sein, eine möglichst objektive, ehrliche Sicht auf meine Schuld zu bekommen. Dann sehe ich vielleicht: Meine Schuldgefühle sind zu einem gewissen Teil wirklich nicht berechtigt – ich kann, ich darf sie gleich abladen, weil sie nicht echt sind.

Vielleicht sehe ich dann auch: Ein Teil meiner Schuldgefühle – viel oder wenig, je nachdem, ist berechtigt. Ich habe Fehler gemacht. Ich habe anderen Leid zugefügt, habe versagt in dieser oder jener Hinsicht. Es gibt Fehler im menschlichen Leben. Es gibt Versagen im menschlichen Leben. Es gibt Schuld im menschlichen Leben – ja, dieses Thema gehört dazu. Und Jesus sagte einmal: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ (Joh 8,7) Das heißt: So wahr es ist, dass es tatsächlich das Problem der Schuld in der Welt gibt, so wahr ist auch, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Keiner ist ohne Schuld, betonte Paulus auch in überdeutlichen Worten im Römerbrief (Kap. 3). Und für dieses tatsächliche Problem der Schuld sagt der Prophet Micha etwas, was man eigentlich kaum glauben kann, als ehrlich Sich-Schuldig-Fühlender. „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld? … er hat Gefallen an Gnade! … Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“

Was für ein leidenschaftliches, begeistertes Bekenntnis ist das. Paulus hat in vielen Briefen die Gnade Gottes im Kommen von Jesus als das Allergrößte gepriesen. Hier findet Paulus ein Vorbild, wie man in absolute Verzückung verfallen kann, weil dieser Gott ein gnädiger Gott ist. Es gehört zum Wesen dieses Gottes, gnädig zu sein. Ja, er kann nicht anders, als zu vergeben – sonst widerspräche er seinem Charakter, könnte man sagen.

Micha will ausdrücklich und eindeutig die Gnade Gottes betonen. Das ist so gesehen eine äußerst auffällige Stelle im Alten Testament. Zum Vergleich: Der Zorn Gottes, der hier erwähnt wird, ist auch an anderen Stellen im Alten Testament beschrieben. Und dabei gilt: Er ist von zeitlicher Begrenztheit. Gottes Zorn entzündet sich am Unrecht. Aber er ist nicht ewig, er ist begrenzt – und Gott will die Menschen zum Heil führen, Gott sei Dank (vgl. z.B. Dtn 5,9b.10). Hier bei Micha ist die Rede vom Zorn sogar nur beiläufig erwähnt. Im Nebensatz wird der Zorn gerade mal noch so erwähnt, könnten wir sagen: „Wo ist ein Gott wie du, … der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade.“ Micha setzt den Akzent bewusst und ganz eindeutig auf die Gnade, auf das Wesen Gottes, das letztlich Gnade, Vergebung, das Geschenk des Neuanfangs ausmacht. Und Micha weiß um die Schwierigkeit des Themas Vergebung. Interessant sind die hebräischen Wörter, die uns hier begegnen: Gott „vergibt die Sünde“ und „erlässt die Schuld“. Die beiden Verben vergeben und erlassen zeigen uns in ihrer wörtlichen Bedeutung, der exakten Übersetzung, wie schwer es ist mit dem Thema Schuld – und was es wirklich braucht, um Sünde zu vergeben und Schuld zu erlassen. Der erste Begriff, das Verb „nasa“ kann man so übersetzten: „Gott trägt die Schuld weg“. Gemeint ist ein körperlicher Akt. Es ist anstrengend, kräftezehrend, Schuld wegzuschleppen. Sie ist nämlich schwer. Sie ist schweres Gepäck, was Menschen auf ihrem Lebensweg manchmal Jahr um Jahr mitschleppen. Schuld kann uns Menschen gebückt gehen lassen – im übertragenen Sinn – sie hat Gewicht, das uns überfordert. Micha beschreibt Gottes Vergebung so, dass tatsächlich solche Vergebung möglich sein soll, die mich wirklich entlastet. Keine eingeredete Vergebung, sondern eine spürbare – die Last darf abfallen, weil Gott wirklich sagt: Es ist genug. Du musst an deinem Fehler, an deinem Versagen nicht zu Grunde gehen. Nein, wirklich nicht – ich trage diesen Rucksack, dieses schwere Ungetüm von dir weg. Ich – Gott – ich trage es dir weg – dann bist du es los. Und das andere Verb – „abar“ – bedeutet: Schuld erlassen im Sinne von „die Schuld vorübergehen lassen“. Gott geht an unseren Vergehen vorüber – er beachtet sie nicht, will das sagen. Damit ist wieder eine körperliche Bewegung angesprochen: Gott beachtet die geschehene Schuld nicht für den weiteren Fortgang der Geschichte. Er sieht sie zwar, aber er entscheidet, sie nicht anzurechnen, sie nicht zu berücksichtigen. Gott hat die Freiheit, sich von unserer Schuld nicht beeindrucken zu lassen – er muss sie nicht in Rechnung stellen. Er kann einfach so an ihr vorübergehen – ja, weil er sie – und das war die erste Aussage – ja weggetragen hat. Gott trägt Schuld körperlich weg – und kann so auf Konsequenzen verzichten, kann wiederum in körperlicher Sprache, an ihr vorübergehen. Micha beschreibt Gottes Vergebung von Schuld auf diese Art, um Menschen im Inneren zu erreichen. Micha nutzt diese Ausdrücke, um anschaulich zu machen, was er zutiefst für wahr hält: Dass dieser Gott wirklich ein zutiefst gnädiger Gott ist, für den keine Schuld zu groß, keine Sünde zu schwer ist.

Wir Menschen haben aber von Natur aus unsere Probleme, an Vergebung glauben zu können. Sich selbst und auch anderen zu vergeben, kann unglaublich schwer sein. Was hier von Gott beschrieben wird, ist allzu oft gerade unsere Schwäche: Wir bringen es nicht fertig, Schuld wegzutragen – und wir bringen es dann auch nicht fertig, an der Schuld vorüberzugehen – sie als bedeutungslos anzusehen. Micha wollte, dass wir Menschen aufhören, mit unserer Schuld zu kämpfen. Micha wollte, dass Menschen befreit werden von dem schweren Ballast, den Schuld auf ein menschliches Leben und auf unsere menschlichen Beziehungen legen kann. Micha lädt ein, Gott ins Spiel kommen zu lassen – seine Macht wirken zu lassen – ihm Raum zu geben, das zu tun, woran wir scheitern: Schuld wegtragen und an Schuld vorübergehen – sie nicht mehr negativ wirken lassen. Ich wünsche uns, dass wir es wagen, die Perspektive zu wechseln, wie Micha es uns übrigens vormacht. Zuerst spricht Micha über Gott. Er sagt: „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt?“ Im nächsten Vers spricht Micha nicht mehr über Gott – sondern über sich, über uns:

„Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ Von „Er erlässt die Schuld“ führt der Weg zu „Wir erfahren Vergebung. Uns gilt es.“ Diesen Perspektivwechsel Michas wünsche ich uns immer wieder neu. Denn Micha sagt bereits das voraus, was Paulus über Gottes Gnade in Jesus Christus deutlich gemacht hat. Wo ist solch ein Gott, wie du bist? Amen.

 

Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 14.06.2020, Bartholomäuskirche Markgröningen

Predigttext: Apg 4,32-37 / Pfarrer Dr. Frank Dettinger

Liebe Gemeinde,

der Kommunismus ist als politisches System einmal kräftig gescheitert. Der Kalte Krieg zwischen West und Ost, der das Weltgeschehen jahrzehntelang bestimmt hat, ist lange vorbei. Geschichtlich gesehen ist der Kommunismus im Ergebnis unterlegen. Aber Kommunisten und Marxisten verteidigen bis heute ein System, bei dem Besitz vergemeinschaftet wird. Es muss nicht so sein, dass Vermögen individuell verteilt wird, so diese Überzeugung. Als Christen ist uns der Gedanke des Kommunismus auch nicht fremd. Die monastische Tradition, das Klosterleben gehört zur Geschichte der Kirche und existiert – wenn auch reduziert – bis heute. Das Leben im Kloster hat Martin Luther aus eigenen, biografischen Gründen kritisiert. Aber ungeachtet dessen gibt es bis heute auch evangelische Gemeinschaften, die Hab und Gut miteinander teilen. Im heutigen Predigttext erfahren wir, dass es eine Art Kommunismus der Urgemeinde gab. Die ersten Christen lebten in Gütergemeinschaft, wie Lukas berichtet. Ich lese aus der Apostelgeschichte, Kapitel 4, die Verse 32 bis 37.

 

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte

35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,

37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

 

Liebe Gemeinde,

ich erinnere mich noch an eine Diskussion über genau diesen Text während meines Theologiestudiums. Ein Gesprächspartner sagte damals zu mir: „Mit Bewunderung und mit Befremdung lese ich diesen Text. Dieser Urchristen-Kommunismus löst beides zugleich in mir aus: Ich bewundere die Christen damals, weil ihnen Geld nicht viel bedeutet hat. Ich bewundere sie, weil sie das einsahen, dass aller weltlicher Besitz ohnehin vergänglich ist. Aber es befremdet mich auch, weil ich mich frage: Geht das wirklich gut? Funktioniert so ein System? Oder gibt es nicht doch heimliche Gefahren? Was, wenn jemand doch heimlich mehr für sich nimmt als ihm zusteht? Und darf ich mich am individuellen Besitz nicht auch erfreuen, weil Gott ihn mir schenkt?“ Wenn man sich im Theologiestudium mit diesem Kommunismus der ersten Christen beschäftigt, erfährt man schnell, dass ein wichtiger Hintergrund nicht vergessen werden darf: Damals lebten die Christen in einer Endzeiterwartung. Sie waren alle fest davon überzeugt, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen und die Welt vollenden würde. Nur eine kurze Zeit lag vor ihnen – so gesehen kommt es wirklich wenig darauf an, was man besitzt. Es ist egal, was die Kinder einmal erben, denn diese spätere Zeit wird es gar nicht mehr geben – so der gedankliche Hintergrund damals. Wenn eine langfristige Planung des Lebens nicht nötig ist, dann fällt so ein kommunistisches System natürlich um einiges leichter. Wir heute leben nicht in dem Gefühl, dass alles ohnehin ziemlich egal ist. Wir heute planen unser Leben und wollen und sollten uns auch materiell möglichst so ausrichten, dass wir auch morgen noch etwas haben. In der Rentendebatte der letzten Jahre wird immer deutlicher, dass es auf die eigene private Vorsorge ankommt. Und es darf auch festgehalten werden, dass individueller Besitz in Gottes Augen an sich nichts Schlechtes ist. Die Bibel kennt auch reiche gläubige Menschen – sei es etwa Abraham im Alten Testament – oder Josef von Arimathäa im Neuen Testsament, der Jesus sein Grab zur Verfügung stellte. Reichtum und Besitz stehen einer Beziehung mit Gott an sich nicht im Weg. Der heutige Predigttext fordert mich aber heraus, über meine Haltung, mein Verhältnis zu Geld und zum Thema Besitz nachzudenken.

Zuerst können wir wahrnehmen, dass diese Art Urchristen-Kommunismus vollkommen auf Freiwilligkeit beruhte. Keiner wird hier gezwungen. In diesem Bericht der Apostelgeschichte wird Josef, genannt Barnabas, als Beispiel ganz ausdrücklich erwähnt: Er wurde nicht darum gebeten, seinen Acker zu verkaufen. Die Apostel drängten ihn nicht dazu, seinen Besitz in die Gemeinschaft einzubringen. Freiwillig – rein freiwillig war dieser Kommunismus der ersten Gemeinde. Und das ist eine wichtige erste Erkenntnis. Es muss von innen kommen, wenn man etwas hergibt. Man fühlt sich nicht wohl in einer Spendengala, bei der latent die Stimmung herrscht: Her mit eurem Geld… Neben der Freiwilligkeit erfahren wir folgende weitere Besonderheit dieses Urchristen-Kommunismus: Alles ist ihnen gemeinsam, so beschreibt Lukas ihre Gemeinschaft. Und das „alles“ fängt an beim „Herzen und bei der Seele“. Auch das ist eine wichtige Beobachtung. Das „Alles ist ihnen gemeinsam“ beginnt eben gerade nicht mit dem Geld. Sondern der Ursprung ihrer Gemeinschaft ist das „Ein-Herz-und-eine-Seele-Sein“. Ein schöner Ausdruck, der von der Bibel aus in unseren Sprachgebrauch eingegangen ist. Wenn Beziehungen intakt sind, dann rücken Vermögensfragen in den Hintergrund. Wenn die Beziehung stimmt, dann kann ich vertrauensvoll teilen. Wenn ich aber das Gefühl habe, ich werde ausgenutzt, dann funktioniert das System nicht. Aber hier heißt es eben: Sie waren Leib und Seele – also keine Missgunst, keinen Neid gab es. Die gute, vertrauensvolle Beziehung ist eine Voraussetzung für diesen Kommunismus der ersten Christen. Auf die Beziehung kommt es an. Das allein wusste bereits der antike Philosoph Platon. Wir finden bei Platon die Überzeugung, dass wahre Freundschaft eigentlich eng mit Güterteilung, ja mit einer Art Kommunismus zusammenhängt. Was über die Christen hier geschrieben wird, geht aber über Freundschaft als Triebfeder hinaus. Das „Ein-Herz-und-eine-Seele-Sein“ kommt für alle Christen von ihrer gemeinsamen Beziehung zu Jesus Christus her. Das ist das Entscheidende: Christus bringt die Christen zusammen, wie Paulus es ausdrückt im Galaterbrief: „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht männlich und weiblich. Denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28) Ja, weil Gott die Menschen in Jesus Christus unendlich mit seiner Liebe beschenkt hat, gehören Christen ohne Standesunterschiede alle zusammen. Im antiken Zirkus, einem Freilichttheater war je nach Sitzplatz und Rang deutlich zu erkennen, wer wohin gehört. Diese gesellschaftlichen Unterschiede sollen aber bei der christlichen Mahlgemeinschaft unsichtbar werden. Christus bringt die Verschiedenen zusammen und stiftet so intakte Beziehungen unter den Christen. Gerade im Feiern des Abendmahls wird immer wieder genau das deutlich. Von dieser Kraft der Einheit her spielt Geld, spielt Vermögen keine so entscheidende Rolle mehr. Die Prioritäten verschieben sich. Und noch eine dritte und letzte Besonderheit des urchristlichen Kommunismus finden wir neben der Freiwilligkeit und neben den intakten Beziehungen: Jeder bekam, was er nötig hatte. In Vers 35 heißt es: „Man gab einem jeden, was er nötig hatte.“ Es fand keine Bereicherung auf Kosten der anderen statt. Es gab keinen Missbrauch des Systems, das wird hier betont. Denn natürlich lauert da die Gefahr, dass so ein System anfällig ist für die heimliche Bereicherung einzelner. Aber schon bei Mose in der Wüste zeigte Gott das Vorbild: Er schickte dem hungernden Volk jeden Morgen frisches Manna – ein süßes-klebriges Brot, das vom Himmel fiel. Aufbewahren konnte man dieses Manna allerdings nicht. Jeden Tag musste darauf vertraut werden, dass Gott wieder so viel Manna regnen ließ, wie nötig war. „So viel du brauchst“ (2. Mose 16), so lautete auch das Motto beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg 2013. Und ebenso war dies das Motto dieses Jahr 2020 für die Aktion Klimafasten. Zur Gerechtigkeit gehört es, dass jede und jeder das erhält, was er braucht – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es gibt eine alte Weisheit, die besagt: „Gerecht ist nicht, wenn alle einen Apfel pflücken dürfen, sondern wenn die Kleinen eine Leiter dafür bekommen.“ Noch einmal: Gerecht ist nicht, wenn alle einen Apfel pflücken dürfen, sondern wenn die Kleinen eine Leiter dafür bekommen.“ Es muss darum gehen, dass der Einzelne mit seinen Bedürfnissen im Blick ist. Das ist im Kommunismus des Urchristentums gelungen. Ja, der Einzelne war im Blick mit dem, was er brauchte – er bekam nicht mehr und nicht weniger.

Diese drei Besonderheiten des urchristlichen Kommunismus – die Freiwilligkeit, die intakten Beziehungen untereinander gegründet in Christus und das Vorgehen, dass jeder nur das bekam, was er nötig hatte, können bis heute auch für uns Anregungen sein. Auch ohne kommunistisches System kann ich mich davon inspirieren lassen im Umgang mit dem Thema Geld und Vermögen. Freiwillig kann ich entscheiden, ob und wem ich etwas spende. Und gut ist es, wenn ich diese Freiheit auch positiv nutze, mich frei für das Teilen entscheide. Aber ich muss mich als Christ nicht innerlich dazu gezwungen fühlen. In Christus gegründet soll ich Kraft erhalten für meine zwischenmenschlichen Beziehungen. Gottes Liebe gilt allen Menschen in gleicher Weise, sodass diese Liebe auch alle Menschen vor Gott gleich macht. Und wenn meine Beziehungen dank dieser Liebe zu den anderen Menschen funktionieren, dann entspannt sich auch mein Umgang mit Geld und Vermögen. Dann kann sich ein Stück Gelassenheit in mir ausbreiten. Und schließlich: So viel du brauchst – jedem das, was er nötig hat – nicht mehr und nicht weniger. Das ist ein Motto, nach dem ich leben kann. Ein Motto ist das, nach dem ich anderen geben kann, was sie brauchen – und zugleich auch ich in der Gemeinschaft, in meinem Umfeld darum bitten darf, dass ich bekomme, was ich zum Leben benötige. Wer wagt, gewinnt, heißt es im Sprichwort. Wer teilt, bekommt etwas zurück, könnte man übertragen sagen. Wer gibt, kann das erfahren, dass er innerlich und vielleicht auch äußerlich reich beschenkt wird, ja viel zurückbekommt. Das wäre ein Versuch wert, eine Anregung: Nicht als politisches System, aber als christlich begründete Verhaltensweise: Inmitten einer gefallenen, einer unerlösten Welt darf ich als Christ ein Stück christlichen Kommunismus wagen.

Amen.

 

Gebet: Herr, unser Gott, danke für alles, was du uns schenkst. Du vertraust uns Gaben an, geistige und materielle Gaben. Du willst, dass wir verantwortlich mit dem umgehen, was wir im Leben erhalten haben. Dabei gönnst uns alles, was wir haben – wir dürfen uns auch freuen an dem, was wir besitzen. Schenke du uns die rechte Haltung zu unsrem Geld und unserem Besitz. Du siehst unser Herz, weißt wie es uns wirklich geht. Du siehst auch, wenn wir weniger haben als wir nach außen zugeben. Du siehst, wenn wir durch Corona finanziell eingeschränkt sind oder sogar in echten finanziellen Schwierigkeiten stecken. Du siehst auch, wenn wir mehr spenden möchten, es aber einfach nicht können. Du siehst uns und unsere Situation. Danke, dass bei dir die Freiheit ist. Danke, dass von dir Liebe und Zuwendung herkommen, die uns ermutigen, im Leben Schritt für Schritt weiter zu gehen. Dir legen wir uns und alle Menschen dieser Welt ans Herz. Sei nahe, wenn gesundheitliche Not herrscht, wenn Angst das Leben bestimmt und die Zukunft ungewiss scheint. Sei nahe, wenn Menschen nach dir rufen, weil sie auf deine Zusagen vertrauen möchten. Sei nahe, wenn Zweifel am Glauben nagen und ehrlich nach dir und deinem Willen für unser Leben gefragt wird. Lass deine Nähe spürbar sein, damit neue Kraft, neuer Mut entsteht, der Zukunft zu vertrauen.

Gemeinsam rufen wir zu dir: Vater unser… Amen.

 

 

Predigt am Sonntag Trinitatis (7. Juni 2020) von Pfarrer Michael Güthle, Bartholomäuskirche Markgröningen, 

Bibeltext: 4. Mose 6, 22-27

Der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

 

Liebe Gemeinde,

ein Pfarrer erzählte einmal von seinen Besuchen bei einer 90-jährigen Frau, die dement war. Er wusste oft nicht, was er reden sollte und was sie überhaupt noch verstehen konnte. Einmal zum Abschied sprach er ihr den Segen zu – da antwortete die Frau im besten schwäbisch:

„Herr Pfarrer, jetzt hend se endlich amol was G’scheit’s g’sagt!“ –

Diese Begebenheit macht darauf aufmerksam, dass der Segen etwas grundlegend Wichtiges für unser Leben ist. Der Segen spricht uns im Innersten an. Wir wollen gesegnet werden. Als Gesegnete gehen wir nach dem Gottesdienst nach Hause und damit auch zurück in den Alltag. Gottes Segen empfangen wir auch bei besonderen Anlässen: bei der Taufe, bei der Konfirmation und bei der Trauung. Auch über unsere Verstorbenen wird als Letztes der Segen gesprochen. Den Segen Gottes wünschen wir uns auch gegenseitig: zu den Feiertagen, bei Festen, zu bestimmten Vorhaben, bei Abschieden und wenn wir auf Reise gehen. So begleitet der Segen unser ganzes Leben. Wir Menschen sprechen uns einander den Segen zu, aber derjenige, der eigentlich segnet, das ist Gott. Er allein kann und will segnen. Er tut das durch uns Menschen und er hat geboten, dass wir es in seinem Namen tun. Das heißt, wir tun es in seiner Vollmacht. Darum ist der Segen mehr als ein frommer Wunsch. Der Zuspruch des Segens macht uns bewusst, dass wir als Menschen nicht alles in der Hand haben. Unsere eigene Tüchtigkeit, unsere Gedanken und Fähigkeiten werden gebraucht und sind notwendig. Doch über Gelingen und Erfolg, über Wohlergehen und Erfüllung können wir Menschen nicht verfügen. Der Segen Gottes muss dazu kommen. Wo er waltet, da gedeiht Leben, da wird es heil und gut.

Weil die bekannten Segensworte zunächst für Aaron, den Bruder von Mose, und seine Söhne bestimmt waren, daher sprechen wir vom Aaronitischen Segen. Aaron und seine Söhne gelten als Vorfahren der israelitischen Priester, deren Auftrag es ist, das Volk am Ende des Gottesdienstes zu segnen. Martin Luther hat diesen Segen als Schluss-Segen der Messe eingeführt. Im hebräischen Text umfasst die erste Zeile des Segens drei Wörter, die zweite fünf und die dritte sieben. Mit den länger werdenden Sätzen wird ausgedrückt, wie sich der Segen immer weiter entfaltet und zunehmend mehr Menschen erfassen und umschließen will. Welcher Zuspruch steckt nun in diesem Segen? Drei Aussagen will ich hervorheben:

  1. Der Segen ist für uns eine Entlastung.

Das Wort „segnen“ heißt im Griechischen und Lateinischen “Gutes reden“. Mit dem Segen kommen also gute und erfreuliche Worte auf uns zu. Es sind Worte, die keinen Druck und Zwang ausüben und auch keine Forderung stellen. Es heißt nicht: „du sollst, du musst, mach mal etwas…“ Jeder von uns hat seine Sorgen, seine Verpflichtungen und seine Ängste. Der Segen legt keine weitere Last dazu. Im Gegenteil, er befreit und entlastet uns. Mit dem Segen kommt nur das Gute auf uns zu, das Gott für uns will. Ganz in dem Sinn, wie es Jesus ausspricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Im Segen steckt diese Zusage. Was Gott uns sagt, dass geschieht und wirkt. Wir empfangen Gottes Segen wie ein Geschenk.

  1. Der Segen ist Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Gott sagt: Ich lasse mein Angesicht leuchten über dir und ich erhebe mein Angesicht auf dich. Das bedeutet: Gott blickt uns freundlich in die Augen. Wie wichtig der Blickkontakt ist, das weiß jeder von uns. Bereits im Säuglingsalter geht es los. Ein lächelndes Gesicht von Vater oder Mutter ist wichtig für eine gute Entwicklung des Kindes.

Und ein strahlendes Kindergesicht kann jeden Jugendlichen und Erwachsenen verzaubern. Darum hoffe ich, dass die jungen Eltern beim Kinderwagenschieben öfters ihren Blick aufs Kind richten als auf ihr mobiles Telefon. Ein Blick sagt oft mehr als viele Worte. Wenn uns ein Mensch freundlich und strahlend anblickt, dann lassen wir uns davon leicht anstecken, wir lächeln zurück und auch unsere Stimmung verbessert sich.

Auf der anderen Seite fühlen wir uns übergangen, wenn uns ein Mensch, dem wir begegnen, nicht ansieht und nicht grüßt oder wenn er gar wegsieht. Wir wissen, wie tief die Verletzungen sind, wenn einer ständig übersehen und nicht beachtet wird. Das Gefühl, nichts zu zählen und wertlos zu sein, gehört wohl zum Schwersten, was ein Mensch ertragen muss.

Jede und jeder soll also wissen. Gott sieht mir mit leuchtenden Augen ins Gesicht. Und damit sagt er: „Du bist mir wichtig und wertvoll, ich habe dich im Blick, ich lasse dich nicht aus den Augen und sehe dich freundlich an.“ Wir werden also von Gott gesehen und wahrgenommen. Es ist kein Blick einer Überwachungskamera. Auch nicht ein strafender Blick, mit dem Kindern ein schlechtes Gewissen gemacht werden kann: „Gott sieht alles, was du anstellst. Er kennt auch deine bösen Gedanken.“ Gott sieht uns vielmehr mit einem Blick, mit dem sich Liebende in die Augen sehen. Dass wir freundlich angesehen werden und auch einander freundlich ansehen, ist für unser Menschsein wichtig. Und so leiden manche in dieser Corona-Zeit daran, dass persönliche Begegnung kaum oder nur auf Abstand möglich ist. Doch Gottes freundliches Angesicht bleibt uns gerade auch in dieser Zeit gnädig zugewandt.

  1. Der Segen ist Frieden und Bewahrung

Gott sagt: Ich gebe dir Frieden. Viele Menschen wären froh, wenn wenigstens die Gewalt aus ihrer Wohnung oder aus ihrem Land verschwinden würde. Frieden heißt keine Angst um sein Leben zu haben, sich frei entfalten und etwas lernen können; ein Dach über dem Kopf, genug zum Essen und ausreichend Kleidung zu haben. Frieden hat immer auch mit Gerechtigkeit zu tun, wie es die Unruhen in Amerika nach dem Tod eines Schwarzen zeigen. Jeder Mensch hat seine Würde, die es zu achten gilt. Auch „schwarze Leben zählen.“ (black lives matter).

Frieden ist jedoch mehr als die Abwesenheit von Gewalt. Vom Kirchenvater Augustinus stammt der Satz: „Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet, Herr, in dir.“ Wir brauchen auch den inneren Frieden im Herzen. Den Frieden, der uns die Gewissheit gibt, dass wir bei allem Auf und Ab des Lebens von Gott gehalten und getragen sind. Wir sind behütet, auch im größten Leid. Gott schenkt Frieden – uns und der Welt. An diesen Frieden können wir uns anschließen und darum ist es uns möglich, in der Bemühung um Frieden nicht nachzulassen.

Liebe Gemeinde,

der Segen gibt Entlastung, er schenkt Wertschätzung und Frieden. Der Segen ist Ausdruck von Gottes Liebe und Treue zu uns Menschen. Wir sind gesegnet. Wir sind umgeben von Gottes heilender Kraft. Wir können diesen Zuspruch zum Lebens weitergeben und so einander zum Segen werden. Etwas Tröstlicheres und Gescheiteres gibt es nicht.

Amen

 

Das Lied 140 „Brunn alles Heils, dich ehren wir“ von Gerhard Tersteegen nimmt diese Segensgedanken auf.

In den 5 Strophen heißt es:

 

Brunn alles Heils, dich ehren wir und öffnen unsern Mund vor dir

aus deiner Gottheit Heiligtum / dein hoher Segen auf uns komm.

Der Herr, der Schöpfer, bei uns bleib, er segne uns nach Seel und Leib,

und uns behüte seine Macht vor allem Übel Tag und Nacht.

Der Herr, der Heiland, unser Licht, uns leuchten lass sein Angesicht,

dass wir ihn schaun und glauben frei, dass er uns ewig gnädig sei.

Der Herr, der Tröster, ob uns schweb, sein Antlitz über uns erheb,

dass uns sein Bild werd eingedrückt, und geb uns Frieden unverrückt.

Gott Vater, Sohn und Heilger Geist, o Segensbrunn, der ewig fließt:

durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl, / mach uns deins Lobs und Segens voll!

 

Predigt am Pfingstmontag (1. Juni 2020) von Pfarrer Michael Güthle in der Bartholomäuskirche, Bibeltext:  Johannes 14, 23-27   

 

Liebe Gemeinde,

euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht – das ist ein Zuspruch, der uns guttut,

gerade jetzt in dieser noch immer von Corona geprägten Zeit, wo ein langer Atem zum Durchhalten gefordert ist. Jesus sagt diese Worte zu seinem Abschied an die Jünger und nun auch zu uns am Pfingstfest. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht –

wir wissen, es gibt manches, was zum Erschrecken ist und wovor wir Angst haben. Da brauchen wir einen Zuspruch, der uns nicht vertröstet, sondern unser Herz wieder froh macht, so dass wir zuversichtlich den Kopf heben und nach vorne sehen können.

Jesus verknüpft diesen Zuspruch mit einem Versprechen. Er sagt: der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Und dann nennt Jesus drei Gaben, die uns der Heilige Geist geben wird. Diese Gaben werden uns an Pfingsten wie ein Geschenk in unser Herz gelegt. Wenn diese Gaben unser Herz erfüllen, dann wird die Angst weggeblasen und dann bekommen wir frischen Lebensmut. Jesus spricht von der Liebe, vom Trost und dem Frieden.

Wir alle leben von der Liebe.

Von der Liebe, die uns Gott entgegenbringt. Von der Liebe, die uns unsere Eltern gegeben haben und noch geben. Die Liebe ist das stärkste Band, das uns Menschen untereinander verbindet und das auch die Verbindung zu Gott herstellt. Ohne Liebe können wir nicht leben. Das merken wir vor allem dann, wenn uns die Liebe eines Menschen entzogen wird. Wenn sich einer von uns abwendet, den wir gernhaben. Oder wenn einer sterben muss. Wir spüren die Schmerzen der Trennung und leiden. Der Heilige Geist macht uns bewusst, dass wir uns auf die Liebe Gottes verlassen können. Diese Liebe bleibt bei uns, auch wenn unser Weg durchs finstere Tal geht und uns viel Kraft kostet.

Die Liebe ist es auch, die uns antreibt, sich dem Nächsten zuzuwenden und falls nötig, sich um ihn zu kümmern und ihm zu helfen. Die Liebe gibt dem andern die Anerkennung, die er braucht. Die Liebe hat einen langen Atem. Sie gibt nicht schnell auf.  Sie kann sich immer wieder an Gottes Liebe erneuern und neu anfangen.

Sodann wird uns der Heilige Geist Trost geben.

Ja, der Heilige Geist selber ist der Tröster, der in unser Herz einzieht. Es ist unbestritten, dass jeder Mensch Trost braucht. Wir brauchen einen festen Halt in den Erschütterungen des Lebens. Wir brauchen Trost, wenn es uns nicht so gut geht. Wir brauchen Trost; wenn wir von Menschen enttäuscht worden sind. Wir brauchen Trost, wenn wir merken, dass unsere Kräfte oder unser Gedächtnis immer mehr nachlassen. Zugleich machen wir die Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, einen andern Menschen zu trösten. Manche gut gemeinten Worte, wie „Kopf hoch, ist doch nicht so schlimm, das Leben geht weiter“ helfen nicht immer weiter.  Ja, sie können sogar verletzend wirken.  Denn sie nehmen das Leiden nicht ernst und erreichen daher den Betroffenen nicht. Trösten heißt nicht, den andern zu beschwichtigen oder sein Problem zu verharmlosen.

Als gute Tröster haben sich die Freunde von Hiob erwiesen. Sie haben ihn nicht im Stich gelassen. Sie waren eine Woche lang bei ihm und haben schweigend mit ihm seine Not ausgehalten. Wohl dem, der solche Freunde hat. Anders erging es Jesus im Garten Gethsemane.  Als er in Todesangst war, da bat er seine Jünger mit ihm zu wachen. Doch die Jünger sind eingeschlafen und haben Jesus in seiner Not allein gelassen. Der Heilige Geist ist ein Tröster, der bei uns bleibt.  Er kennt unsere Not und sieht, was uns im Herzen bewegt und umtreibt. Wir können uns jederzeit an ihn wenden und das aussprechen, was uns das Leben schwermacht. Der Geist des Trostes gibt uns die Gewissheit, dass Gott gegenwärtig ist. Er ermutigt uns zum Glauben, dass wir auch dann, wenn es uns schlecht geht, nicht von Jesus verlassen sind. Wir erfahren, dass wir getragen sind, dass wir in den Notzeiten nicht verloren gehen, dass wir bei allen Problemen und Sorgen die Stimme hören, die uns sagt: „Dir kann nichts passieren. Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir.“

Von Martin Luther wird erzählt, dass er immer dann, wenn er sich selber unsicher war, wenn er von Zweifel, Ängsten und Schmerzen geplagt wurde, mit großen Buchstaben auf den Tisch schrieb:  Ich bin getauft. Damit holte er sich die Gewissheit zurück, dass er in seinem Leben von Gott gehalten und getragen ist, auch wenn alles ins Wanken kommt. Damit stärkte er seinen Glauben, dass Gott den Weg mit ihm geht, dass er seinen Geist, den Tröster, als Beistand schickt. Wer sich vom Heiligen Geist getröstet und von Gott nicht verlassen weiß, dem kann es gelingen, diesen Trost weiterzugeben.

Schließlich wird uns der Friede Christi ins Herz gelegt.

Auch das ist eine Gabe, die wir dringend brauchen. Sowohl in unserem Herzen, damit es zur Ruhe kommen und Frieden finden kann, als auch auf unserer Welt, wo an vielen Orten der Friede verloren gegangen ist. Wie gut wäre es, wenn sich viele Menschen für den Frieden Christi öffnen würden, damit sich sein Friede weiter ausbreiten könnte. Anscheinend gibt es immer auch Menschen, die keinen Frieden wollen, die bewusst Hass und Gewalt säen und Menschen gegeneinander aufhetzen. Von Napoleon wird überliefert, dass er nach der verlorenen Völkerschlacht bei Leipzig mit seiner Mutter zusammensaß und zu ihr sagte: „Eigentlich wollte ich doch diesem Kontinent und der Welt nur den Frieden schenken.“ Darauf antwortete seine Mutter mit einem leichten Lächeln: „Mag sein, mein Sohn, doch die Menschen mochten wohl das blutrote Band nicht, mit dem du dein Geschenk verpackt hast.“ Die Mutter von Napoleon hatte Recht: Man kann den Frieden nicht mit Gewalt und Totschlag herbeiführen. Viele Feld- und Kriegsherren dieser Welt kümmert es nicht, wenn Menschen für ihre Ziele und Machtinteressen ihr Leben mit dem Tod bezahlen. Noch immer wird auf Waffen gesetzt, statt auf Verständigung und Liebe.

Ich gebe euch den Frieden. Meinen Frieden, nicht den Frieden, den die Welt gibt.  

Das hat Jesus gesagt. Und nicht nur gesagt, sondern auch gelebt. Der rote Faden seines Lebens war die Liebe in Wort und Tat. Er opferte nicht andere für sich und seine Ideen, sondern hat sich selbst hingegeben. Er ist am Kreuz gestorben, um uns seine grenzenlose Liebe zu zeigen und dieser Welt den wirklichen Frieden zu schenken. Ein Frieden, der im Herzen beginnt und sich ausbreitet. Einen Frieden, der uns Menschen mit Gott versöhnt und der uns antreibt, auch untereinander Frieden zu schließen.

Liebe Gemeinde,

wir leben von den Geschenken der Liebe, vom Trost und vom Frieden, die der Heilige Geist an Pfingsten in unser Herz legt. Wir wissen, wie sehr wir und die ganze Welt auf diese Gaben angewiesen sind. Zum Glück sind sie uns gegeben. Wir können von diesen Gaben des Heiligen Geistes unser Leben bestimmen lassen. Daher besteht Grund zur Hoffnung.

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!

Amen

 

Der Choral, den Herr Balbach nun spielen wird, nimmt in seinem Text, den Martin Luther geschrieben hat, diese Gaben des Geistes auf. Ich lese die Strophen vor:

Nun bitten wir den Heiligen Geist um den rechten Glauben allermeist, dass er uns behüte an unserm Ende, wenn wir heimfahrn aus diesem Elende. Kyrieleis.

Du wertes Licht, gib uns deinen Schein, lehr uns Jesus Christ kennen allein, dass wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland, der uns bracht hat zum rechten Vaterland. Kyrieleis.

Du süße Lieb, schenk uns deine Gunst, lass uns empfinden der Lieb Inbrunst, dass wir uns von Herzen einander lieben und im Frieden auf einem Sinn bleiben. Kyrieleis.

Du höchster Tröster in aller Not, hilf, dass wir nicht fürchten Schand noch Tod, dass in uns die Sinne nicht verzagen, wenn der Feind wird das Leben verklagen. Kyrieleis.

 

Predigt zum Pfingstsonntag, 31.05.2020, von Pfarrer Dr. Frank Dettinger in der Bartholomäuskirche,

Predigttext: Apostelgeschichte 2,1-21

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext ist die Geschichte, die hinter Pfingsten steht. Was feiern wir eigentlich an Pfingsten? Wir erfahren es aus dem Bericht der Apostelgeschichte, Kapitel 2.

 

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. 19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; 20 die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. 21 Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

 

Liebe Gemeinde,

Jerusalem – viel Treiben auf der Straße, Kinder, die spielen, Händler mit ihren Waren… Schwere Schritte einer römischen Patrouille. Jerusalem war eine bunte Stadt damals. Inmitten dieses Treibens bemerkt niemand ein bestimmtes Haus. – Ein Haus, das von außen ganz normal aussieht. Innen aber befinden sich Männer und Frauen mit hängenden Köpfen. Verunsicherte Menschen. Sie trauten sich nicht aus diesem Haus hinaus. Sie trauten sich nicht auf die Straße, nicht in den Trubel der Stadt hinein. Warum? Weil sie Angst hatten. Sie fürchteten sich, gefangen genommen zu werden. Denn sie waren Anhänger eines gewissen Jesus. Sie waren zum Teil viele Jahre mit diesem Jesus unterwegs gewesen. Hatten viel von ihm gelernt, ihn in ihr Herz geschlossen. Ja, sie hatten schließlich erkannt, dass Jesus kein normaler Mensch war. Sie hatten erkannt, dass Jesus von Gott in die Welt geschickt wurde. Dass er der Sohn Gottes war, ja dass er selber Gott war. Aber nun hatten sich in letzter Zeit die Ereignisse überschlagen. Jesus war von der römischen Besatzungsmacht gefangen genommen worden. Er war schließlich hingerichtet worden am Kreuz. Sie waren am Boden zerstört. Doch dann – auf unfassbare Weise sahen sie ihn wieder. Jesus blieb nicht im Tod – es kam der Ostermorgen – er kehrte zu ihnen zurück. Er war wieder unter ihnen und manche dachten: Nun wird alles wieder wie früher. Aber nein. Jesus verließ sie wieder. Er verabschiedete sich und wurde aufgenommen in den Himmel. Er war plötzlich nicht mehr sichtbar für sie. Er hatte noch viele wichtige Dinge zu ihnen gesagt. Aber so richtig verstanden hatten sie nicht, wie es nun weitergehen soll. Sie litten schwer, weil sie ihn, den Auferstandenen nicht mehr sehen konnten. Und so saßen sie jetzt Tag für Tag in diesem Haus. Die Türen verschlossen. Sie gingen nicht auf die Straße, weil sie Angst hatten, gefangen genommen zu werden. So wie Jesus gefangen genommen und hingerichtet wurde – vielleicht würde ihnen das gleiche passieren. Sie waren doch bekannt als die Anhänger dieses Jesus. Sie waren verunsichert. Nach der Hoffnung seiner Auferstehung – jetzt waren da wieder viele Fragezeichen. Sie verstanden nicht recht, was Gott ihnen zumutete. Mutlosigkeit, Leere, Trägheit. „Was sollen wir tun?“, fragten sie sich. „Wir wissen nicht, was morgen, übermorgen sein wird.“ Jesus ist nicht mehr bei uns – was heißt das nun für uns? Es ist keine Zukunft erkennbar.

Liebe Gemeinde, das ist Teil des Lebens, dass wir uns auf neue Situationen, unverhoffte Situationen einstellen müssen. Was die Jünger damals durchlitten, kennen viele Menschen, die unverhoffte Veränderungen verkraften müssen. In diesen Monaten treffen die unverhofften Veränderungen fast alle Menschen. Weltweit haben sich die Normalitäten bei vielen Menschen aufgelöst – dieses Corona-Virus wird in die Geschichte eingehen und ein markantes Jahr im Rückblick bringen: 2020 war das Corona-Jahr, das politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich so viel verändert hat. Heute wissen wir noch gar nicht, welche Veränderungen das genau sein werden. Vieles ist unsicher, vieles ist unkalkulierbar geworden. Die Situation von Menschen in ungewissen Zeiten – wie damals die Situation der Jünger in diesem Haus in Jerusalem. Wer unverhofft vor einer neuen Lebenssituation steht, kann genau so fühlen wie die Jünger damals: Sie waren enttäuscht, entmutigt, kraftlos. Das Leben stand innerlich still. Da war keine Bewegung mehr, kein Mumm, um irgendetwas anzupacken. Es braucht gar nicht viel Fantasie, um mit unseren eigenen Lebensgeschichten hier mitzufühlen – mit oder auch ohne Covid-19. Schicksalsschläge, wie der Tod eines lieben Menschen, oder eine wichtige Prüfung, bei der wir durchgefallen sind. Oder einfach eine lang anhaltende Situationen der Belastung, die Pflege eines kranken Angehörigen oder die eigene Krankheit, deren Ausgang wir nicht kennen… Diese Dinge können uns in die Knie zwingen. Dass auch wir keinerlei Mumm mehr haben. Dass wir nicht wissen, wie es angesichts dieser neuen Lebenssituation nun weitergehen soll. Die Jünger sind also wir – bis heute verbindet uns als Jüngerinnen und Jünger so vieles mit den Jüngern von damals. Was nun damals bei den Jüngern im Haus in Jerusalem schließlich passierte, ist etwas Unglaubliches. So unfassbar ihre neue Lebenssituation gekommen war, so unfassbar kam nun Gottes Kraft ins Spiel. Diese niedergeschlagenen Jünger erlebten Gottes mächtige Kraft. Sie erlebten diese Kraft als Geist Gottes, als Heiligen Geist, der immer wieder als Wind, als Sturm beschrieben wird. Eine kräftige Windböe, die alles aufwirbelt und einen neuen Impuls bringt. Das Brausen, von dem wir in der Pfingstgeschichte lesen, legt diesen Gedanken nahe. Man steht innerlich still und fühlt sich leer. Man hat keinerlei Kraft mehr, um irgendetwas anzupacken. – Und dann kommt plötzlich ein Wind, der einem frisch und kühl ins Gesicht bläst. Die Augen müssen blinzeln, man möchte sich fast abwenden, wenn der Wind einen so stark trifft. Wer schon Urlaub an der Nordsee gemacht hat, der weiß auf jeden Fall, wie sich so ein Wind anfühlt. Und dieser Wind hat so viel Kraft und Energie, er steht für Dynamik und Aufbruch. Eben gerade das Gegenteil von Leere, Stillstand, Mutlosigkeit, Lethargie… Ein stürmischer Wind kann mich ins Leben zurückbringen. Er kann die Lebensgeister in mir wieder wecken. Und das ist Pfingsten. Pfingsten ist dann, wenn Leben und Dynamik spürbar werden. Wenn plötzlich Kraft da ist. Wenn auf einmal mehr Kraft da ist, als man selber überhaupt erwartet hat!

Die Pfingstgeschichte berichtet uns ausführlich von Petrus. Petrus wird aktiv. Er übernimmt plötzlich eine Führungsrolle. Petrus schließt nun die Türen des Hauses auf. Er stürmt hinaus – auf die Straßen Jerusalems, in den Trubel hinein. Die Angst, gefangen genommen zu werden – plötzlich ist diese Angst spurlos verschwunden. Angetrieben von diesem neuen Geist, der als „Brausen vom Himmel“ in das Haus gekommen war. Angetrieben von diesem Geist hält Petrus eine mitreißende Predigt. Daran war am Morgen dieses Tages noch überhaupt nicht zu denken gewesen. Pfingsten bedeutet: Da geht plötzlich etwas. Pfingsten bedeutet: Da ist eine Kraft, die uns überrascht… – Da ist plötzlich mehr Kraft, als wir erwartet hätten… An Petrus sehen wir das. Und Pfingsten können Menschen bis heute im eigenen Leben erleben. Das dürfen wir glauben, weil viele von uns Pfingsten bereits selbst erlebt haben. Wenn wir in unserem Leben trotz Schicksalsschlägen wieder aufgestanden sind. Wenn wir im Leben trotz schwerer Enttäuschungen wieder einen Anfang gewagt haben. Wenn wir gedacht haben, dass eigentlich gar keine Kraft mehr da ist – und dann plötzlich doch wieder etwas Mut da war, den wir zusammenkratzen konnten. Wenn wir trotz Enttäuschung um Enttäuschung wieder weitergemacht haben. In diesen Momenten war bei uns Pfingsten. So war es schon damals bei Petrus und den Christen der ersten Gemeinde. Sie taten mehr, als sie selber für möglich hielten. Plötzlich war eine Kraft spürbar, plötzlich war der Wille da. Die Tür ging auf. Hinaus auf die Straße, die Menschen sollen alle etwas hören von Gott. Petrus begann zu predigen. Plötzlich war Begeisterung greifbar…

Unfassbar ist, was über die Sprachen erzählt wird – ein jeder hörte die Jünger, also auch Petrus, in seiner Muttersprache reden. Die Macht Gottes durch den Geist zeigte sich auch darin, dass Verständigung möglich wurde, wo man sich zuvor nicht verstehen konnte. Wo es undenkbar war, sich zu unterhalten – da wird auf einmal ein neues Gespräch möglich. Vielleicht war bei uns schon so mancher Kontakt nicht mehr möglich, weil so viel Streit, so viel Verletzungen Beziehungen zerstört haben. Aus verschiedenen Gründen können Menschen ihre gemeinsame Sprache verlieren. Vielleicht haben wir es aber auch schon in diesem Zusammenhang erlebt: Dass ich nach dem Streit wieder bereit wurde, das Gespräch aufzunehmen. Dass auch mein Gegenüber bereit wurde, zur Verständigung zurück zu kehren. Ja, dass die gemeinsame Sprache wiedergefunden wurde. Das sind wunderbare Pfingstmomente in unserem Leben.

Und wenn wir schließlich auf unser jetziges Leben und auch in die Zukunft blicken: Wer weiß, was noch kommt? Wie gesagt, kennen wir die Folgen dieser historischen Pandemie 2020 noch nicht wirklich. Keiner weiß, welche Herausforderungen es in Zukunft noch geben wird – weltweit, aber auch bei uns persönlich. Ob und wann wir so enttäuscht und mutlos dasitzen werden wie die Jünger in Jerusalem vor 2000 Jahren? – wir wissen das nicht. Aber Gott schenkt Pfingsten. Er schenkt Pfingsten als Fest der Hoffnung immer wieder – auch in Zukunft. Ein Fest der Hoffnung, dass Gottes Geist Dinge möglich machen kann, die wir nicht für möglich halten und die wir nicht erwarten. Wenn wir am Ende sind, ist der Heilige Geist am Anfang. Am Anfang eines neuen Weges, den er führt – vielleicht auf ganz unerwartete Art. Zurückliegende Geschichten über Gottes wirksamen Geist wollen uns Mut machen. Zurückliegende Pfingst-Geschichten können uns daran erinnern, dass Gottes Geist durch viele Leidenszeiten hindurchgeführt hat. Dass Gottes Geist Menschen immer wieder überrascht hat. Davon können die Jünger damals und besonders Petrus erzählen – aber auch unzählige Christen durch die Jahrhunderte hindurch berichten das. Pfingst-Geschichten wecken den Mut, Gott und seinem manchmal unergründlichen Wirken zu vertrauen. Der Wind bläst überraschend. Er weht, wo er will. Plötzlich von einem Moment auf den anderen fegt mir der frische Wind ins Gesicht. Amen.

 

Zieh ein zu deinen Toren, / sei meines Herzens Gast, / der du, da ich verloren, / mich neugeboren hast, / o hochgeliebter Geist / des Vaters und des Sohnes, / mit beiden gleichen Thrones, /

mit beiden gleich gepreist. (Paul Gerhardt 1653, EG 133)

Predigten Mai 2020

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Predigt zum Sonntag Exaudi, 24.05.2020, Bartholomäuskirche Markgröningen, von Pfarrer Dr. Frank Dettinger

Predigttext: Jer 31,31-34

 

Liebe Gemeinde,

Zeit für einen Neuanfang. Das wünschen sich zur Zeit viele mit Blick auf unsere Corona-Zeit. Zeit für einen Neuanfang – ja, endlich wieder zurück zur Normalität. Zeit für einen Neuanfang. Das erleben wir aber auch unabhängig von Corona im Umgang mit unseren Mitmenschen. Zeit für einen Neuanfang, denn manchmal sind die Dinge schwer durcheinander geraten.

Zwei Jungs haben mit ihrem Freund einmal zu arg Späßle getrieben. Und jetzt ist aus dem lockeren Herumalbern ein echter Streit geworden. Sonst waren die drei dickste Freunde. Jetzt aber zieht sich der zurück, der sich von den anderen geärgert fühlt. Die zwei anderen sehen es ein: Es ging ein bisschen zu weit. Zeit für einen Neuanfang.

Zwei Menschen, eine Frau und ein Mann, die sich einmal tief geliebt haben und beschlossen hatten: Wir wollen ein Leben lang zusammen bleiben. Unsere Ehe wird halten. Sie spürten: Wir gehören zusammen. Und jetzt steht das Ganze auf der Kippe. Beide spüren: Wir haben uns auseinander gelebt. Irgendwas ist in den vergangenen Jahren anders geworden. Die Erinnerung an damals wird blasser und dieses Paar leidet darunter und sagt sich: Wir müssen miteinander reden. Wir müssen uns klar werden, was da passiert ist. Denn wir möchten uns eigentlich nicht trennen. Zeit für einen Neuanfang.

Liebe Gemeinde, manche Neuanfänge gelingen in unserem Miteinander als Menschen. Und das tut gut und macht uns froh. Manche Neuanfänge bleiben aber auch Versuche. Nicht jeder Neuanfang gelingt. In der Bibel können wir etwas von Gottes Angeboten eines Neuanfangs lesen. Gott möchte immer wieder einen Neuanfang mit den Menschen. An vielen Stellen ist das zu finden. Im heutigen Predigttext scheint Gottes Wunsch nach einem Neuanfang aber besonders herausgehoben. Nicht um einen einfachen Neuanfang geht es, sondern um einen ganz besonderen, grundlegenden Neustart. Wir hören aus dem Prophetenbuch Jeremia, Kap. 31, die Verse 31-34:

 

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,

32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

 

Liebe Gemeinde,

Jeremia sieht den drohenden Untergang Jerusalems kommen. So dürfen wir uns die Situation dieses Predigttextes klar machen. Jeremia warnt die Menschen, die Gottes Wort nicht halten. Er warnt sie vor der Zerstörung Jerusalems, die durch die babylonische Weltmacht droht. Doch inmitten dieser Warnungen erklingt in diesem Predigttext eine Art Umdenken Gottes. Mit Warnungen und auch Ermahnungen und Aufforderungen, sich an Gottes Wort zu halten, scheint es nicht getan zu sein. Das ist die tiefe Erkenntnis in diesem Text. Gott selbst erkennt das, so behauptet Jeremia. Gott erkennt, dass es einen ganz besonderen Neuanfang zwischen ihm und seinem Volk braucht. Die drei jungen Freunde, von denen ich erzählt habe, könnten den Neuanfang so vereinbaren: In Zukunft wollen wir genauer hinschauen, ob einem die Späße zu weit gehen… Wir wollen innerlich aufmerksamer sein, mehr darauf achten, wie der andere sich fühlt. Das Ehepaar könnte sich sagen: Wir wollen genau aufarbeiten, was sich denn in den Jahren so verändert hat. Wir wollen nicht einfach so weitermachen, sondern herausfinden, warum wir uns auseinandergelebt haben. Denn dann können wir an unserer Einstellung etwas verändern, dann können wir uns vielleicht neu aufeinander ausrichten. Es muss im Inneren etwas passieren – dann ist die Chance für den Neuanfang am Größten. Es muss die eigene Haltung, die Einstellung zu den anderen hinterfragt werden, dann steigen die Chancen, dass es einen wahren Neuanfang geben kann. Genau über diese Erkenntnis spricht hier Gott. Er hat nämlich schon unzählige Male seinem Volk einen Neuanfang geschenkt. Er hat seit der Zeit Noahs mit den Menschen einen Bund geschlossen. Der Regenbogen war das erste Zeichen dieses Bundes zwischen Gott und Mensch. Mit Abraham und seinen Nachfahren hat Gott seinen Bund erneuert. Und schließlich war die Übergabe der 10 Gebote, der Bundesschluss am Sinai, das zentrale Ereignis in der Geschichte Israels. Aber – so geht diese Geschichte weiter – das Volk Gottes verstößt gegen diesen Bund unzählige Male. Das erste Mal bereits: Durch das Goldene Kalb, das das Volk sich als neuen Gott errichten lässt, sodass Mose die Gesetzestafeln der 10 Gebote im Schock und in der Wut darüber aus der Hand fallen. Dennoch – Gottes Wille, mit seinem Volk in Gemeinschaft zu leben, bleibt ungebrochen. Immer wieder vergibt Gott. Immer wieder beginnt er neu mit den Menschen. Aber jetzt scheint es bei Jeremias Worten um einen Neuanfang von besonderer Qualität zu gehen. Jetzt geht es um keinen gewöhnlichen Neuanfang. Sondern eben um einen Neuanfang, der etwas mit der inneren Einstellung, mit der Haltung des Herzens zu tun hat. Und manchmal braucht es eben genau so einen tiefen Neuanfang. Das kann man in der aktuellen digitalen Zeit eigentlich sehr anschaulich machen. Überall gibt es jetzt gerade einen verstärkten Einsatz von digitalen Systemen. Smartphones, Tablets, Laptops oder klassische PCs – das alles ist durch Corona noch mehr im Einsatz als je zuvor. Und jetzt stellen Sie sich Folgendes vor: Der Dienst-Laptop eines Mannes im Homeoffice funktioniert plötzlich nicht mehr. Er ruft bei der vorgesehenen Service-Hotline an und bekommt zuerst einen halben Tag lang erklärt, was er wie einmal ausprobieren soll. Am Ende sind der Service-Berater am Telefon und dieser Mann sowieso völlig entnervt, weil der Laptop weiter nicht das tut, was er soll. Dann sagt der Service-Berater zu, dass am kommenden Tag ein Techniker vorbei kommen wird. Als dann endlich der nächste Tag da ist, kommt der Techniker mit Mund-Nasen-Schutz tatsächlich. Aber es dauert wieder Stunden über Stunden. Er versucht hier etwas umzuprogrammieren und dort ein neues Programm auf den Laptop zu spielen und so weiter. Und dann das Ergebnis – fast am Ende eines ganzen Tages: Der Techniker sagt: An Ihrem Gerät ist nichts mehr zu retten. Wir müssen die Festplatte komplett neu formatieren. Nur eine komplette Neuinstallation kann jetzt noch helfen. Manchmal hilft kein Polieren mehr, kein Flickschustern, kein Rumdoktern. Manchmal hilft nur eine Grunderneuerung. Manchmal muss die komplette Grundhaltung überprüft werden. Eben das kann auch bei unseren Neuanfängen manchmal der Schlüssel sein. Nicht immer nur ein „probieren wir es weiter so“. Sondern ein ehrliches Hinterfragen an der Wurzel der Dinge. Die drei Jungs könnten wieder in die gleiche Falle geraten. Sie könnten wahrscheinlich wieder in die Situation kommen, dass einer sich beleidigt fühlt, weil die anderen nicht merken, wann der Spaß zu Ende ist. Es sei denn, sie werden achtsamer. Es sei denn, es gibt wirklich eine Veränderung im Inneren, den Willen, sensibel im Blick zu haben, wie es dem anderen geht. Und ebenso wird dieses Ehepaar die besten Chancen auf einen echten Neuanfang haben, wenn sie auch an die Wurzel ihrer Probleme gehen. Wenn sie bereit sind, auch voreinander Fehler und Schuld einzugestehen. Das kann unheimlich schwer sein, aber auch aussichtsreich. Denn dann geht es wirklich ehrlich um das Innerste.

Zeit für einen Neuanfang. Das berichtet Jeremia hier über Gott. Den tiefen, inneren Neuanfang wünscht sich Gott. In unserer christlichen Tradition wurde dieser Neuanfang mit Jesus Christus in Verbindung gebracht. Ja in Jesus ist der „Mittler des Neuen Bundes“ gekommen, so schreibt es der Hebräerbrief (Hebr 9,15). Und Paulus schreibt, dass Gott seinen Bund mit seinem Volk Israel nie aufgegeben hat. Der Alte Bund gilt nach wie vor, wie Paulus im Römerbrief unmissverständlich deutlich macht (Röm 9-11). Es geht in gleicher Weise um Gottes tiefen Wunsch, mit den Menschen Gemeinschaft zu haben – damals im Alten Bund mit seinem auserwählten Volk – und später in Jesus Christus mit allen Menschen auf dem ganzen Erdkreis. Es geht um Gottes Sehnsucht, in einem funktionierenden Bündnis mit den Menschen zu leben. „Sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein“. Wir könnten sagen: Der Inhalt des Bundes ist kein neuer Inhalt. Gottes Ziel ist es, dass die Menschen in sinnvoller Weise Gemeinschaft mit ihm und untereinander haben – dafür sind seit jeher die Zehn Gebote da. Der Inhalt ist kein neuer Inhalt. Wir könnten aber sagen: Die Schreibfläche hat sich verändert. Waren es beim Bund am Sinai Steintafeln, so wird der neue Bund in die Herzen eingraviert. „Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben“. Und das bedeutet tiefste innere Erneuerung. Das bedeutet Neuprogrammierung der Festplatte. Das bedeutet Neuausrichtung der inneren Haltung, der inneren Einstellung. Am Ende ist das vielleicht einer der faszinierendsten Texte der Bibel. Denn in diesen Worten bei Jeremia steckt so viel weise Erkenntnis über das menschliche Miteinander. Wir Menschen vermögen es so oft eben nicht, unsere Bündnisse einzuhalten. Wir sind in der Regel keine Profis, einen Bund zu halten. Und ebenso sind wir oft keine Experten, was Neuanfänge angeht. Wie ich am Anfang schon sagte: Manche Neuanfänge bleiben auch nur Versuche. Manche gut gemeinten Neuanfänge scheitern schlicht. Und es kann manchmal sogar das richtige sein, nach dem großen Streit auch einmal getrennte Wege zu gehen.

Aber Jeremias Worte über Gottes Grunderneuerung am Herzen können uns Mut machen und uns herausfordern: Ein Neuanfang hat dann die besten Chancen, wenn alle Beteiligten bereit sind, an die inneren Wurzeln zu gehen. So wie Gott bereit ist, bei uns an die Wurzeln zu gehen. Gottes so klares JA zum Menschen ist bei Jeremia ebenso faszinierend wie die Erkenntnis, dass Neuanfänge am besten von tief innen heraus gelingen. Gott ist nimmermüde, sich mit den Menschen auf einen gemeinsamen Weg zu machen. Es ist Gottes unerschütterlicher Wille zum Heil, der hier ausgedrückt wird. Ein schier unglaubliches Versprechen ist das. Gott hat erkannt, wie er selbst den Menschen verändern muss, dass der Mensch endlich zum Heil findet. Gott selbst ist bereit, seine Strategie zu ändern. Keine Ermahnungen und Aufforderungen und Warnungen mehr, die der Mensch am Ende doch nicht befolgen kann. Sondern Gott geht ans Herz der Menschen. An einem Herzen kann man in der Medizin tatsächlich lange herumdoktern. Man kann Bypässe legen, man kann Herzklappen einbauen und so manch andere geniale Tricks gibt es bei den Herz-Chirurgen, die unseren größten Respekt verdienen. Aber manchmal muss ein Herz-Chirurg feststellen: Bei diesem Patienten hilft nur noch eine Herz-Transplantation. Manchmal hilft nur ein neues Herz. Was da ganz wörtlich, anatomisch gilt – in der Medizin – das gilt nun eben auch übertragen auf das innerliche Herz des Menschen. Das innerliche Herz des Menschen – das sind unsere Gefühle, unsere Ansichten, unser Charakter. Das ist unser innerer Kern, das, was uns selbst ausmacht. Und hier sollen und dürfen wir neu werden. Hier sollen und dürfen wir durch Gottes Wirken lernen, auch einmal nachzugeben. Hier sollen und dürfen wir mit einem von Gott beschriebenen Herzen lernen, unsere Angst, zu kurz zu kommen, loszulassen. Hier sollen und dürfen wir lernen, anderen und uns selbst wirklich zu vergeben, andere und uns selbst einmal gnädig und wohlwollend anzuschauen. Und dabei spüren: Das tut so gut, wenn ich vergebe. Das macht mich frei, frei von negativen Gefühlen, die mich belastet haben.

Ein neues, von Gott beschriebenes Herz. Das wünsche ich Ihnen und uns allen immer wieder. Dass wir das spüren, dass Gott uns erneuern möchte. Dass wir das spüren, dass er bereit ist, uns innerlich so auszurichten, dass wir auch untereinander Neuanfänge wagen können.

„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, … Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.“

Amen.

 

Predigt an Christi Himmelfahrt, 21.05.2020, von Pfarrer Michael Güthle

Predigttext: Johannes 17, 20-24

 

Liebe Gemeinde,

Christi Himmelfahrt – wenn wir das hören, sehen wir viele Bilder vor uns. Wir sehen die Wolke, auf der Jesus steht und in den Himmel hochgefahren wird. Hier in der Bartholomäuskirche haben wir bei jedem Gottesdienst das Bild über dem Chorbogen vor Augen. Jesus Christus sitzt als Weltenrichter auf dem Regenbogen. Zu seiner Linken werden die Verdammten von Dämonen in den Höllenrachen geführt und zu seiner Rechten werden die Seligen von Engeln in den Himmel geleitet.

„Aufgefahren in den Himmel“- so haben wir es im Glaubensbekenntnis gesprochen. Durch die Jahrhunderte hindurch wird dies in allen christlichen Bekenntnissen, in Liedern und Gebeten betont: Jesus Christus ist im Himmel.

Er wurde erhöht. Er lenkt Sonne, Mond und Sterne auf ihren Bahnen, er hat die Macht über Leben und Tod. Darum sollen sich, so heißt es im Epheserbrief, „im Namen Jesu alle Knie beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen sollen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.“

Jesus Christus sitzt an dem Platz, den jahrhundertelang Könige, Kaiser und Machthaber für sich beansprucht haben. Wir glauben daher, dass nicht den weltlichen Herrschern, sondern dass Jesus Christus „gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden.“ Was für eine große Hoffnung und Wohltat für uns und die Erde. Im Himmel wird regiert.

Nun gehört es zum Geheimnis unseres Glaubens, dass uns Jesus Christus nicht fern ist, sondern ganz nahekommt. Gerade durch seine Himmelfahrt ist es ihm möglich, zu jeder Zeit an jedem Ort dieser Welt gegenwärtig zu sein. Von diesem Trost sind alle Himmelfahrtstexte der Bibel durchdrungen. Im Matthäus-Evangelium sagt Jesus: „Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.“ Der Evangelist Markus überliefert uns die Worte: „Sie aber gingen hin und predigten und der Herr wirkte mit ihnen.“ Und der Evangelist Lukas hat den Satz von Jesus aufgeschrieben: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden sicher nicht vergehen.“

Wenn wir Jesus oben im Himmel suchen, dann wird unser Blick unwillkürlich auf die Erde zurückgelenkt. In einer der Geschichten von den zwei Mönchen wird erzählt, dass sie gelesen hätten, dass es auf der Welt einen Ort gäbe, wo sich Himmel und Erde berührten. Eine Tür sei dort, es gelte nur anzuklopfen, einzutreten, und schon sei man im Himmel. Die Mönche beschlossen diesen Ort zu suchen. Sie durchwanderten die ganze Welt, bestanden viele Gefahren und fanden schließlich, was sie suchten. Sie klopften an, bebenden Herzens sahen sie, wie sich die Tür öffnete – und – sie standen wieder zu Hause in ihrer Klosterzelle. Da begriffen sie: Der Ort, wo Gott uns begegnen will, ist an der Stelle, wo wir arbeiten, wohnen und leben. Der Ort, wo sich Himmel und Erde berühren liegt in Jesus Christus. Dort, wo zwei oder drei in seinem Namen beisammen sind, da ist er mitten unter ihnen. Dort, wo die Liebe gelebt und einem Menschen geholfen wird, da ist er anwesend.

Der heutige Predigttext lenkt unseren Blick auf eine Sache, die Jesus besonders am Herzen liegt. Im Johannesevangelium, Kapitel 17, heißt es:

Jesus hob seine Augen auf zum Himmel und sprach: Vater, ich bitte nicht allein für die Meinen, sondern auch für die, die durch ihr Wort an mich glauben werden, dass sie alle eins seien. Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein, auf, dass die Welt glaube, dass du mich gesandt hast.  Ich bete, auf dass sie vollkommen eins seien und die Welt erkenne, dass du mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.  

Wir alle wissen: bisher haben es weder die Kirchen noch die weltlichen Regierungen trotz vieler Anstrengungen geschafft, die Menschen und Völker zu einer Einheit zu verbinden. Es ist jedoch erfreulich, dass Menschen nach wie vor erleben, wie gut es tut, wenn man sich gegenseitig unterstützt und füreinander da ist. Doch wir erleben auch die andere Seite, wie Menschen nur auf sich und ihre Rechte sehen und vergessen, dass sie auf Gemeinschaft angewiesen sind. Es ist immer eine Sorge, dass es bei Meinungsverschiedenheiten und Streit über eine Sache, nicht zur Spaltung kommt. Das gilt sowohl für unsere Gesellschaft als auch im Privaten in den Familien. Jesus erinnert uns eindringlich daran, das Ziel der Versöhnung nicht aus den Augen zu verlieren.

Die Einheit ist wichtig.

Es fällt auf, dass Jesus keine Ermahnung ausspricht. Ihr müsst euch um Einigkeit bemühen. Nein, er bittet seinen himmlischen Vater um Einheit. Somit ist die Bitte um Einheit nicht nur das Ziel, das wir als Christen im Blick haben, sondern sie ist zugleich eine Zusage. Denkt daran, so wie Jesus Christus mit seinem Vater eins ist, so seid ihr Christen durch den Glauben an ihn in die Gemeinschaft mit Gott hineingenommen. Die Fürbitte Jesu um Einheit, steht gegen die Trennung. Sie macht uns bewusst, dass Jesus, der für uns bittet, zugleich auch der Anwalt der anderen Menschen ist. So fordert uns diese Bitte auf, unsere Rechthaberei, die zur Spaltung führen kann, zu unterlassen und vielmehr auf das Verbindende zu sehen.

Dabei gilt es darauf zu achten, dass wir die Einheit nicht mit Gleichmacherei verwechseln. Menschen und Völker sind bei vielen Gemeinsamkeiten immer auch verschieden. Jede und jeder hat auch seine Eigenheiten. Diese Vielfalt ist von Gott gewollt. Sie macht das Leben reich und bunt. Wenn verschiedene Meinungen und Begabungen aufeinandertreffen, dann bewahrt uns das vor Engstirnigkeit und öffnet uns den Blick ins Weite. Denken wir dabei auch an das Bild vom Leib und den Gliedern, das der Apostel Paulus verwendet:

„Gott hat den Leib zusammengefügt, damit die unterschiedlichen Glieder in gleicher Weise füreinander sorgen. Ihr seid der eine Leib Christi.“

(1 Kor 12).

Liebe Gemeinde,

was uns eint, ist die Fürbitte Christi, was uns eint ist die Gemeinschaft mit Christus,

damit die Welt erkenne, dass du, Vater, mich gesandt hast und sie liebst, wie du mich liebst.  Eine in vielen Bereichen zerstrittene Kirchengemeinde wäre demnach nicht einladend für diejenigen, die man noch zum Glauben an Jesus gewinnen will.

Auf einer Synode wurde einmal der missionarische Auftrag der Kirchengemeinde in Form einer Werbeanzeige aufgeschrieben.

Da heißt es: „Was Sie bei uns finden können:

Sich selber – und mehr als das. / Menschen, die Zeit haben – auch für Sie. / Einen Ort, an dem Sie zur Ruhe kommen und neue Kräfte gewinnen. / Gemeinschaft, in der Sie singen können, selbst wenn sie unmusikalisch sind. / Gedanken, die herausfordern – auch Sie. / Worte, die Mut machen: Mut zu leben, zu glauben, zu lieben, zu hoffen – auch über den Tod hinaus. / Eine Wahrheit, die freimacht und aufrichtet. / Den Gott, der für Gottlose da ist. / Die Welt in einem neuen Licht.-

Finden Sie davon nichts bei uns, dann sagen sie uns Bescheid! Ihre Evangelische Kirche“

Christi Himmelfahrt lenkt unsern Blick auf Jesus Christus, der die Welt regiert. Der Blick zum Himmel erweitert unseren Horizont. Wenn Jesus regiert, dann brauchen wir keine Angst zu haben vor den großen und kleinen Mächten. Denn sie haben nicht das letzte Wort. Der Blick zum Himmel führt nicht dazu, dass wir uns enttäuscht von der Welt abwenden, sondern er ermutigt uns, unser Leben so zu gestalten, dass sich der Himmel unter uns ausbreitet und an der Hoffnung auf eine gute Zukunft festzuhalten. Durch Christus sind wir mit dem Himmel und untereinander verbunden. Vergessen wir bei allen Widrigkeiten nicht: die Bitte um Einheit ist unauslöschlich im Himmel geschrieben. Amen.

 

Im Lied „Großer Gott, wir loben dich“ heißt es:

Heilig, Herr Gott Zebaoth! Heilig, Herr der Himmelsheere!

Starker Helfer in der Not! Himmel, Erde, Luft und Meere

sind erfüllt von deinem Ruhm; alles ist dein Eigentum.

Durch dich steht das Himmelstor allen, welche glauben, offen;

du stellst uns dem Vater vor, wenn wir kindlich auf dich hoffen

du wirst kommen zum Gericht, wenn der letzte Tag anbricht.

Herr Bialon spielt nun diesen Choral.

 

Predigt am Sonntag Rogate, 17. Mai 2020, Bartholomäuskirche Markgröningen

Pfarrer Michael Güthle

 

Matthäus-Evangelium, Kapitel 6, Verse 7-13

7Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. 8Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. 9Darum sollt ihr so beten: Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. 10Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. 11Unser tägliches Brot gib uns heute. 12Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern. 13Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.  

 

Liebe Gemeinde,

dass uns das Gebet Kraft und Zuversicht schenkt – das erfahren wir gerade in dieser Zeit, wo sich ein ungebetener Gast unter uns und auf der Welt breitgemacht hat. Ein Virus, der hochinfektiös und unberechenbar ist. Manche merken nicht einmal, dass sie erkrankt sind, bei anderen dagegen, auch bei Jüngeren, nimmt die Krankheit einen sehr schweren Verlauf und sie kann bis zum Tod führen. So ist weiterhin Vorsicht angebracht, denn wir sehen das Virus nicht, es kann uns nah oder fern sein. Wir brauchen zunehmend Geduld, denn wir wissen nicht, wie lange diese Pandemie unser Leben einschränken wird.

Wie gut, dass wir beten können. Es gibt Ereignisse, da wird Menschen der Boden unter den Füßen weggezogen und sie können nur noch verzweifelt fragen, warum ihnen Gott solch eine Last zumutet? „Warum muss ich so traurig gehen?“- ruft ein Psalmbeter. Selbst wenn uns die Sprache ganz wegbleibt, so hört Gott unser Seufzen und Stöhnen. Euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet – sagt uns Jesus. Ein Gebet braucht nicht viele Worte. Im Gebet stärken wir die Verbindung zu Gott. Wir vergewissern uns, dass er uns in Freud und Leid nahe bleibt und nicht verlassen wird. Beten heißt auch still werden und warten bis ich höre, was mir Gott sagen und geben will.

Jesus spricht nun ein Gebet, das inzwischen fast jedes Kind kennt. Dieses Gebet verbindet uns mit allen Christen auf der Welt und wir können es auch dann sprechen, wenn uns selber die Worte zum Beten fehlen. Auch am Sterbebett hat es seinen Platz.

Es ist nicht möglich, die Aussagen und Bitten des Vaterunsers zu erfassen. So kann ich nur einige Hinweise dazu geben.

Es beginnt mit der Anrede:  Unser Vater im Himmel. Wenn wir zu Gott „Vater“ sagen, dann wenden wir uns an den liebenden Gott, der unser Gegenüber ist. Damit bringen wir zum Ausdruck, dass keine blinde Schicksalsmacht über uns herrscht, sondern wir treten in eine persönliche Beziehung ein. Wir reden so vertraulich mit Gott, wie es vertraulicher nicht geht. Wenn Gott, wie ein guter Vater zu uns ist, dann gehören wir als seine Kinder zusammen. Und dann können wir auch gewiss sein, dass Gott uns tröstet, „wie einen seine Mutter tröstet“. (Jesaja 66,13). „Unser Vater im Himmel“ – diese Anrede spricht auch aus, wie es um uns steht. Wir leben noch nicht im Himmel, sondern hier auf der Erde. Gott, der uns hier ganz nahe ist, ist zugleich auch fern und von unendlicher Größe. Die nächsten drei Bitten machen dies deutlich:

Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme. Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden. Gott allein ist der Herr des Himmels und der Erde. Wir bitten, dass seine Herrschaft und sein Wille in unsere Welt hineinkommen. Wir erleben es schmerzhaft, dass Gottes Wille nicht immer geachtet wird und dass es nach wie vor ein Kampf ist, der Gewalt und dem Bösen, dem Hass und der Selbstherrlichkeit, dem Unrecht und der Menschenverachtung zu widerstehen. Diese Bitten halten unsere Hoffnung wach, dass eine andere Wirklichkeit in unser Leben hereinbricht. Gottes Reich kommt in unsere Welt hinein. Seine Liebe, Barmherzigkeit und Güte werden sich ausbreiten. Gott hilft uns Menschen zum Guten. Ganz konkrete Bitten folgen:

Unser tägliches Brot gib uns heute – das zum Leben Notwendige soll für alle Menschen da sein. „Alle guten Gaben, alles, was wir haben, kommt, o Gott, von dir!“ – das Vaterunser erinnert uns daran. Dazu gehört auch der Blick zum Nächsten in der Nähe und Ferne. Das Teilen des Lebensnotwendigen ist geboten.

Vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Wir wissen, dass wir das Gute, das wir tun wollen, oft nicht tun. Wir schaffen es nicht immer, die Liebe, die uns Gott entgegenbringt, an andere Menschen weiterzugeben. Wir machen uns manchmal gegenseitig das Leben schwer und verletzen uns, ohne es zu wollen. Wir sind auf Vergebung angewiesen. Es ist wichtig, dass wir unsere Schuld eingestehen und nicht nur die Fehler bei den andern sehen. Weil Gott uns vergibt, haben wir die Möglichkeit, unser Leben zu verändern und immer wieder neu anzufangen. Auch wir sollen bereit sein, dem andern zu vergeben. Aus der Vergebung heraus leben – das heißt, auch etwas großzügiger und barmherziger mit mir und den andern umgehen.

Führe uns nicht in Versuchung. Um das Verständnis dieser Bitte wird wohl am meisten gerungen. Manche wollen eher sprechen: „Führe uns durch die Versuchung“ oder: „verlasse uns nicht in Versuchung“, denn, so schreibt Jakobus in seinem Brief: „Gott selbst versucht niemand“ (Jakobus 1,13). In Frankreich und Spanien wird diese Bitte übersetzt mit den Worten: „Und lass uns nicht in Versuchung geraten.“ Mir ist zum Verständnis der Satz aus dem Hebräerbrief wichtig (Hebräer 2,18):

„Denn da Jesus selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.“ Es ist eine Tatsache, dass wir Menschen in Situationen geraten, die Versuchungen darstellen und wo wir mancher Versuchung auch erliegen und nicht so handeln, wie es für uns und andere gut wäre. So sehe ich auch diese Corona-Zeit als eine Art Prüfung von Gott. Es gilt, am Glauben festzuhalten und darauf zu vertrauen, dass uns Gott dann auch in der Tat durch diese Zeit führen wird. Gott erspart uns die schwereren Zeiten nicht. Er mutet uns auch Leid und Schmerz zu. Warum, weiß ich nicht. Aber sicher nicht deshalb, weil er daran seine Freude hätte. Eher sind wir selber in solchen Zeiten gefragt, ob wir sie auch dazu nützen, um unser Leben und unsere Verhaltensweisen in der Gesellschaft zu überdenken. So ist es hilfreich, dass sich die nächste Bitte anschließt: Erlöse uns oder entreiß uns von dem Bösen.

Wir können dankbar sein, dass uns Gott nicht im Stich lässt.

Das Vaterunser endet mit dem Lobpreis: Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen. Mit dem Amen bekräftigen wir unsere Glaubenszuversicht. So soll es sein, dass sich Gottes Reich und sein Wille auf Erden durchsetzen.

Liebe Gemeinde,

Gott ist unser persönliches Gegenüber. Er ist Quelle und Ziel allen Lebens. In ihm ist alles gut aufgehoben. Ihm vertrauen wir und er wird alles vollenden in seiner Herrlichkeit.

Im Vaterunser ist alles enthalten, was wir zum Leben brauchen. Gut ist es zu wissen, dass in unsere Kirchengemeinde viel gebetet wird: allein im stillen Kämmerlein, im Gottesdienst, bei den Bibelstunden der Apis und in den Gebets- und Hauskreisen. Wir beten für ganz konkrete Anliegen und für die Menschen in unserer Nähe und in der Ferne. So wird die Verbindung mit Gott und untereinander gestärkt. Rogate – betet. So soll es sein.

Amen

 

Ein Gebet

Gott, schenke uns die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die wir nicht ändern können;

schenke uns den Mut, Dinge zu ändern, die wir tun können;

und schenke uns die Weisheit, das eine vom andern zu unterscheiden.

Amen

 

Predigt zum Sonntag Kantate, 10.05.2020 von Pfarrer Dr. Frank Dettinger

Predigttext: 2. Mose 15,1-3.20-21

 

Liebe Gemeinde!

„Wer sich die Musik erkiest, / hat ein himmlisch Werk gewonnen; / denn ihr erster Ursprung ist / von dem Himmel selbst genommen, / weil die lieben Engelein / selber Musikanten sein.“

– So dichtet Martin Luther über die Musik. Himmlischen Ursprungs ist die Musik, davon war Luther überzeugt. Und manches spricht für seine Behauptung: Musik hat eine Kraft, die Menschen verändern kann. Musik hat Einfluss auf unsere Stimmungen. In Musik kann ich mich fallen lassen – mich berühren lassen – und es passiert etwas mit mir. Musik ist etwas Dynamisches – sie breitet sich aus, sie steckt an. Ein Lied, das ich irgendwo gehört habe, kann mich einen ganzen Tag lang als Ohrwurm begleiten. Und obwohl heutzutage leider weniger gesungen wird als früher, kann man manchmal beobachten: Ein Lied auf einem Fest, das kann sich über Bänke hinweg ausbreiten. Immer mehr singen mit, lassen sich anstecken vom Singen, vom gemeinsamen Musizieren. Beim Schäferlauf stimmt irgendwer den Markgröninger Marsch an. Und nach und nach stimmen alle mit ein, bis ein großer Chor kräftig schmettert: „Kommt, Freunde zu Hauf!“ In der Corona-Zeit gab es auch schon viele Beispiele für die Ausbreitung der Musik: Das gemeinsame 19-Uhr-Singen „Der Mond ist aufgegangen“ oder Beethovens „Ode an die Freude“, die Sonntag Abends auf Balkonen mit verschiedenen Instrumenten musiziert wurde – auch bei uns in Markgröningen. Musik ist ansteckend – ansteckend auf ganz positive, gesunde Art. Um die Ausbreitung der Musik geht es heute auch im Predigttext aus dem 2. Buch Mose, Kapitel 15. Ich lese die Verse 1-3 und 20-21.

 

1 Damals sangen Mose und die Israeliten dies Lied dem HERRN und sprachen: Ich will dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. 2 Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen, er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben. 3 Der HERR ist der rechte Kriegsmann, HERR ist sein Name. […] 20 Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen. 21 Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.

 

Bild: Anselm Feuerbach (1828-1880)

 

Liebe Gemeinde,

die Musik breitet sich aus – wer singt hier alles mit? Mose singt – von ihm lesen wir zuerst. Mose, der als Anführer des Volkes Israel eine unglaublich aufregende Zeit hinter sich hat. Nach langem Hin und Her war es endlich gelungen, den Pharao soweit zu bringen, dass das Volk aus Ägypten fortgehen durfte. Nach schweren Jahren in Zwangsarbeit war Mose mit den Hebräern aufgebrochen – ein großer, langer Zug mit Mann und Maus macht sich auf den Weg Richtung Kanaan. Dieser epische Bericht in der Bibel ist sehr anschaulich – vor dem inneren Auge ist dieser große Menschenzug mit Wagen und Ziegen und Schafen und allem Drum und Dran zu sehen. Und beeindruckend und zugleich bedrückend ist das nächste Bild. Diese Volkswanderung gelangt ans Meer, das den Weg abschneidet. Wohin soll der Weg nun weitergehen? Diese Frage stellt sich mit immer größerem Herzklopfen, weil plötzlich Hufschläge zu hören sind, die immer lauter werden. Das ägyptische Heer ist aufgebrochen, um das Volk einzuholen und nach Ägypten zurückzuholen. In der Falle – was für ein Bild – vor dem Menschenzug das Meer, hinter ihnen die nahende ägyptische Streitmacht. Mose erlebt als Führer des Volkes einen nie zu vergessenden Tag. Gott schenkt tatsächlich ein großes Wunder, so geht dieser faszinierende Bericht weiter. Mit seinem Stab darf Mose das Meer teilen – die Wassermassen weichen auf beide Seiten aus, sodass der Weg frei ist zum Weitergehen. Mit pochendem Herzen sind Mose und das ganze Volk jetzt Schritt für Schritt weiter unterwegs mitten durch das Meer. Am anderen Ende angekommen und wieder an Land, sieht Mose und das Volk, dass die Ägypter ihnen gefolgt sind und sich jetzt mitten im Meer befinden. Sie werden nicht umkehren. Sie werden ihr Ziel verfolgen, das Volk einzuholen und zurückzubringen nach Ägypten. Doch Gott lässt das nicht zu. Mose schließt mit seinem Stab das Meer wieder – er darf die Fluten zurückfließen lassen – und sein Volk damit retten vor den Ägyptern. Eine Geschichte tiefster Emotionen ist das, und jetzt singt Mose aus innerem Antrieb. Er kann nicht anders, als zu singen. Und sein Gesang steckt alle an – die Israeliten singen gemeinsam: „Ich will dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. Der HERR ist meine Stärke und mein Lobgesang und ist mein Heil. Das ist mein Gott, ich will ihn preisen.“ Und es geht weiter – der Gesang führt auch dazu, dass mit Instrumenten musiziert wird. Und das nicht allein, sondern zu den Instrumenten wird auch noch getanzt. „Da nahm Mirjam, die Prophetin, Aarons Schwester, eine Pauke in ihre Hand, und alle Frauen folgten ihr nach mit Pauken im Reigen.“ Die Musik breitet sich dynamisch aus. Mirjam folgen schließlich alle Frauen – und alle bewegen sich zum Rhythmus der Pauken im Reigen. „Und Mirjam sang ihnen vor: Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.“ Die Pauken sind Handtrommeln, wenn genau übersetzt wird, Handtrommeln, die eine bewegende Musik erklingen lassen. Der Rhythmus bewegt den Körper mit – der Rhythmus geht in den Körper ein – Musik wird so ganzheitlich und betrifft Körper, Seele und Geist zugleich. Es ist in der Geschichte der Bibel hier das erste Mal, dass zu Gebet und Gesang auch Tanz dazu kommt. Und der Tanz zieht in seinen Bann – alle tanzen mit. Dass das so sein darf, wird unterstrichen, indem Mirjam als Prophetin beschrieben wird. Mirjam, die Schwester Aarons, gehört zu dieser wichtigen Führer-Familie, der auch Mose angehört. Mirjam hatte einst ihren kleinen Bruder Mose der Tochter des Pharaos anvertraut. Sie hat eine lange Geschichte hinter sich und sie spielt auf jeden Fall eine wichtige Rolle. Aber ihr Auftritt an dieser Stelle wird zusätzlich gerechtfertigt, indem sie als Prophetin beschreiben wird. Was sie hier tut, ist von Gott legitimiert. Mirjam musiziert und tanzt – und das ist gut so, das ist Gott so wohlgefällig in dieser besonderen Stunde der Befreiung von den ägyptischen Rössern und Reitern. Musik breitet sich aus. Sie ist ansteckend im positiven Sinn – und sie kann uns ganz in den Bann ziehen, mit Körper, Seele und Geist.

Neben dem Ausdruck der Freude geht es nun noch um etwas anderes. Es gibt noch einen tieferen Sinn der Musik und der Lieder, der hier eine Rolle spielt. Es geht um Erinnerung. In diesem 15. Kapitel des zweiten Buches Mose wird dieser wunderhafte Durchzug durch das Meer, diese Rettungsgeschichte ausführlich erzählt. Das Lied hat viele Strophen, könnten wir sagen – detailgenau soll in Erinnerung bleiben, wie Gott das Volk in dieser aussichtslosen Lage gerettet hat. Dass es im tieferen Sinn um Erinnerung an Gottes Heilshandeln geht, sehen wir auch im Hinweis auf den Gott der Väter. Mose und die Israeliten singen: „Er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben.“ Das Erinnern spielt in der jüdischen Tradition eine ganz besondere Rolle. Gott hat früher geholfen – das dürfen wir nicht vergessen, so lautet die Überzeugung. Er war schon der Gott der Väter – und schon damals hat er sich als mächtig erwiesen. Und jetzt gibt es eine neue Rettungsgeschichte, die auch für alle Zeit den nachfolgenden Generationen berichtet werden soll. Durch Musik, durch Lieder soll Gottes Handeln festgehalten und weiter überliefert werden. In Liedern lassen sich Geschichten gut merken – hier bleibt das Wissen gut und sicher aufbewahrt. Die Musik ist ein Geschenk Gottes, das uns an die Macht Gottes erinnern soll. Ja, schon die Musik ohne Text, ohne konkrete Inhalte, kann uns etwas Göttliches vermitteln. Die Faszination, die Kraft von Musik kann ein Hinweis sein auf Gottes Wahrheit, sein Dasein, seine Kraft und Stärke. Martin Luther war eben auf dieser Spur: Die Musik hat einen göttlichen Ursprung. Mose, die Israeliten, Mirjam und alle Frauen musizieren, singen und tanzen – und verbinden die Kraft der Musik mit ihrer Erfahrung, von Gott gerettet worden zu sein. „Lasst uns dem HERRN singen, denn er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt.“

In späterer Zeit haben die Israeliten auch schwere Zeiten erfahren. Erst die Assyrer, später die Babylonier besiegten sie, führten sie in Gefangenschaft weg aus ihrem Land. Die Erfahrung, dass Gott nicht immer rettet, nicht immer alles gut werden lässt, kennt das jüdische Volk so wie auch wir diese Erfahrung kennen. Nicht alles, was ich mir von Gott erbitte, erfüllt sich. Nicht immer gehen brenzligen Situationen gut aus. Gerade deshalb hat sich in der jüdischen Tradition die Erinnerung an Gottes Heilstaten verfestigt. Gerade weil es in schweren Zeiten manchmal Zweifel gibt, ob Gott wirklich da ist, gibt es die Lieder über Gottes früheres Handeln. Die Musik lässt uns Gottes Wahrheit, seine Macht, sein Dasein spüren – sogar dann, wenn in meinem Leben vieles dagegen spricht. Das ist die tiefere Bedeutung von Moses Lied. Das ist die tiefere Bedeutung von Mirjams Tanz. Dass gerade dann, wenn in meinem Leben schwere Zeiten durchzustehen sind, ich zugesungen bekomme: „Er ist hoch erhaben; Ross und Reiter hat er ins Meer gestürzt. […] er ist meines Vaters Gott, ich will ihn erheben.“ Ich wünsche uns, dass wir durch Musik, durch das Singen, wenn es wieder erlaubt sein wird, und durch das Tanzen, das wir nicht unterschätzen sollten… Ich wünsche uns, dass wir durch all das ermutigt werden, an Gottes Macht und Dasein zu glauben. Gott hat die Musik geschaffen, um uns an ihn zu erinnern, um uns seiner Treue zu versichern, die er längst und unzählige Male durch seine Taten bezeugt hat. Ich wünsche uns, dass Musik uns und die Menschen um uns immer wieder ansteckt, dass sie sich in unserem Inneren ausbreitet und Körper, Seele und Geist in uns anspricht.

Denn „wer sich die Musik erkiest, / hat ein himmlisch Werk gewonnen; / denn ihr erster Ursprung ist / von dem Himmel selbst genommen, / weil die lieben Engelein / selber Musikanten sein.“

Amen.

 

Gebet: Neue und alte Lieder wollen wir dir singen, o Gott, denn unser Glaube lebt in diesen Liedern. Wir möchten dir singen als deine Gemeinde. Doch noch müssen wir darauf verzichten, keine Gesangstimmen in den Kirchen, hier bei uns und an vielen Orten dieser Erde. Aber unser Gebet können wir dir sagen, gemeinsam vor dich treten, das vor dich bringen, was uns bewegt, was dein Geist uns eingibt. So bitten wir für all die Menschen, die krank sind oder im Sterben liegen. Und für die Menschen, die anderen dienen in Therapie und Pflege. So bitten wir für all die Menschen, die sich sorgen um die Einsamen, die Verbindungen suchen und Nähe schaffen, wo Trennung herrscht. So bitten wir für all die Menschen, die in Sorge sind um ihren Lebensunterhalt. Und für die Menschen, die Verantwortung übernehmen für das wirtschaftliche Leben. Wir sehnen uns zurück nach einem Leben mit frohen Liedern, offenen Gesichtern und herzlichen Begegnungen. So bitten wir dich: Komm uns entgegen, du unser Gott!

Dich rufen wir gemeinsam an: Vater unser… Amen.

 

Predigt von Pfarrer Michael Güthle für Sonntag Jubilate, am 3. Mai 2020. 

 

Liebe Gemeinde,

„alles neu, macht der Mai“ – so sagt es das Sprichwort. In diesem Jahr wurden wir bereits im April mit Sonnenschein und bunten Blüten beschenkt. Viele von uns sehnen sich in diesem Mai nach einer Erneuerung des Alltagslebens.

Die Einschränkungen wegen der Corona-Pandemie schlagen zunehmend aufs Gemüt und man fühlt sich wie abgeschnitten, weil persönliche Begegnungen fast nicht möglich sind. Ich denke da vor allem an die Bewohner in den Alten- und Pflegeheimen, aber auch an Familien, die ihre Kinder zu Hause betreuen müssen. Die wirtschaftlichen Sorgen vieler Menschen nehmen zu und noch ist kein Ende in Sicht, selbst wenn einzelne Maßnahmen gelockert werden. Die Schar der Unzufriedenen wächst. Die Diskussion zwischen mehr Öffnung und mehr Schutzmaßnahmen ist in vollem Gange. Entscheidungen müssen getroffen werden und erst später wird sich herausstellen, ob sie wirklich hilfreich und notwendig waren. Bei diesem beherrschenden Thema wird oft vergessen, dass es außer Corona noch andere Probleme gibt, die Menschen zu bewältigen haben. In unserer Gemeinde müssen manche um geliebte Menschen trauern und schmerzhaft Abschiednehmen. Manche sind alt und lebenssatt gestorben, andere waren krank und wieder andere wurden schlagartig und völlig unerwartet aus ihrem Leben gerissen. Bei allem, was uns bewegt und was kaum auszuhalten ist, kann uns der Glaube eine Hilfe sein. Gerade dann, wenn wir uns selber ohnmächtig und wie gelähmt fühlen, ist es wichtig, das Gottvertrauen zu stärken und daran zu denken, dass wir auch jetzt von Gott gehalten und getragen werden. Gottes Wort, das uns für diesen ersten Sonntag im Mai gegeben ist, ermutigt uns dazu:

 

Christus spricht: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner. Eine jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, nimmt er weg; und eine jede, die Frucht bringt, reinigt er, dass sie mehr Frucht bringe. Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe. Bleibt in mir und ich in euch. Wie die Rebe keine Frucht bringen kann aus sich selbst, wenn sie nicht am Weinstock bleibt, so auch ihr nicht, wenn ihr nicht an mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich in ihm, der bringt viel Frucht; denn ohne mich könnt ihr nichts tun. Wer nicht in mir bleibt, der wird weggeworfen wie eine Rebe und verdorrt, und man sammelt die Reben und wirft sie ins Feuer, und sie verbrennen. Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren. Darin wird mein Vater verherrlicht, dass ihr viel Frucht bringt und werdet meine Jünger. (Johannes-Evangelium, Kapitel 15, Verse 1-8)

 

Das Bild vom Weinstock und den Reden ist ein schönes Bild für die tiefe Verbundenheit, die Jesus mit uns pflegt. Es wird auch der Unterschied deutlich: er ist der Weinstock, wir sind die Reben; die Reben können nicht leben ohne den Weinstock. Vom ihm her fließt ihnen Lebensenergie zu. Der Weinstock trägt die Reben und versorgt sie, lässt sie wachsen und bewirkt, dass sie Frucht bringen können. Durch Jesu Worte, durch Jesu Dasein für uns, fließen uns Kraft und Lebensenergie zu – hinein in unser Herz, in unsere Seele, aber auch in unseren zerbrechlichen Leib. Das ist eine Kraft, die uns keiner nehmen kann. Diese Lebensenergie ist nichts anderes als die Gegenwart des auferstandenen Jesus Christus. Jesus ist da, wir sind also nicht ohne Beistand und Trost.

Jesus sagt auch: Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater der Weingärtner.

Gott trägt die Verantwortung, er kümmert sich. Der Weinstock und die Reben werden umsorgt vom Weingärtner. Er sorgt für das Fruchtbringen. In der Verbundenheit mit Christus bin ich auch entlastet: nicht nur ich kümmere mich um mich, sondern Christus selbst will mich versorgen. Gott, der große Weingärtner schaut und pflegt. –

Dann ist da aber auch die Rede von den dürren Reben, durch die kein Lebenssaft mehr fließt. Sie vertrocknen und werden abgeschnitten und verbrannt. Der Weingärtner sorgt dafür, dass diejenigen Reben Platz zum Wachsen bekommen, deren Holz grün ist. Bei diesen Aussagen sollten wir uns davor hüten, einander aufzuteilen in diejenigen, die Frucht bringen und die, die angeblich keine bringen. Welche Rebe am Weinstock bleibt und welche nicht – dieses Urteil spricht nur Gott allein. Wir sollten nicht vergessen, dass in uns immer beides ist: Dürres und Grünes, das Frucht bringt. Und denken wir auch daran: nach der Weinlese im Herbst sieht ein Weinstock über den Winter verdorrt aus. Er zieht sich in sich selbst zurück. Das ist notwendig, damit ein neues Aufwachsen im Frühjahr möglich ist. Solch eine Dürrezeit erleben wir in diesen Wochen. Uns fehlt die Lebensenergie, wir fühlen uns wie ausgetrocknet und abgeschnitten. Unsere Landwirte sehen zudem voller Sorge über die Äcker, die ohne Regen keine Frucht bringen können. Jede Krankheit, jede Zeit der Trauer, die uns zugemutet wird, zwingt uns zum innerlichen Rückzug. Wir brauchen unsere Kräfte zum Überleben, wir konzentrieren uns auf das Wesentliche. Dabei wird uns besonders bewusst, wie kostbar unser Leben ist und dass es eben nicht selbstverständlich ist, wenn wir einander begegnen und uns nahe sein können. Wir fragen uns: Wie kann ich mit den Einschränkungen und Schmerzen weiterleben. Was gibt meinem Leben Sinn und wo ist die Quelle meiner Kraft? In jeder Dürrezeit liegt auch die Möglichkeit, sein Leben neu zu ordnen, sich wieder dem zuzuwenden, was mich im Leben trägt. Dabei können wir darauf vertrauen, dass der Weingärtner einen neuen Frühling für uns bereiten wird. Die Zeiten der Dürre und der Fruchtlosigkeit haben nicht das letzte Wort. Das letzte Wort, das über uns gesprochen wird, ist Gottes Wort, das für das Leben eintritt und Neues wachsen lässt.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben – aus diesen Worten können wir die Kraft schöpfen, die wir zum Leben brauchen. Wir tun das am besten dadurch, dass wir bei Jesus bleiben. Allein 12mal kommt das Wort „bleiben“ in diesem kurzen Text vor.

Bleibt in mir – so ruft uns Jesus zu. So sagt es auch im Gebirge der Retter zu dem Bergsteiger, der sich im Fels verstiegen hat: bleibe jetzt hier auf der bergenden Felsplatte, sonst droht der Abgrund. So sagt es das Herz dem verlorenen Sohn nach seiner Rückkehr: Nie mehr meinen, woanders sei mehr Leben und Freiheit als hier im Haus meines Vaters. „Bleib in meinen Armen“ – so sagt es die Mutter ihrem Kind, wenn es in der Nacht Angst hat. „Bleibt bei mir“ – sagt Jesus zu uns. Wo er ist, da ist Leben und da kann ich erfahren, dass mich nichts, was mir geschieht, aus seiner Hand reißen kann. In den Ostertagen bekam ich ein Text zugesandt, der nach den Worten aus dem Römerbrief geschrieben war. Da heißt es: „Denn ich bin gewiss, dass weder ein Virus noch eine andere Krankheit, weder Langeweile noch Einsamkeit, weder soziale Distanz noch Kurzarbeit, weder drohende Insolvenz noch kräfteraubendes Homeschooling, weder große Krisen, Angst, Zweifel noch selbst der Tod mich von Gottes Liebe trennen können.“  – Das Bild vom Weinstock und den Reben lädt uns ein, bei Jesus zu bleiben, gerade jetzt, in dieser schweren Zeit. Ermutigen wir uns gegenseitig, wie Reben am Weinstock zu bleiben. Von ihm bekommen wir die nötige Kraft und den Halt, denn wir jetzt brauchen – und ohne ihn können wir nichts tun. Amen

 

Gebet

Jesus Christus, wir danken dir, dass du uns Menschen treu bleibst. Sowohl im Leid als auch in der Freude bist du bei uns. Wir bitten dich: Bleibe bei unseren Kranken und Trauernden und schenke ihnen Zeichen deiner Nähe und Hilfe. Gib den Mutlosen und Verzweifelten das Vertrauen, dass sich ihr Leben erneuern kann. Steh den Menschen bei in den Krisengebieten dieser Welt, denen, deren Schicksal in den Nachrichten bekannt gemacht wird, aber auch den vielen, die unbeachtet von der Öffentlichkeit im Verborgenen leiden.

Lass uns gerade jetzt die Verbundenheit mit dir spüren und stärke unser Vertrauen, dass du uns gibst, was wir brauchen. In diesem Vertrauen legen wir alles, was uns und unsere Welt bewegt, in deine Hände und beten gemeinsam: Vater unser im Himmel …