Predigten

erstellt am: 16.03.2020

Predigt für Sonntag Judika (29. März 2020) von Pfarrer Michael Güthle

Jesus – der gehorsame Hohepriester  

Hebräerbrief, Kapitel 5, Verse 7-9 (seitherige Reihe II)

Und er hat in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht, der ihn aus dem Tod erretten konnte; und er ist erhört worden, weil er Gott in Ehren hielt. So hat er, obwohl er der Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt. Und da er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber der ewigen Seligkeit geworden,

 

Liebe Gemeinde,

„und er“ – so beginnt dieser Text und mit diesen beiden Worten werden unsere Augen auf Jesus Christus am Kreuz gelenkt. Es liegt eine sammelnde Kraft in diesen kleinen Worten: „und er“. Es ist als ob ein Vorhang weggezogen würde, so dass unser unruhiges Herz einen Punkt findet, an dem es zur Ruhe kommen kann.  Es ist ja viel, was jeden Tag über uns hereinbricht; es ist viel, was uns persönlich bewegt und beschäftigt und worüber wir uns in dieser Zeit der Kontaktsperre Sorgen machen: Wie geht es unseren Angehörigen? Wie geht es weiter in den nächsten Wochen und Monaten? Wie können wir untereinander verbunden bleiben und wie können wir auch den Menschen dieser Welt helfen? Da ist es gut, wenn wir einen Flucht- und Ruhepunkt haben, an dem wir neue Kraft schöpfen können.

Darum, so ruft uns der Hebräerbrief zu, wendet euch zum Kreuz. Doch was sehen wir da?

Wir sehen den einen, „der in den Tagen seines irdischen Lebens Bitten und Flehen mit lautem Schreien und mit Tränen vor den gebracht hat, der ihn vom Tod erretten konnte.“ Wir sehen Jesus Christus, der tut, was Gott will. Wir sehen den, der in seinem ganzen Leben dem Willen Gottes gehorsam war. Wir sehen den Einzigen, der nicht zwei Herren diente, sondern der allein Gott die Ehre gab. Wir sehen den, der in völliger Übereinstimmung mit Gott sein Leben gelebt hat. Wir sehen den, der auch unter Schmerzen und Schreien, unter Leiden und Tränen, der Liebe Gottes treu geblieben ist. Er gab sein Leben für uns. Er hat sich geopfert, er hat sich in die Tiefe der menschlichen Abgründe und des menschlichen Leids hineinbegeben.

Damit hat er sich ganz solidarisch gemacht mit allen Menschen, die leiden. Mit dem Geschrei der Gefolterten und Verstoßenen, mit den Tränen der Gefangenen und der Heimatlosen. Mit der Angst aller, die Schmerzen leiden und nicht wissen, wie es weitergehen soll. Wo auf der Erde geschrien, geweint und gelitten wird, da ist Jesus Christus dabei. Das ist sein Geheimnis. Er steht den Leidtragenden zur Seite. Er ist anwesend, wo es unmenschlich und gottlos zugeht.  Er selber hat am Kreuz geschrien: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Doch er hat diese Gottesferne ausgehalten. Er hat zuvor im Garten Gethsemane mit sich gerungen, soll er dem Leiden entfliehen oder standhalten?  Soll doch der Kelch an mir vorübergehen. Doch dann folgen seine Worte, mit denen er Gott treu bleibt und seinen Weg annimmt: „nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.“

Somit kann keiner von uns mehr sagen: Jesus Christus geht an meinem Leiden und an meinen Sorgen vorbei. Nein, er war gehorsam bis zum Tod. Er hat in seinem Leiden, seine Klage an den gerichtet, der ihn vom Tod erretten konnte. Er hat nicht gekämpft nach dem Motto: wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg. Er hat sich auch nicht als ein Held im Leiden gezeigt, nach dem Motto: ein Indianer kennt keinen Schmerz. Er hat das Leiden, die Unsicherheit und Angst und Klage zugelassen. Dabei ist er zum Beter geworden. Er hat sich in seinem Ausgeliefert-Sein an Gott gewandt und sein Leben ganz in Gottes Hand gegeben. Und dann heißt es: „und er ist erhört worden“.  Stimmt das eigentlich? Müsste es nicht eher heißen: Er ist nicht erhört worden? Denn Gott mutete ihm Schmerzen und Todesangst und Verlassenheit zu. Und doch hat die Bibel recht, wenn sie sagt: „Er ist erhört worden.“

Im Garten Gethsemane und am Kreuz nahm Gott Jesus nicht das Leiden ab, aber etwas von der Todesangst. Im Leiden Christi steckt zugleich die Erfahrung von Trost und Getragen-Sein.

Viele Menschen haben das seither in Notlagen erlebt: Diesen Trost, der das Herz ruhiger macht; ein Trost, der von Geborgenheit mitten im Sturm weiß, so wie es einmal eine fromme Frau im Mittelalter ausgedrückt hat: „Ich bin so geborgen wie die Feder im Sturm. Wenn ich auf die Wellen geweht werde, ertrinke ich nicht. Wenn ich gegen Felsen geschleudert werde, zerbreche ich nicht. Ich bin so geborgen, wie die Feder im Sturm.“

„Und da er vollendet war, ist er für alle, die ihm gehorsam sind, der Urheber der ewigen Seligkeit geworden.“ –

So endet die Betrachtung des Mannes am Kreuz mit einer großen Glaubenshoffnung. Der Blick auf Ostern hin wird geöffnet. Jesus blieb ja nicht im Tod. Er wurde auferweckt. Sein Weg des Leidens führt zum Sieg des Lebens über den Tod. Er war Gott gehorsam und Gott hat dies bestätigt. Die Erlösung für uns, der Zugang zum ewigen Heil ist vollbracht. Wir brauchen, wir können und müssen nichts mehr dazutun. Wir brauchen nicht auf andere Erlöser zu warten, selbst wenn sie uns eine heile Welt versprechen würden. Ein Leben ohne Leid, ohne Störung, ohne Schmerzen wird es nicht geben. Doch wir sollen wissen, solch ein Leben spricht nicht gegen Gott. Gott ist und bleibt an unserer Seite. Denn wer sonst als er kann unsere Not wenden? Wir gehen nicht verloren. Wir sind gehalten und getragen. Denn auch Finsternis ist nicht finster bei Gott.

Liebe Gemeinde, der Wochenspruch fasst die Botschaft des Hebräerbriefes gut zusammen:

„Der Menschensohn ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe sein Leben als Lösegeld für viele (Matthäus 20,28).“

Auch wenn erst durch Kreuz und Auferstehung deutlich wird, dass sich in Jesus Gott selber zeigt, so wird schon in seinem Leben sichtbar, wie sehr er für die Menschen da ist. Er sorgt dafür, dass die Würde eines jeden Menschen geachtet wird. Jesus hilft den Menschen, ohne Ansehen der Person. Die einen heilt er von einem körperlichen Gebrechen, die anderen befreit er von einer Seele voller Angst und Verzweiflung. Die einen, die verachtet wurden, holt er in die Gemeinschaft zurück und die anderen, die Unrecht getan haben, fordert er zur Umkehr auf und er vergibt ihnen. Jesus macht immer wieder deutlich: „Ich bin gekommen, um den Menschen zu helfen und um ihnen zu dienen.“ Wer auf Jesus sieht, der erkennt in seinem Verhalten, den Willen Gottes. Jeder Mensch soll erfahren, dass er von Gott nicht verlassen ist. In jedem Gottesdienst, den wir feiern, stärken wir dieses Vertrauen auf Gott. Wir sollen gewiss sein, dass wir in Gottes Hand geborgen sind, sowohl in den guten Zeiten als auch in diesen Tagen, an denen wir bedrückt sind und hoffen, dass wir und die Menschen dieser Welt die Hoffnung zum Leben nicht verlieren.

Nach durchgestandener Krankheit, nach durchlebter Trauer ist jeder Atemzug ein Geschenk. Jede Krisenerfahrung macht uns bewusst: Nicht wir haben das Leben in der Hand – sondern der Gott, der sich für uns am Kreuz hingegeben hat. Aus jeder Leiderfahrung kann auch etwas Neues wachsen, so wie das Weizenkorn, das in die Erde fällt und erstirbt, viel Frucht bringt. Oft sind es die schwierigen Wegabschnitte, die uns innerlich reifen und wachsen lassen und uns persönlich weiterbringen. „Gelobt sei der Herr täglich. Gott legt uns eine Last auf, aber er hilft uns auch (Psalm 68,20).“ Lassen wir uns also in dem Vertrauen stärken, dass Jesus Christus bei allem Kummer an unserer Seite bleibt; an ihn können wir uns im Gebet wenden und wir können uns auf seinen Zuruf verlassen: „Ich lebe und ihr sollt auch leben. Fürchtet euch nicht. Denn siehe, ich bin bei euch alle Tage, bis an der Welt Ende.“ Amen.

 

Gebet

Barmherziger Gott, wir kommen zu dir mit unserem Gebet, weil wir glauben, dass allein Du die Welt heilen und erlösen kannst. In diesen Tagen wird uns besonders bewusst, dass wir das Leben nicht in unserer Hand haben. Es ist ein kostbares Geschenk, von dir gegeben. Wir bitten dich, sei allen Menschen nahe und gib ihnen Trost und Zuversicht zum Durchhalten. Wir danken dir für alle, die etwas tun können und bitten dich für alle, denen es schwerfällt, dass sie nichts tun können. Befreie jeden dazu, nicht nur an sich, sondern auch an die anderen zu denken.

Lehre uns beten, miteinander und füreinander. Vater unser im Himmel …

 

Es segne und behüte dich, Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Predigt zum Sonntag Lätare (22. März 2020) von Pfr. Dr. Frank Dettinger

Liebe Gemeinde,

„Du bist verhaftet!“ Bei diesem Satz fährt einem der Schreck in die Glieder. Kinder lieben dieses Spiel: Räuber und Polizei. Es scheint eine Faszination zu geben für den Schrecken des Gefangenseins. Aus einem Praktikum bei der Gefängnisseelsorge in meiner Ausbildung kenne ich die bittere Lage, die in Gefängnissen herrscht: Bedrückend, hart ist es, wenn man nicht selbst seinen Tag gestalten kann, wenn man den Ort nicht verlassen kann, wo man ist. Freiheitsentzug ist eine Strafe, die psychisch schwer belastet. Eine Ahnung davon bekommen wir in diesen Tagen, wenn wir durch die Corona-Krise Einschränkungen erleben, die wir bisher nie gekannt haben. Paulus kannte schwere Einschränkungen, er war im Gefängnis. Von dort schreibt er einen seiner Briefe – den Philipperbrief. Hieraus hören wir den heutigen Predigttext

„Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums hier liege; jene aber verkündigen Christus aus Eigennutz und nicht lauter, denn sie möchten mir Trübsal bereiten in meiner Gefangenschaft. Was tut’s aber? Wenn nur Christus verkündigt wird auf jede Weise, es geschehe zum Vorwand oder in Wahrheit, so freue ich mich darüber. Aber ich werde mich auch weiterhin freuen; denn ich weiß, dass mir dies zum Heil ausgehen wird durch euer Gebet und durch den Beistand des Geistes Jesu Christi, wie ich sehnlich erwarte und hoffe, dass ich in keinem Stück zuschanden werde, sondern dass frei und offen, wie allezeit so auch jetzt, Christus verherrlicht werde an meinem Leibe, es sei durch Leben oder durch Tod. Denn Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“  (Phil 1,15-21)  

Liebe Gemeinde,

wie frei kann man eigentlich trotz Gefängnis sein? Lässt sich der Schrecken brechen? Kann es das geben: Innerlich sich davon befreien, wie bedrückend es ist? Ende des 18. Jh. kursierte als Flugblatt folgender Text: „Und sperrt man mich ein in finsteren Kerker, dies alles sind nur vergebliche Werke. Denn meine Gedanken zerreißen die Schranken und Mauern entzwei. Die Gedanken sind frei.“ Bald fand sich dieser Text in Volksliedersammlungen. Über das, was Menschen denken, haben Herrschende keine Macht. Die innere Freiheit kann niemand wegnehmen.

Innere Freiheit hat auch, wer im Leid noch innerlich zuversichtlich bleiben kann. Das Thema bei Paulus ist auch: Gibt es „Freude im Leide“?, wie Cyriakus Schneegaß 1598 gedichtet hat (EG 398). Ist das grundsätzlich überhaupt möglich? Sich an der Freiheit der Gedanken im Gefängnis erfreuen?

Paulus macht deutlich: Er erlebt seine Gefangenschaft im übertragenen Sinn als Ohnmacht: Manche wollen ihm zwar den Rücken stärken draußen, ihn verteidigen – manche ihn aber auch verdrängen. Sie sehen die Chance, sein Werk zu zerstören, wenn er ja jetzt gerade nicht da sein kann.

In der Stadt Philippi hatte Paulus Freunde und Gegner. Es gab einen Streit um seine Person, der sich im Hintergrund dieses Briefes abspielt. Paulus verblüfft in seinem Brief nun durch Gelassenheit! Freude im Leide ja, für ihn ja, so sagt er, gibt es das.

Für uns ist es interessant zu wissen, warum das bei ihm so ist. Wir möchten herausfinden, was ihn dazu bringt, sich zu freuen und gelassen zu sein angesichts der Ohnmacht.

Paulus macht die Gründe deutlich: Paulus erkennt: Christus wirkt alles – auch wo es „menschelt“, auch wo Dinge in der christlichen Gemeinde nicht so laufen, wie sie sollten, eben auch da ist Christus trotzdem am Werk. Das ist eine starke Hoffnung: Paulus kennt eine Allwirksamkeit Gottes. Für ihn ist es ein Trost, ja Grund zur Freude, dass Gott im Hintergrund alles führt.

Vielleicht gerade angesichts der Corona-Krise, vielleicht aber auch so, weil wir schwere Wege im Leben zu gehen haben: Freude im Leide – gibt es das wie für Paulus auch für uns?

Ehrlich gesagt: Wo wir uns gefangen fühlen im Leben, herrscht im Grunde keine Freude. Wenn wir leiden unter einer bestimmten Situation am Arbeitsplatz oder in der Schule, wenn wir von Kolleginnen und Kollegen Bitteres einstecken müssen, dann bin ich wie gefangen in einer schweren Situation und komme da nicht heraus. Freude ist dann weit entfernt.

Wenn ich in der Familie nicht anerkannt werde, wenn gegen mich gewirkt wird, wie gegen Paulus Strippen gezogen wurde in seiner christlichen Gemeinschaft, dann ist Freude weit weg.

In Krankheit oder Trauer kann ich gefangen sein, wie in einer Sackgasse feststecken und das bedrückende Gefühl haben: Ich komme hier nicht heraus. Keine Freude ist hier dann spürbar, überall nur „Leide“, das sich sogar zuspitzen kann. Die Freude im Leide gibt es letztlich erst im Loslassen. Erst im inneren Loslassen der Sorgen kann sich etwas innerlich bei mir ändern.

Paulus hilft: Er vertraut in Gottes Weisheit. Er anerkennt seine Ohnmacht und es gelingt ihm, sich nicht mehr gegen sie aufzulehnen. Es kann so etwas geben wie eine Schule des „Nichts-Tun-Könnens“. Diese Schule ist hart, aber innerlich kann sie befreiend sein.

Zuerst sollte uns aber klar sein: Wir müssen die Situation, in der wir uns gefangen fühlen, erst einmal richtig erkennen. Dann kann es sein, dass ich erkenne, dass es doch auch noch Möglichkeiten gibt, etwas zu ändern: Es kann Stellenwechsel im Job geben, es kann die Möglichkeit geben, Lehrern von Problemen in der Klasse zu berichten, es kann die Möglichkeit geben, Verwandten meine Gefühle, meine Verletzungen in einem ruhigen Gespräch deutlich zu machen. Gut, wenn wir Wege aus den Gefängnissen herausfinden.

Ehrlich müssen wir aber auch zugeben, dass wir uns manchmal sehr schwertun und aus manchen Gefängnissen, oft aus Krankheit oder Trauer, trotzdem nicht herausfinden.

Dann kann uns weiterhelfen, auf Paulus zu schauen: Alles ist doch an Gott gelegen – ohnehin liegt alles in Gottes Hand. Die Dinge meiner Ohnmacht und ja auch die Dinge meiner Macht.

Ja, auch dann, wenn ich mich nicht ohnmächtig fühle, hängt letztlich auch alles an Gott – bloß denke ich da weniger dran, fühle mich stark. Im Hintergrund wirkt aber Gott auch dann.

In allem Nichts-Tun kann es mich trösten, wenn ich überzeugt gibt: Gottes Herrschaft ist wahr – auch jetzt – gerade jetzt.

Johann Franck hat 1653 gedichtet: „Tobe, Welt, und springe; ich steh hier und singe in gar sichrer Ruh. Gottes Macht hält mich in Acht, Erd und Abgrund muss verstummen, ob sie noch so brummen.“ (EG 396,3)

Dietrich Bonhoeffer dichtete 1944: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ (EG 541 Kehrvers)

Beide kannten das Gefühl innerer Freiheit in äußerer Gefangenschaft. Beiden spürten Gottes Herrschaft, die auch wider den Anschein gültig bleibt. Die harte Schule des „Nichts-Tun-Könnens“ kann schließlich in guter Weise in die Gegenwart führen. „Christus ist mein Leben, Sterben mein Gewinn“, sagt Paulus am Ende unseres Predigtabschnitts. Es ist Paulus gleichgültig, ob er lebt oder stirbt – jederzeit ist er mit Christus verbunden. Das beschreibt er als das für ihn einzig Entscheidende. Die Zeit verliert dabei ihre Bedeutung.

Im Galaterbrief schreibt Paulus: „Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir.“ (Gal 2,20) Und auch im Römerbrief klingt Paulus ähnlich: „Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn.“ (Römer 14,8)

Die Schule des „Nichts-Tun-Könnens“ kann etwas dazu leisten, dass ich das Jetzt ein Stück mehr annehme. Es muss nicht immer um Vergangenheit und Zukunft gehen. In der Ohnmacht habe ich die Chance, die Gegenwart neu zu entdecken.

Vielleicht träume ich von vielen Dingen, auf die ich mich in der Zukunft freue. Aber es gibt auch das Hier und Jetzt – und auch in der Ohnmacht bleibt noch ein Rest von Möglichkeit, den ich vielleicht entdecken kann. „Carpe diem“ – nutze den Tag – das kann es im christlichen guten Sinne geben.

Vielleicht die Chance auf ein Telefongespräch, das heute stattfinden könnte, vielleicht die Chance, jetzt zu beten, vielleicht die Chance, einfach den Moment, der gerade ist, zu erleben und – hoffentlich – zu genießen. Paulus erkennt, dass sein Leben in Christus für ihn das Entscheidende ist, das Entscheidende in Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart, das Entscheidende, das über alle zeitlichen Unterschiede hinaus Bestand hat.

So findet Paulus in die Gegenwart – und in die innere Freiheit und Gelassenheit.

Wir befinden uns in der Passionszeit. In der Passionszeit können Christen auch an die Wundmale Jesu am Leib des Auferstandenen denken.

Diese Wundmale Jesu sind letztlich tiefe Symbole für innere Freiheit, ja für Freude im Leid. Am Kreuz litt Jesus unvorstellbar – jetzt am Leib des Auferstandenen zeigen die Wundmale aber: Es ist vollbracht.

Jetzt und nachher ist dabei letztlich egal. Jetzt das Kreuz, nachher die Auferstehung. Jetzt das Gefängnis, nachher die Freiheit – über allem aber ist Gottes Nähe immer da und das bleibt das Entscheidende und somit der Weg in innere Freiheit.

Unsere Ohnmacht, unser Nichts-Tun-Können, gerade in Corona-Zeiten, kann eine Schule sein, die uns daran denken lässt, dass Gott immer noch da ist – und dableiben wird und dass das auch in dieser Situation letztlich das Entscheidende ist.

Paulus hat eben das im Gefängnis gelernt. Er hat Freiheit gefunden in seiner Gefangenschaft.

Ich wünsche uns, dass Gott uns wie Paulus Gelassenheit und innere Freiheit schenken möge, zumindest ein Stück, ja ein großes Stück, vielleicht auch Freude im Leide.

Amen.

 

Gebet:

Herr, unser Gott,

du allein schenkst innere Freiheit, du allein schenkst Freude im Leide.

Dir vertrauen wir uns an. Vor dich bringen wir alle Not dieser Welt. Alle Kriege, Hungersnöte und schwere Krankheiten, besonders die Corona-Pandemie, die diese Welt in diesen Wochen unvorstellbar herausfordert.

Wohin sollen wir uns wenden, wenn nicht an dich? Sei du allen Not Leidenden nahe, schenke du neue Hoffnung, wo aller Mut verloren scheint. Sei bei Ärzten und Pflegerinnen, Wissenschaftlern, bei allen, die sich einsetzen zum Schutz der Menschen und zum Weg heraus aus der Krise.

Gib uns die Erkenntnis und Einsicht, wo wir selbst durch das Unterlassen von sozialen Kontakten und durch Gebet helfen können. Lass uns das scheinbar Widersinnige begreifen, dass Distanz im Moment der Weg ist, das Virus einzudämmen. Schenke uns zugleich Weisheit und Kreativität, wie wir uns trotz Abstand umeinander kümmern können.

Vor dich bringen wir unser Leben und alle Menschen, die uns am Herzen liegen. Führe du unsere Tage durch die Zeiten, damit wir auf bewahrten Wegen gehen dürfen und dich an unserer Seite wissen.

Gemeinsam beten wir: Vater unser… Amen.

 

Predigt von Pfarrer Prof. Dr. Björn Görder zum Sonntag, 15. März 2020

vorgesehen für den ausgefallenen Gottesdienst in der Albert-Schweitzer-Kirche in Tübingen

 

Liebe Gemeinde,

gestern kamen zwei Menschen mit Atemmasken in die Bank. Gott sei Dank war es aber nur ein Banküberfall – da waren wir alle wieder erleichtert.

Im Internet kursieren die ersten Corona-Witze. Manche mögen das geschmacklos finden, andere befreiend. Jedenfalls beschreibt dieser Witz eine Stimmung, die ich auch so wahrnehme:

Leere Spielplätze, leere Straßen, leere Regale im Supermarkt. Menschen mit Handschuhen. Sicherheitsabstand. Und Angst. Berechtigte Angst. Angst um die Menschen, die bei einer Infektion besonders gefährdet sind. Angst um unser Gesundheitssystem und die, die dort arbeiten. Angst um die wirtschaftliche Existenz, den Arbeitsplatz, die Altersvorsorge.

Es gibt aber auch eine große Sorge darum, dass wir alle und vor allem unsere Kinder von diesen Ängsten gefangen werden. Es gibt die Sorge, dass diese Angst so groß wird, dass sie selbst zur Gefahr wird – für unseren Geist, für den Geist unserer Kinder und für unser Zusammenleben.

Gegen diese Furcht wollten wir in der Albert-Schweitzer-Kirche heute mit dem Kinderchor in einer fröhlichen Familienkirche ansingen. „Lasst uns miteinander, lasst uns miteinander singen, spielen, loben den Herrn.“

Doch das, was vielen sonst Trost und Halt gibt, das ist nun selbst zur Gefahr geworden: das Gesangbuch, der Spielplatz und vor allem die Nähe zu anderen Menschen. Der Besuch der Enkelkinder, der gesellige Abend mit Freunden, ausgelassenes Tanzen in der Disco. Von all dem wird dringend abgeraten.

Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch. (F. Hölderlin)

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und

der Besonnenheit“ (2. Tim 1,7).

„Ein Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“ Was kann das heißen in diesen Zeiten? Das Gegenteil von Furcht ist nicht Leichtsinn, sondern Besonnenheit. Natürlich achten wir auf Hygienemaßnahmen. Aber wir lassen uns von der Furcht eben nicht gefangen nehmen. Auch wenn die Gottesdienste ausfallen, können wir singen und beten.

Wir halten den Blick offen für die, die unsere Nähe brauchen. Wenn dein Bruder oder deine Schwester kein Klopapier mehr hätte, Du aber noch zwei Rollen – würdest Du ihm eine abgeben?

Es gibt viele Möglichkeiten, wie wir uns gegenseitig unterstützen können. Der Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit wird uns Wege dazu zeigen. Das tolle ist ja: Gottes Geist ist ein schöpferischer Geist – ein kreativer Geist, der sogar Humor hat. Singen, spielen, den Herrn loben – das geht auch auf ganz überraschende Weise.

In Italien gibt es schon seit Dienstag eine weitgehende Ausgangssperre. Dort hat sich in der Zwischenzeit eine ganz neue Kunstform entwickelt:

Das Balkonkonzert. Vielleicht haben Sie schon etwas davon gesehen oder gehört. Da treten Menschen aus verschiedenen Wohnungen auf ihre Balkonen und musizieren miteinander, manche tanzen, manchen hören einfach zu. Andere filmen das und laden die Filme im Internet hoch. Einen dieser Filme finden Sie hier: https://www.youtube.com/watch?v=PjddG-VfE6E

– vielleicht haben Sie ja Lust, in einer ruhigen Minute noch weitere anzuschauen.

Man kann aufeinander zugehen, ohne die Wohnung zu verlassen. Menschen können sich auch in diesen Tagen gegenseitig anstecken – mit Zuversicht, mit Empathie und ohne Gefahr.

Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

Amen.

 

Lied: Nichts soll dich ängsten (EG 574, https://www.youtube.com/watch?v=go1-BoDD7CI)