Predigten Juni und Juli 2020

erstellt am: 06.06.2020

Predigt zum 4. Sonntag nach Trinitatis (5.7.2020) von Pfarrer Michael Güthle, Bartholomäuskirche Markgröningen

 

Bibeltext: Römer 12, 17-21

Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Rächt euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5.Mose 32,35): „Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.“ Vielmehr, wenn deinen Feind hungert, so gib ihm zu essen; dürstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln (Sprüche 25,21-22). Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

Liebe Gemeinde,

wie kann menschliches Zusammenleben gelingen? Wie kann die Liebe Gottes in unserem Leben Wirklichkeit werden? Wir wissen, dass das gar nicht so einfach ist. Wie oft gelingt es wenigen Menschen den Krieg anzuheizen, die Spirale der Gewalt weiter zu treiben, rücksichtslos zu morden und zu töten? Oft sind es auch wenige die durch Zerstörungswut Angst und Schrecken verbreiten. Denken wir nur an die Gewaltnacht in Stuttgart. Doch wir müssen nicht nur auf andere zeigen, sondern uns selber fragen, wo wir Böses getan haben. Nicht umsonst bitten wir in der Beichte um Vergebung für das, wo wir in Gedanken, Worten und Taten andere geschädigt haben. „Das Gute, das ich will, tue ich nicht, sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich“ (Römer 7,19), sagt Paulus an anderer Stelle. Auch ein Handeln in guter Absicht kann andere Menschen verletzen oder ihnen schaden. Wilhelm Busch meinte: „Böses tut sich von allein, Gutes will gelernet sein.“  Wir Menschen sind zum Bösen fähig – ob in der vertrauten Familie oder zu unbekannten Menschen. Weil das so ist, brauchen wir immer wieder aufs Neue die Aufmunterung:

Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

Dieser Zuruf ist nicht umsonst als „Magna Charta des Christlichen“ bezeichnet worden. Es geht hier nicht nur darum, sich nicht vom Bösen bestimmen zu lassen, sondern es zu überwinden. Diese Zielrichtung nimmt auch Martin Luther in seinen Erklärungen zu den 10 Geboten auf, wenn er zum

5. Gebot sagt: „Wir sollen Gott fürchten und lieben, dass wir unserm Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und beistehen in allen Nöten.“ Oder wenn er uns zum 8. Gebot einprägt, dass wir unseren Nächsten nicht nur nicht „belügen, verraten, verleumden oder seinen Ruf verderben [sollen], sondern sollen ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“ Einander helfen, einander beistehen, Gutes über den anderen reden, alles zum Besten kehren – das ist die entgegengesetzte Haltung zu Neid oder gar Hass. Diese christliche Grundhaltung ist vom Wohlwollen für den anderen Menschen geprägt. Sie kann sich daran erfreuen, dass es dem anderen gut geht und sie kann dem anderen sein Glück gönnen. Das Wohlergehen des anderen Menschen liegt uns am Herzen.

Dabei sehen wir auch die Grenzen unserer eigenen Möglichkeiten. Paulus spricht es aus: Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden (V 18). Manchmal ist es eben nicht möglich, mit jedermann Frieden zu halten. Doch selbst dann gilt es, die Würde des anderen zu achten.

Aber wie können wir nun zum Wohlwollen gegenüber unseren Nächsten gelangen? Wie kann der Geist der Versöhnung uns Menschen durchdringen? Wir wissen, Liebe lässt sich ja nicht einfach verordnen oder planen. Sie ist ein Geschenk. Gottfried Benn sagte am Ende seines Lebens: „Ich habe mich oft gefragt und keine Antwort gefunden, woher das Sanfte und das Gute kommt, weiß es auch heute nicht und muss nun gehen.“ Als Christen können wir auf diese Ratlosigkeit immerhin antworten.

Zum einen sind die Worte entscheidend, die der Apostel Paulus seinen Ermahnungen voranstellt. Nämlich: Ich ermahne euch durch die Barmherzigkeit Gottes. 

Nicht unsere eigene Kraft ist gefragt, sondern das Leben aus der Barmherzigkeit Gottes. Gott schenkt uns sein Erbarmen. Er nimmt uns an, so wie wir sind. Er gibt unserem Leben seine Würde. Aus diesem Erbarmen Gottes leben wir. Und daher kann es uns gelingen, seine liebevolle Zuwendung weiterzugeben: An die Freunde und an die Feinde. An die Menschen in der Nähe und in der Ferne. „Denn Gott lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute. Er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte“ (Mt. 5,45). „Er ist gütig gegen die Undankbaren und Bösen“ (Lk. 6,35) – so hat es Jesus gepredigt und so hat er es uns vorgelebt. Seine Zuwendung zu den Armen, den Verachteten und Ausgestoßenen, die Stillung von Hunger und Sturm, die Heilung der Kranken und Vertreibung der bösen Geister, all das zeigt uns die Barmherzigkeit Gottes. Wir sind eingeladen, ihm nachzufolgen.

Wir brauchen nicht Böses mit Bösem zu vergelten, nach dem Motto: Wie du mir, so ich dir. Denn, so spricht der Herr: die Rache ist mein. Das Böse zu strafen – das ist nicht unsere Sache. Strafe ist vielmehr Sache der himmlischen Gerechtigkeit (Rö 12,19) und auch, wie es Paulus später sagt, der weltlichen Gerichte (Rö 13,4). Unrecht ist Unrecht zu nennen, Böses ist böse zu nennen. Doch im Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit kann ich das Böse loslassen und es Gott überlassen. So hindert mich das Böse nicht, dem anderen Gutes zu tun.

Zum anderen gilt es festzuhalten, dass Gott das Böse bereits besiegt hat.

In der Auferstehung Jesu feiern wir den endgültigen Sieg des Guten über das Böse, den Sieg des Lebens über den Tod. Daher vertrauen wir darauf, dass sich Gottes gute Lebensmacht durchsetzen wird, gegen alle bösen Mächte, die Leben zerstören wollen. Als Christen halten wir an dieser Glaubenshoffnung fest: Liebe ist stärker als Hass, Frieden stärker als Gewalt, die Kräfte des Lebens sind stärker als der Tod. Immer wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, dann sagen wir damit „Nein“ zu allen Mächten des Bösen. Im Großen wie im Kleinen soll nicht das Böse unser Leben bestimmen, sondern die heilsame Lebenskraft des lebendigen Gottes. Gott selber will dafür sorgen, dass es uns gelingt Böses mit Gutem zu überwinden. Dietrich Bonhoeffer hat diese Glaubenshoffnung mit den bekannten Worten ausgedrückt: „Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.“ Heinrich Böll hat einmal geschrieben: „Selbst die allerschlechteste christliche Welt würde ich der besten heidnischen vorziehen, weil es in einer christlichen Welt Raum gibt für die, denen keine heidnische Welt je Raum gab: für Krüppel und Kranke, Alte und Schwache, und mehr noch als Raum gab es für sie: Liebe für die, die der heidnischen wie der gottlosen Welt nutzlos erschienen und erscheinen. Ich glaube an Christus, und ich glaube, dass die Christen auf dieser Erde das Antlitz dieser Erde verändern können. Denn unter Christen ist Barmherzigkeit wenigstens möglich.“

Liebe Gemeinde,

die Ermahnungen des Apostels Paulus ermutigen uns, ein gottgefälliges Leben zu führen, das uns und den andern Menschen hilft. Mit Barmherzigkeit und Wohlwollen lässt sich das Böse überwinden. Nicht weil wir selber so gut sind, sondern weil wir der Liebe Gottes Raum geben können. An einem alten Bauernhaus in Kärnten steht diese Weisheit geschrieben:

Gutes mit Gutem vergelten ist menschlich. Böses mit Bösem vergelten ist viehisch.
Gutes mit Bösem vergelten ist teuflisch. Böses mit Gutem vergelten ist göttlich.

Möge es uns gelingen. Amen.

 

Wir hören nun ein Lied aus dem neuen Liederbuch (Wo wir dich loben plus)

1.Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

2. Wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

3. Wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden und neu beginnen, ganz neu,

da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns,

da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.

 

Predigt zum 3. Sonntag nach Trinitatis, 28.06.2020, von Pfarrer Dr. Frank Dettinger

Bartholomäuskirche Markgröningen, Predigttext: Micha 7,18-20

 

Liebe Gemeinde,

wer bei einem Unglück zu den Opfern gehört, erfährt natürlich Schweres. Wer bei einem Unglück aber zu den Überlebenden gehört, hat es manchmal auch sehr schwer. Ein tragisches Unglück zu überleben, vielleicht als einer von ganz wenigen, kann schwere Schuldgefühle verursachen. Unberechtigte Schuldgefühle sind das in der Regel, aber dennoch ein unvorstellbares Leiden, mit solchen Schuldgefühlen umgehen zu müssen. 2015 gab es einen unfassbaren islamistischen Anschlag auf das Bataclan in Paris. Eine Frau, Aurélia Gilbert, die dort ein Konzert besuchte und wider Erwarten lebend herauskam, hat ein Jahr später Folgendes berichtet: In ihrem Alltag gebe es wenige Veränderungen – aber eines sei neu hinzugekommen: Schuldgefühle. „Warum habe ausgerechnet ich überlebt?“ Sie engagiert sich seither in einem Überlebenden- und Opferverband. Sie sagt: „Das hilft anderen – und mir“. (Quelle: Zeit-magazin)

Gerade noch davongekommen – und in Schuldgefühlen verstrickt. Das ist auch die Situation unseres Predigttextes. Der Prophet Micha spricht zu Menschen, die die großen Katastrophen in der Geschichte Israels überlebt haben. Micha spricht zu verunsicherten Leuten, zu dem „Rest seines Erbteils“, wie es heißt, zu denen, „die geblieben sind“.

Ich lese aus dem Buch Micha, Kapitel 7, die Verse 18 bis 20.

 

18 Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld denen, die geblieben sind als Rest seines Erbteils; der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade!

19 Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.

20 Du wirst Jakob die Treue halten und Abraham Gnade erweisen, wie du unsern Vätern vorzeiten geschworen hast.

 

Liebe Gemeinde,

Schuldgefühle gehören zu den menschlichen Grunderfahrungen. Schuldgefühle gehören zum Menschsein. Es gibt nun mal das Thema Schuld und Schuldgefühle im Leben von uns Menschen. Und die Kirche, ja der christliche Glauben hat eigentlich Expertenwissen gerade auf diesem Gebiet. Die Frage nach Schuld gehört zum Kerngeschäft, könnte man sagen, dazu haben die Kirche und der christliche Glaube ganz wichtige Dinge zu sagen. Der Vorwurf, dass die Kirche manchmal auch zu viel von Sünde und Schuld gesprochen hat, ist berechtigt. Es darf nicht darum gehen, Menschen Schuld einzureden – das wurde manchmal gemacht oder wird immer noch gemacht. Unselig ist das, Menschen gefühllos in innere Nöte zu führen. Aber zentral bleibt trotzdem, dieses menschliche Thema aufzugreifen und in Angriff zu nehmen, ja, sich trauen über Schuld zu sprechen. Durch den Predigttext sehen wir vieles, was es zum Thema Schuld zu sagen gibt. Ja, das erste ist, dass wir unterscheiden müssen zwischen berechtigten und unberechtigten Schuldgefühlen. Der Rest, die Übrig-Gebliebenen empfinden Schuld – aber vielleicht aus ganz unnötigen Gründen. Wie die Opfer von schweren Katastrophen immer wieder mit Schuldgefühlen zu kämpfen haben, weil das Gefühl da ist: „Ich hatte es doch gar nicht verdient, das zu überleben. – Warum traf es die anderen? – und mich nicht?“ Die Frage, ob die Gefühle, dass ich schuldig bin, wirklich berechtigt sind, sollten wir mitnehmen heute. Ich sollte mich dazu ehrlich befragen. Wenn ich unter Schuldgefühlen leide, darf, ja muss ich mich fragen: Bin ich vielleicht zu streng mit mir? Was konnte ich denn wirklich dafür? Waren da nicht auch andere? Ja, auch andere waren verantwortlich, kann dann eine ehrliche Erkenntnis sein. Diese Seite, diese Fragen zuzulassen, ist wichtig. Und das geht ohne auf der anderen Seite vom Pferd zu fallen. Dem Unschuldswahn zu verfallen, ist natürlich auch ein Problem. Denn umgekehrt ist es natürlich auch leicht, die Schuld bei allen anderen zu suchen und den eigenen Anteil daran zu übersehen oder zu relativieren. Eine möglichst nüchterne, möglichst objektive Sicht auf meine vermeintliche Schuld zu bekommen, das wäre das gute Ziel. Vielleicht hilft mir dazu, wenn ich einen vertrauensvollen Gesprächspartner habe. Gut, wenn ich jemanden habe, dem ich so tief vertrauen kann, dass ein Gespräch über solche Themen möglich ist. Gut, dass es auch professionelle Seelsorgerinnen und Seelsorger, ja Pfarrerinnen und Pfarrer gibt, die zuhören können, ja auch manche Psychologinnen und Psychologen kommen da in Frage.

Wenn ich unter Schuldgefühlen leide und da herauskommen möchte, muss es ein erster Schritt sein, eine möglichst objektive, ehrliche Sicht auf meine Schuld zu bekommen. Dann sehe ich vielleicht: Meine Schuldgefühle sind zu einem gewissen Teil wirklich nicht berechtigt – ich kann, ich darf sie gleich abladen, weil sie nicht echt sind.

Vielleicht sehe ich dann auch: Ein Teil meiner Schuldgefühle – viel oder wenig, je nachdem, ist berechtigt. Ich habe Fehler gemacht. Ich habe anderen Leid zugefügt, habe versagt in dieser oder jener Hinsicht. Es gibt Fehler im menschlichen Leben. Es gibt Versagen im menschlichen Leben. Es gibt Schuld im menschlichen Leben – ja, dieses Thema gehört dazu. Und Jesus sagte einmal: „Wer ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein.“ (Joh 8,7) Das heißt: So wahr es ist, dass es tatsächlich das Problem der Schuld in der Welt gibt, so wahr ist auch, dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Keiner ist ohne Schuld, betonte Paulus auch in überdeutlichen Worten im Römerbrief (Kap. 3). Und für dieses tatsächliche Problem der Schuld sagt der Prophet Micha etwas, was man eigentlich kaum glauben kann, als ehrlich Sich-Schuldig-Fühlender. „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt und erlässt die Schuld? … er hat Gefallen an Gnade! … Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“

Was für ein leidenschaftliches, begeistertes Bekenntnis ist das. Paulus hat in vielen Briefen die Gnade Gottes im Kommen von Jesus als das Allergrößte gepriesen. Hier findet Paulus ein Vorbild, wie man in absolute Verzückung verfallen kann, weil dieser Gott ein gnädiger Gott ist. Es gehört zum Wesen dieses Gottes, gnädig zu sein. Ja, er kann nicht anders, als zu vergeben – sonst widerspräche er seinem Charakter, könnte man sagen.

Micha will ausdrücklich und eindeutig die Gnade Gottes betonen. Das ist so gesehen eine äußerst auffällige Stelle im Alten Testament. Zum Vergleich: Der Zorn Gottes, der hier erwähnt wird, ist auch an anderen Stellen im Alten Testament beschrieben. Und dabei gilt: Er ist von zeitlicher Begrenztheit. Gottes Zorn entzündet sich am Unrecht. Aber er ist nicht ewig, er ist begrenzt – und Gott will die Menschen zum Heil führen, Gott sei Dank (vgl. z.B. Dtn 5,9b.10). Hier bei Micha ist die Rede vom Zorn sogar nur beiläufig erwähnt. Im Nebensatz wird der Zorn gerade mal noch so erwähnt, könnten wir sagen: „Wo ist ein Gott wie du, … der an seinem Zorn nicht ewig festhält, denn er hat Gefallen an Gnade.“ Micha setzt den Akzent bewusst und ganz eindeutig auf die Gnade, auf das Wesen Gottes, das letztlich Gnade, Vergebung, das Geschenk des Neuanfangs ausmacht. Und Micha weiß um die Schwierigkeit des Themas Vergebung. Interessant sind die hebräischen Wörter, die uns hier begegnen: Gott „vergibt die Sünde“ und „erlässt die Schuld“. Die beiden Verben vergeben und erlassen zeigen uns in ihrer wörtlichen Bedeutung, der exakten Übersetzung, wie schwer es ist mit dem Thema Schuld – und was es wirklich braucht, um Sünde zu vergeben und Schuld zu erlassen. Der erste Begriff, das Verb „nasa“ kann man so übersetzten: „Gott trägt die Schuld weg“. Gemeint ist ein körperlicher Akt. Es ist anstrengend, kräftezehrend, Schuld wegzuschleppen. Sie ist nämlich schwer. Sie ist schweres Gepäck, was Menschen auf ihrem Lebensweg manchmal Jahr um Jahr mitschleppen. Schuld kann uns Menschen gebückt gehen lassen – im übertragenen Sinn – sie hat Gewicht, das uns überfordert. Micha beschreibt Gottes Vergebung so, dass tatsächlich solche Vergebung möglich sein soll, die mich wirklich entlastet. Keine eingeredete Vergebung, sondern eine spürbare – die Last darf abfallen, weil Gott wirklich sagt: Es ist genug. Du musst an deinem Fehler, an deinem Versagen nicht zu Grunde gehen. Nein, wirklich nicht – ich trage diesen Rucksack, dieses schwere Ungetüm von dir weg. Ich – Gott – ich trage es dir weg – dann bist du es los. Und das andere Verb – „abar“ – bedeutet: Schuld erlassen im Sinne von „die Schuld vorübergehen lassen“. Gott geht an unseren Vergehen vorüber – er beachtet sie nicht, will das sagen. Damit ist wieder eine körperliche Bewegung angesprochen: Gott beachtet die geschehene Schuld nicht für den weiteren Fortgang der Geschichte. Er sieht sie zwar, aber er entscheidet, sie nicht anzurechnen, sie nicht zu berücksichtigen. Gott hat die Freiheit, sich von unserer Schuld nicht beeindrucken zu lassen – er muss sie nicht in Rechnung stellen. Er kann einfach so an ihr vorübergehen – ja, weil er sie – und das war die erste Aussage – ja weggetragen hat. Gott trägt Schuld körperlich weg – und kann so auf Konsequenzen verzichten, kann wiederum in körperlicher Sprache, an ihr vorübergehen. Micha beschreibt Gottes Vergebung von Schuld auf diese Art, um Menschen im Inneren zu erreichen. Micha nutzt diese Ausdrücke, um anschaulich zu machen, was er zutiefst für wahr hält: Dass dieser Gott wirklich ein zutiefst gnädiger Gott ist, für den keine Schuld zu groß, keine Sünde zu schwer ist.

Wir Menschen haben aber von Natur aus unsere Probleme, an Vergebung glauben zu können. Sich selbst und auch anderen zu vergeben, kann unglaublich schwer sein. Was hier von Gott beschrieben wird, ist allzu oft gerade unsere Schwäche: Wir bringen es nicht fertig, Schuld wegzutragen – und wir bringen es dann auch nicht fertig, an der Schuld vorüberzugehen – sie als bedeutungslos anzusehen. Micha wollte, dass wir Menschen aufhören, mit unserer Schuld zu kämpfen. Micha wollte, dass Menschen befreit werden von dem schweren Ballast, den Schuld auf ein menschliches Leben und auf unsere menschlichen Beziehungen legen kann. Micha lädt ein, Gott ins Spiel kommen zu lassen – seine Macht wirken zu lassen – ihm Raum zu geben, das zu tun, woran wir scheitern: Schuld wegtragen und an Schuld vorübergehen – sie nicht mehr negativ wirken lassen. Ich wünsche uns, dass wir es wagen, die Perspektive zu wechseln, wie Micha es uns übrigens vormacht. Zuerst spricht Micha über Gott. Er sagt: „Wo ist solch ein Gott, wie du bist, der die Sünde vergibt?“ Im nächsten Vers spricht Micha nicht mehr über Gott – sondern über sich, über uns:

„Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die Füße treten und alle unsere Sünden in die Tiefen des Meeres werfen.“ Von „Er erlässt die Schuld“ führt der Weg zu „Wir erfahren Vergebung. Uns gilt es.“ Diesen Perspektivwechsel Michas wünsche ich uns immer wieder neu. Denn Micha sagt bereits das voraus, was Paulus über Gottes Gnade in Jesus Christus deutlich gemacht hat. Wo ist solch ein Gott, wie du bist? Amen.

 

Predigt zum 1. Sonntag nach Trinitatis, 14.06.2020, Bartholomäuskirche Markgröningen

Predigttext: Apg 4,32-37 / Pfarrer Dr. Frank Dettinger

Liebe Gemeinde,

der Kommunismus ist als politisches System einmal kräftig gescheitert. Der Kalte Krieg zwischen West und Ost, der das Weltgeschehen jahrzehntelang bestimmt hat, ist lange vorbei. Geschichtlich gesehen ist der Kommunismus im Ergebnis unterlegen. Aber Kommunisten und Marxisten verteidigen bis heute ein System, bei dem Besitz vergemeinschaftet wird. Es muss nicht so sein, dass Vermögen individuell verteilt wird, so diese Überzeugung. Als Christen ist uns der Gedanke des Kommunismus auch nicht fremd. Die monastische Tradition, das Klosterleben gehört zur Geschichte der Kirche und existiert – wenn auch reduziert – bis heute. Das Leben im Kloster hat Martin Luther aus eigenen, biografischen Gründen kritisiert. Aber ungeachtet dessen gibt es bis heute auch evangelische Gemeinschaften, die Hab und Gut miteinander teilen. Im heutigen Predigttext erfahren wir, dass es eine Art Kommunismus der Urgemeinde gab. Die ersten Christen lebten in Gütergemeinschaft, wie Lukas berichtet. Ich lese aus der Apostelgeschichte, Kapitel 4, die Verse 32 bis 37.

 

32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.

33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.

34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Land oder Häuser hatte, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte

35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.

36 Josef aber, der von den Aposteln Barnabas genannt wurde – das heißt übersetzt: Sohn des Trostes –, ein Levit, aus Zypern gebürtig,

37 der hatte einen Acker und verkaufte ihn und brachte das Geld und legte es den Aposteln zu Füßen.

 

Liebe Gemeinde,

ich erinnere mich noch an eine Diskussion über genau diesen Text während meines Theologiestudiums. Ein Gesprächspartner sagte damals zu mir: „Mit Bewunderung und mit Befremdung lese ich diesen Text. Dieser Urchristen-Kommunismus löst beides zugleich in mir aus: Ich bewundere die Christen damals, weil ihnen Geld nicht viel bedeutet hat. Ich bewundere sie, weil sie das einsahen, dass aller weltlicher Besitz ohnehin vergänglich ist. Aber es befremdet mich auch, weil ich mich frage: Geht das wirklich gut? Funktioniert so ein System? Oder gibt es nicht doch heimliche Gefahren? Was, wenn jemand doch heimlich mehr für sich nimmt als ihm zusteht? Und darf ich mich am individuellen Besitz nicht auch erfreuen, weil Gott ihn mir schenkt?“ Wenn man sich im Theologiestudium mit diesem Kommunismus der ersten Christen beschäftigt, erfährt man schnell, dass ein wichtiger Hintergrund nicht vergessen werden darf: Damals lebten die Christen in einer Endzeiterwartung. Sie waren alle fest davon überzeugt, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten wiederkommen und die Welt vollenden würde. Nur eine kurze Zeit lag vor ihnen – so gesehen kommt es wirklich wenig darauf an, was man besitzt. Es ist egal, was die Kinder einmal erben, denn diese spätere Zeit wird es gar nicht mehr geben – so der gedankliche Hintergrund damals. Wenn eine langfristige Planung des Lebens nicht nötig ist, dann fällt so ein kommunistisches System natürlich um einiges leichter. Wir heute leben nicht in dem Gefühl, dass alles ohnehin ziemlich egal ist. Wir heute planen unser Leben und wollen und sollten uns auch materiell möglichst so ausrichten, dass wir auch morgen noch etwas haben. In der Rentendebatte der letzten Jahre wird immer deutlicher, dass es auf die eigene private Vorsorge ankommt. Und es darf auch festgehalten werden, dass individueller Besitz in Gottes Augen an sich nichts Schlechtes ist. Die Bibel kennt auch reiche gläubige Menschen – sei es etwa Abraham im Alten Testament – oder Josef von Arimathäa im Neuen Testsament, der Jesus sein Grab zur Verfügung stellte. Reichtum und Besitz stehen einer Beziehung mit Gott an sich nicht im Weg. Der heutige Predigttext fordert mich aber heraus, über meine Haltung, mein Verhältnis zu Geld und zum Thema Besitz nachzudenken.

Zuerst können wir wahrnehmen, dass diese Art Urchristen-Kommunismus vollkommen auf Freiwilligkeit beruhte. Keiner wird hier gezwungen. In diesem Bericht der Apostelgeschichte wird Josef, genannt Barnabas, als Beispiel ganz ausdrücklich erwähnt: Er wurde nicht darum gebeten, seinen Acker zu verkaufen. Die Apostel drängten ihn nicht dazu, seinen Besitz in die Gemeinschaft einzubringen. Freiwillig – rein freiwillig war dieser Kommunismus der ersten Gemeinde. Und das ist eine wichtige erste Erkenntnis. Es muss von innen kommen, wenn man etwas hergibt. Man fühlt sich nicht wohl in einer Spendengala, bei der latent die Stimmung herrscht: Her mit eurem Geld… Neben der Freiwilligkeit erfahren wir folgende weitere Besonderheit dieses Urchristen-Kommunismus: Alles ist ihnen gemeinsam, so beschreibt Lukas ihre Gemeinschaft. Und das „alles“ fängt an beim „Herzen und bei der Seele“. Auch das ist eine wichtige Beobachtung. Das „Alles ist ihnen gemeinsam“ beginnt eben gerade nicht mit dem Geld. Sondern der Ursprung ihrer Gemeinschaft ist das „Ein-Herz-und-eine-Seele-Sein“. Ein schöner Ausdruck, der von der Bibel aus in unseren Sprachgebrauch eingegangen ist. Wenn Beziehungen intakt sind, dann rücken Vermögensfragen in den Hintergrund. Wenn die Beziehung stimmt, dann kann ich vertrauensvoll teilen. Wenn ich aber das Gefühl habe, ich werde ausgenutzt, dann funktioniert das System nicht. Aber hier heißt es eben: Sie waren Leib und Seele – also keine Missgunst, keinen Neid gab es. Die gute, vertrauensvolle Beziehung ist eine Voraussetzung für diesen Kommunismus der ersten Christen. Auf die Beziehung kommt es an. Das allein wusste bereits der antike Philosoph Platon. Wir finden bei Platon die Überzeugung, dass wahre Freundschaft eigentlich eng mit Güterteilung, ja mit einer Art Kommunismus zusammenhängt. Was über die Christen hier geschrieben wird, geht aber über Freundschaft als Triebfeder hinaus. Das „Ein-Herz-und-eine-Seele-Sein“ kommt für alle Christen von ihrer gemeinsamen Beziehung zu Jesus Christus her. Das ist das Entscheidende: Christus bringt die Christen zusammen, wie Paulus es ausdrückt im Galaterbrief: „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht männlich und weiblich. Denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ (Gal 3,28) Ja, weil Gott die Menschen in Jesus Christus unendlich mit seiner Liebe beschenkt hat, gehören Christen ohne Standesunterschiede alle zusammen. Im antiken Zirkus, einem Freilichttheater war je nach Sitzplatz und Rang deutlich zu erkennen, wer wohin gehört. Diese gesellschaftlichen Unterschiede sollen aber bei der christlichen Mahlgemeinschaft unsichtbar werden. Christus bringt die Verschiedenen zusammen und stiftet so intakte Beziehungen unter den Christen. Gerade im Feiern des Abendmahls wird immer wieder genau das deutlich. Von dieser Kraft der Einheit her spielt Geld, spielt Vermögen keine so entscheidende Rolle mehr. Die Prioritäten verschieben sich. Und noch eine dritte und letzte Besonderheit des urchristlichen Kommunismus finden wir neben der Freiwilligkeit und neben den intakten Beziehungen: Jeder bekam, was er nötig hatte. In Vers 35 heißt es: „Man gab einem jeden, was er nötig hatte.“ Es fand keine Bereicherung auf Kosten der anderen statt. Es gab keinen Missbrauch des Systems, das wird hier betont. Denn natürlich lauert da die Gefahr, dass so ein System anfällig ist für die heimliche Bereicherung einzelner. Aber schon bei Mose in der Wüste zeigte Gott das Vorbild: Er schickte dem hungernden Volk jeden Morgen frisches Manna – ein süßes-klebriges Brot, das vom Himmel fiel. Aufbewahren konnte man dieses Manna allerdings nicht. Jeden Tag musste darauf vertraut werden, dass Gott wieder so viel Manna regnen ließ, wie nötig war. „So viel du brauchst“ (2. Mose 16), so lautete auch das Motto beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg 2013. Und ebenso war dies das Motto dieses Jahr 2020 für die Aktion Klimafasten. Zur Gerechtigkeit gehört es, dass jede und jeder das erhält, was er braucht – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Es gibt eine alte Weisheit, die besagt: „Gerecht ist nicht, wenn alle einen Apfel pflücken dürfen, sondern wenn die Kleinen eine Leiter dafür bekommen.“ Noch einmal: Gerecht ist nicht, wenn alle einen Apfel pflücken dürfen, sondern wenn die Kleinen eine Leiter dafür bekommen.“ Es muss darum gehen, dass der Einzelne mit seinen Bedürfnissen im Blick ist. Das ist im Kommunismus des Urchristentums gelungen. Ja, der Einzelne war im Blick mit dem, was er brauchte – er bekam nicht mehr und nicht weniger.

Diese drei Besonderheiten des urchristlichen Kommunismus – die Freiwilligkeit, die intakten Beziehungen untereinander gegründet in Christus und das Vorgehen, dass jeder nur das bekam, was er nötig hatte, können bis heute auch für uns Anregungen sein. Auch ohne kommunistisches System kann ich mich davon inspirieren lassen im Umgang mit dem Thema Geld und Vermögen. Freiwillig kann ich entscheiden, ob und wem ich etwas spende. Und gut ist es, wenn ich diese Freiheit auch positiv nutze, mich frei für das Teilen entscheide. Aber ich muss mich als Christ nicht innerlich dazu gezwungen fühlen. In Christus gegründet soll ich Kraft erhalten für meine zwischenmenschlichen Beziehungen. Gottes Liebe gilt allen Menschen in gleicher Weise, sodass diese Liebe auch alle Menschen vor Gott gleich macht. Und wenn meine Beziehungen dank dieser Liebe zu den anderen Menschen funktionieren, dann entspannt sich auch mein Umgang mit Geld und Vermögen. Dann kann sich ein Stück Gelassenheit in mir ausbreiten. Und schließlich: So viel du brauchst – jedem das, was er nötig hat – nicht mehr und nicht weniger. Das ist ein Motto, nach dem ich leben kann. Ein Motto ist das, nach dem ich anderen geben kann, was sie brauchen – und zugleich auch ich in der Gemeinschaft, in meinem Umfeld darum bitten darf, dass ich bekomme, was ich zum Leben benötige. Wer wagt, gewinnt, heißt es im Sprichwort. Wer teilt, bekommt etwas zurück, könnte man übertragen sagen. Wer gibt, kann das erfahren, dass er innerlich und vielleicht auch äußerlich reich beschenkt wird, ja viel zurückbekommt. Das wäre ein Versuch wert, eine Anregung: Nicht als politisches System, aber als christlich begründete Verhaltensweise: Inmitten einer gefallenen, einer unerlösten Welt darf ich als Christ ein Stück christlichen Kommunismus wagen.

Amen.

 

Gebet: Herr, unser Gott, danke für alles, was du uns schenkst. Du vertraust uns Gaben an, geistige und materielle Gaben. Du willst, dass wir verantwortlich mit dem umgehen, was wir im Leben erhalten haben. Dabei gönnst uns alles, was wir haben – wir dürfen uns auch freuen an dem, was wir besitzen. Schenke du uns die rechte Haltung zu unsrem Geld und unserem Besitz. Du siehst unser Herz, weißt wie es uns wirklich geht. Du siehst auch, wenn wir weniger haben als wir nach außen zugeben. Du siehst, wenn wir durch Corona finanziell eingeschränkt sind oder sogar in echten finanziellen Schwierigkeiten stecken. Du siehst auch, wenn wir mehr spenden möchten, es aber einfach nicht können. Du siehst uns und unsere Situation. Danke, dass bei dir die Freiheit ist. Danke, dass von dir Liebe und Zuwendung herkommen, die uns ermutigen, im Leben Schritt für Schritt weiter zu gehen. Dir legen wir uns und alle Menschen dieser Welt ans Herz. Sei nahe, wenn gesundheitliche Not herrscht, wenn Angst das Leben bestimmt und die Zukunft ungewiss scheint. Sei nahe, wenn Menschen nach dir rufen, weil sie auf deine Zusagen vertrauen möchten. Sei nahe, wenn Zweifel am Glauben nagen und ehrlich nach dir und deinem Willen für unser Leben gefragt wird. Lass deine Nähe spürbar sein, damit neue Kraft, neuer Mut entsteht, der Zukunft zu vertrauen.

Gemeinsam rufen wir zu dir: Vater unser… Amen.

 

 

Predigt am Sonntag Trinitatis (7. Juni 2020) von Pfarrer Michael Güthle, Bartholomäuskirche Markgröningen, 

Bibeltext: 4. Mose 6, 22-27

Der HERR redete mit Mose und sprach: Sage Aaron und seinen Söhnen und sprich: So sollt ihr sagen zu den Israeliten, wenn ihr sie segnet: Der HERR segne dich und behüte dich; der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; der HERR hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.

 

Liebe Gemeinde,

ein Pfarrer erzählte einmal von seinen Besuchen bei einer 90-jährigen Frau, die dement war. Er wusste oft nicht, was er reden sollte und was sie überhaupt noch verstehen konnte. Einmal zum Abschied sprach er ihr den Segen zu – da antwortete die Frau im besten schwäbisch:

„Herr Pfarrer, jetzt hend se endlich amol was G’scheit’s g’sagt!“ –

Diese Begebenheit macht darauf aufmerksam, dass der Segen etwas grundlegend Wichtiges für unser Leben ist. Der Segen spricht uns im Innersten an. Wir wollen gesegnet werden. Als Gesegnete gehen wir nach dem Gottesdienst nach Hause und damit auch zurück in den Alltag. Gottes Segen empfangen wir auch bei besonderen Anlässen: bei der Taufe, bei der Konfirmation und bei der Trauung. Auch über unsere Verstorbenen wird als Letztes der Segen gesprochen. Den Segen Gottes wünschen wir uns auch gegenseitig: zu den Feiertagen, bei Festen, zu bestimmten Vorhaben, bei Abschieden und wenn wir auf Reise gehen. So begleitet der Segen unser ganzes Leben. Wir Menschen sprechen uns einander den Segen zu, aber derjenige, der eigentlich segnet, das ist Gott. Er allein kann und will segnen. Er tut das durch uns Menschen und er hat geboten, dass wir es in seinem Namen tun. Das heißt, wir tun es in seiner Vollmacht. Darum ist der Segen mehr als ein frommer Wunsch. Der Zuspruch des Segens macht uns bewusst, dass wir als Menschen nicht alles in der Hand haben. Unsere eigene Tüchtigkeit, unsere Gedanken und Fähigkeiten werden gebraucht und sind notwendig. Doch über Gelingen und Erfolg, über Wohlergehen und Erfüllung können wir Menschen nicht verfügen. Der Segen Gottes muss dazu kommen. Wo er waltet, da gedeiht Leben, da wird es heil und gut.

Weil die bekannten Segensworte zunächst für Aaron, den Bruder von Mose, und seine Söhne bestimmt waren, daher sprechen wir vom Aaronitischen Segen. Aaron und seine Söhne gelten als Vorfahren der israelitischen Priester, deren Auftrag es ist, das Volk am Ende des Gottesdienstes zu segnen. Martin Luther hat diesen Segen als Schluss-Segen der Messe eingeführt. Im hebräischen Text umfasst die erste Zeile des Segens drei Wörter, die zweite fünf und die dritte sieben. Mit den länger werdenden Sätzen wird ausgedrückt, wie sich der Segen immer weiter entfaltet und zunehmend mehr Menschen erfassen und umschließen will. Welcher Zuspruch steckt nun in diesem Segen? Drei Aussagen will ich hervorheben:

  1. Der Segen ist für uns eine Entlastung.

Das Wort „segnen“ heißt im Griechischen und Lateinischen “Gutes reden“. Mit dem Segen kommen also gute und erfreuliche Worte auf uns zu. Es sind Worte, die keinen Druck und Zwang ausüben und auch keine Forderung stellen. Es heißt nicht: „du sollst, du musst, mach mal etwas…“ Jeder von uns hat seine Sorgen, seine Verpflichtungen und seine Ängste. Der Segen legt keine weitere Last dazu. Im Gegenteil, er befreit und entlastet uns. Mit dem Segen kommt nur das Gute auf uns zu, das Gott für uns will. Ganz in dem Sinn, wie es Jesus ausspricht: Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken. Im Segen steckt diese Zusage. Was Gott uns sagt, dass geschieht und wirkt. Wir empfangen Gottes Segen wie ein Geschenk.

  1. Der Segen ist Aufmerksamkeit und Wertschätzung.

Gott sagt: Ich lasse mein Angesicht leuchten über dir und ich erhebe mein Angesicht auf dich. Das bedeutet: Gott blickt uns freundlich in die Augen. Wie wichtig der Blickkontakt ist, das weiß jeder von uns. Bereits im Säuglingsalter geht es los. Ein lächelndes Gesicht von Vater oder Mutter ist wichtig für eine gute Entwicklung des Kindes.

Und ein strahlendes Kindergesicht kann jeden Jugendlichen und Erwachsenen verzaubern. Darum hoffe ich, dass die jungen Eltern beim Kinderwagenschieben öfters ihren Blick aufs Kind richten als auf ihr mobiles Telefon. Ein Blick sagt oft mehr als viele Worte. Wenn uns ein Mensch freundlich und strahlend anblickt, dann lassen wir uns davon leicht anstecken, wir lächeln zurück und auch unsere Stimmung verbessert sich.

Auf der anderen Seite fühlen wir uns übergangen, wenn uns ein Mensch, dem wir begegnen, nicht ansieht und nicht grüßt oder wenn er gar wegsieht. Wir wissen, wie tief die Verletzungen sind, wenn einer ständig übersehen und nicht beachtet wird. Das Gefühl, nichts zu zählen und wertlos zu sein, gehört wohl zum Schwersten, was ein Mensch ertragen muss.

Jede und jeder soll also wissen. Gott sieht mir mit leuchtenden Augen ins Gesicht. Und damit sagt er: „Du bist mir wichtig und wertvoll, ich habe dich im Blick, ich lasse dich nicht aus den Augen und sehe dich freundlich an.“ Wir werden also von Gott gesehen und wahrgenommen. Es ist kein Blick einer Überwachungskamera. Auch nicht ein strafender Blick, mit dem Kindern ein schlechtes Gewissen gemacht werden kann: „Gott sieht alles, was du anstellst. Er kennt auch deine bösen Gedanken.“ Gott sieht uns vielmehr mit einem Blick, mit dem sich Liebende in die Augen sehen. Dass wir freundlich angesehen werden und auch einander freundlich ansehen, ist für unser Menschsein wichtig. Und so leiden manche in dieser Corona-Zeit daran, dass persönliche Begegnung kaum oder nur auf Abstand möglich ist. Doch Gottes freundliches Angesicht bleibt uns gerade auch in dieser Zeit gnädig zugewandt.

  1. Der Segen ist Frieden und Bewahrung

Gott sagt: Ich gebe dir Frieden. Viele Menschen wären froh, wenn wenigstens die Gewalt aus ihrer Wohnung oder aus ihrem Land verschwinden würde. Frieden heißt keine Angst um sein Leben zu haben, sich frei entfalten und etwas lernen können; ein Dach über dem Kopf, genug zum Essen und ausreichend Kleidung zu haben. Frieden hat immer auch mit Gerechtigkeit zu tun, wie es die Unruhen in Amerika nach dem Tod eines Schwarzen zeigen. Jeder Mensch hat seine Würde, die es zu achten gilt. Auch „schwarze Leben zählen.“ (black lives matter).

Frieden ist jedoch mehr als die Abwesenheit von Gewalt. Vom Kirchenvater Augustinus stammt der Satz: „Unser Herz ist unruhig, bis es Ruhe findet, Herr, in dir.“ Wir brauchen auch den inneren Frieden im Herzen. Den Frieden, der uns die Gewissheit gibt, dass wir bei allem Auf und Ab des Lebens von Gott gehalten und getragen sind. Wir sind behütet, auch im größten Leid. Gott schenkt Frieden – uns und der Welt. An diesen Frieden können wir uns anschließen und darum ist es uns möglich, in der Bemühung um Frieden nicht nachzulassen.

Liebe Gemeinde,

der Segen gibt Entlastung, er schenkt Wertschätzung und Frieden. Der Segen ist Ausdruck von Gottes Liebe und Treue zu uns Menschen. Wir sind gesegnet. Wir sind umgeben von Gottes heilender Kraft. Wir können diesen Zuspruch zum Lebens weitergeben und so einander zum Segen werden. Etwas Tröstlicheres und Gescheiteres gibt es nicht.

Amen

 

Das Lied 140 „Brunn alles Heils, dich ehren wir“ von Gerhard Tersteegen nimmt diese Segensgedanken auf.

In den 5 Strophen heißt es:

 

Brunn alles Heils, dich ehren wir und öffnen unsern Mund vor dir

aus deiner Gottheit Heiligtum / dein hoher Segen auf uns komm.

Der Herr, der Schöpfer, bei uns bleib, er segne uns nach Seel und Leib,

und uns behüte seine Macht vor allem Übel Tag und Nacht.

Der Herr, der Heiland, unser Licht, uns leuchten lass sein Angesicht,

dass wir ihn schaun und glauben frei, dass er uns ewig gnädig sei.

Der Herr, der Tröster, ob uns schweb, sein Antlitz über uns erheb,

dass uns sein Bild werd eingedrückt, und geb uns Frieden unverrückt.

Gott Vater, Sohn und Heilger Geist, o Segensbrunn, der ewig fließt:

durchfließ Herz, Sinn und Wandel wohl, / mach uns deins Lobs und Segens voll!

 

Predigt am Pfingstmontag (1. Juni 2020) von Pfarrer Michael Güthle in der Bartholomäuskirche, Bibeltext:  Johannes 14, 23-27   

 

Liebe Gemeinde,

euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht – das ist ein Zuspruch, der uns guttut,

gerade jetzt in dieser noch immer von Corona geprägten Zeit, wo ein langer Atem zum Durchhalten gefordert ist. Jesus sagt diese Worte zu seinem Abschied an die Jünger und nun auch zu uns am Pfingstfest. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht –

wir wissen, es gibt manches, was zum Erschrecken ist und wovor wir Angst haben. Da brauchen wir einen Zuspruch, der uns nicht vertröstet, sondern unser Herz wieder froh macht, so dass wir zuversichtlich den Kopf heben und nach vorne sehen können.

Jesus verknüpft diesen Zuspruch mit einem Versprechen. Er sagt: der Heilige Geist, den mein Vater senden wird in meinem Namen, der wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe. Und dann nennt Jesus drei Gaben, die uns der Heilige Geist geben wird. Diese Gaben werden uns an Pfingsten wie ein Geschenk in unser Herz gelegt. Wenn diese Gaben unser Herz erfüllen, dann wird die Angst weggeblasen und dann bekommen wir frischen Lebensmut. Jesus spricht von der Liebe, vom Trost und dem Frieden.

Wir alle leben von der Liebe.

Von der Liebe, die uns Gott entgegenbringt. Von der Liebe, die uns unsere Eltern gegeben haben und noch geben. Die Liebe ist das stärkste Band, das uns Menschen untereinander verbindet und das auch die Verbindung zu Gott herstellt. Ohne Liebe können wir nicht leben. Das merken wir vor allem dann, wenn uns die Liebe eines Menschen entzogen wird. Wenn sich einer von uns abwendet, den wir gernhaben. Oder wenn einer sterben muss. Wir spüren die Schmerzen der Trennung und leiden. Der Heilige Geist macht uns bewusst, dass wir uns auf die Liebe Gottes verlassen können. Diese Liebe bleibt bei uns, auch wenn unser Weg durchs finstere Tal geht und uns viel Kraft kostet.

Die Liebe ist es auch, die uns antreibt, sich dem Nächsten zuzuwenden und falls nötig, sich um ihn zu kümmern und ihm zu helfen. Die Liebe gibt dem andern die Anerkennung, die er braucht. Die Liebe hat einen langen Atem. Sie gibt nicht schnell auf.  Sie kann sich immer wieder an Gottes Liebe erneuern und neu anfangen.

Sodann wird uns der Heilige Geist Trost geben.

Ja, der Heilige Geist selber ist der Tröster, der in unser Herz einzieht. Es ist unbestritten, dass jeder Mensch Trost braucht. Wir brauchen einen festen Halt in den Erschütterungen des Lebens. Wir brauchen Trost, wenn es uns nicht so gut geht. Wir brauchen Trost; wenn wir von Menschen enttäuscht worden sind. Wir brauchen Trost, wenn wir merken, dass unsere Kräfte oder unser Gedächtnis immer mehr nachlassen. Zugleich machen wir die Erfahrung, dass es gar nicht so einfach ist, einen andern Menschen zu trösten. Manche gut gemeinten Worte, wie „Kopf hoch, ist doch nicht so schlimm, das Leben geht weiter“ helfen nicht immer weiter.  Ja, sie können sogar verletzend wirken.  Denn sie nehmen das Leiden nicht ernst und erreichen daher den Betroffenen nicht. Trösten heißt nicht, den andern zu beschwichtigen oder sein Problem zu verharmlosen.

Als gute Tröster haben sich die Freunde von Hiob erwiesen. Sie haben ihn nicht im Stich gelassen. Sie waren eine Woche lang bei ihm und haben schweigend mit ihm seine Not ausgehalten. Wohl dem, der solche Freunde hat. Anders erging es Jesus im Garten Gethsemane.  Als er in Todesangst war, da bat er seine Jünger mit ihm zu wachen. Doch die Jünger sind eingeschlafen und haben Jesus in seiner Not allein gelassen. Der Heilige Geist ist ein Tröster, der bei uns bleibt.  Er kennt unsere Not und sieht, was uns im Herzen bewegt und umtreibt. Wir können uns jederzeit an ihn wenden und das aussprechen, was uns das Leben schwermacht. Der Geist des Trostes gibt uns die Gewissheit, dass Gott gegenwärtig ist. Er ermutigt uns zum Glauben, dass wir auch dann, wenn es uns schlecht geht, nicht von Jesus verlassen sind. Wir erfahren, dass wir getragen sind, dass wir in den Notzeiten nicht verloren gehen, dass wir bei allen Problemen und Sorgen die Stimme hören, die uns sagt: „Dir kann nichts passieren. Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir.“

Von Martin Luther wird erzählt, dass er immer dann, wenn er sich selber unsicher war, wenn er von Zweifel, Ängsten und Schmerzen geplagt wurde, mit großen Buchstaben auf den Tisch schrieb:  Ich bin getauft. Damit holte er sich die Gewissheit zurück, dass er in seinem Leben von Gott gehalten und getragen ist, auch wenn alles ins Wanken kommt. Damit stärkte er seinen Glauben, dass Gott den Weg mit ihm geht, dass er seinen Geist, den Tröster, als Beistand schickt. Wer sich vom Heiligen Geist getröstet und von Gott nicht verlassen weiß, dem kann es gelingen, diesen Trost weiterzugeben.

Schließlich wird uns der Friede Christi ins Herz gelegt.

Auch das ist eine Gabe, die wir dringend brauchen. Sowohl in unserem Herzen, damit es zur Ruhe kommen und Frieden finden kann, als auch auf unserer Welt, wo an vielen Orten der Friede verloren gegangen ist. Wie gut wäre es, wenn sich viele Menschen für den Frieden Christi öffnen würden, damit sich sein Friede weiter ausbreiten könnte. Anscheinend gibt es immer auch Menschen, die keinen Frieden wollen, die bewusst Hass und Gewalt säen und Menschen gegeneinander aufhetzen. Von Napoleon wird überliefert, dass er nach der verlorenen Völkerschlacht bei Leipzig mit seiner Mutter zusammensaß und zu ihr sagte: „Eigentlich wollte ich doch diesem Kontinent und der Welt nur den Frieden schenken.“ Darauf antwortete seine Mutter mit einem leichten Lächeln: „Mag sein, mein Sohn, doch die Menschen mochten wohl das blutrote Band nicht, mit dem du dein Geschenk verpackt hast.“ Die Mutter von Napoleon hatte Recht: Man kann den Frieden nicht mit Gewalt und Totschlag herbeiführen. Viele Feld- und Kriegsherren dieser Welt kümmert es nicht, wenn Menschen für ihre Ziele und Machtinteressen ihr Leben mit dem Tod bezahlen. Noch immer wird auf Waffen gesetzt, statt auf Verständigung und Liebe.

Ich gebe euch den Frieden. Meinen Frieden, nicht den Frieden, den die Welt gibt.  

Das hat Jesus gesagt. Und nicht nur gesagt, sondern auch gelebt. Der rote Faden seines Lebens war die Liebe in Wort und Tat. Er opferte nicht andere für sich und seine Ideen, sondern hat sich selbst hingegeben. Er ist am Kreuz gestorben, um uns seine grenzenlose Liebe zu zeigen und dieser Welt den wirklichen Frieden zu schenken. Ein Frieden, der im Herzen beginnt und sich ausbreitet. Einen Frieden, der uns Menschen mit Gott versöhnt und der uns antreibt, auch untereinander Frieden zu schließen.

Liebe Gemeinde,

wir leben von den Geschenken der Liebe, vom Trost und vom Frieden, die der Heilige Geist an Pfingsten in unser Herz legt. Wir wissen, wie sehr wir und die ganze Welt auf diese Gaben angewiesen sind. Zum Glück sind sie uns gegeben. Wir können von diesen Gaben des Heiligen Geistes unser Leben bestimmen lassen. Daher besteht Grund zur Hoffnung.

Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht!

Amen

 

Der Choral, den Herr Balbach nun spielen wird, nimmt in seinem Text, den Martin Luther geschrieben hat, diese Gaben des Geistes auf. Ich lese die Strophen vor:

Nun bitten wir den Heiligen Geist um den rechten Glauben allermeist, dass er uns behüte an unserm Ende, wenn wir heimfahrn aus diesem Elende. Kyrieleis.

Du wertes Licht, gib uns deinen Schein, lehr uns Jesus Christ kennen allein, dass wir an ihm bleiben, dem treuen Heiland, der uns bracht hat zum rechten Vaterland. Kyrieleis.

Du süße Lieb, schenk uns deine Gunst, lass uns empfinden der Lieb Inbrunst, dass wir uns von Herzen einander lieben und im Frieden auf einem Sinn bleiben. Kyrieleis.

Du höchster Tröster in aller Not, hilf, dass wir nicht fürchten Schand noch Tod, dass in uns die Sinne nicht verzagen, wenn der Feind wird das Leben verklagen. Kyrieleis.

 

Predigt zum Pfingstsonntag, 31.05.2020, von Pfarrer Dr. Frank Dettinger in der Bartholomäuskirche,

Predigttext: Apostelgeschichte 2,1-21

 

Liebe Gemeinde,

der heutige Predigttext ist die Geschichte, die hinter Pfingsten steht. Was feiern wir eigentlich an Pfingsten? Wir erfahren es aus dem Bericht der Apostelgeschichte, Kapitel 2.

 

1 Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. 2 Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. 3 Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, 4 und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab. 5 Es wohnten aber in Jerusalem Juden, die waren gottesfürchtige Männer aus allen Völkern unter dem Himmel. 6 Als nun dieses Brausen geschah, kam die Menge zusammen und wurde verstört, denn ein jeder hörte sie in seiner eigenen Sprache reden. 7 Sie entsetzten sich aber, verwunderten sich und sprachen: Siehe, sind nicht diese alle, die da reden, Galiläer? 8 Wie hören wir sie denn ein jeder in seiner Muttersprache? 9 Parther und Meder und Elamiter und die da wohnen in Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, Pontus und der Provinz Asia, 10 Phrygien und Pamphylien, Ägypten und der Gegend von Kyrene in Libyen und Römer, die bei uns wohnen, 11 Juden und Proselyten, Kreter und Araber: Wir hören sie in unsern Sprachen die großen Taten Gottes verkünden. 12 Sie entsetzten sich aber alle und waren ratlos und sprachen einer zu dem andern: Was will das werden? 13 Andere aber hatten ihren Spott und sprachen: Sie sind voll süßen Weins.

14 Da trat Petrus auf mit den Elf, erhob seine Stimme und redete zu ihnen: Ihr Juden, und alle, die ihr in Jerusalem wohnt, das sei euch kundgetan, vernehmt meine Worte! 15 Denn diese sind nicht betrunken, wie ihr meint, ist es doch erst die dritte Stunde des Tages; 16 sondern das ist’s, was durch den Propheten Joel gesagt worden ist (Joel 3,1-5): 17 »Und es soll geschehen in den letzten Tagen, spricht Gott, da will ich ausgießen von meinem Geist auf alles Fleisch; und eure Söhne und eure Töchter sollen weissagen, und eure Jünglinge sollen Gesichte sehen, und eure Alten sollen Träume haben; 18 und auf meine Knechte und auf meine Mägde will ich in jenen Tagen von meinem Geist ausgießen, und sie sollen weissagen. 19 Und ich will Wunder tun oben am Himmel und Zeichen unten auf Erden, Blut und Feuer und Rauchdampf; 20 die Sonne soll in Finsternis verwandelt werden und der Mond in Blut, ehe der große und herrliche Tag des Herrn kommt. 21 Und es soll geschehen: Wer den Namen des Herrn anrufen wird, der soll gerettet werden.«

 

Liebe Gemeinde,

Jerusalem – viel Treiben auf der Straße, Kinder, die spielen, Händler mit ihren Waren… Schwere Schritte einer römischen Patrouille. Jerusalem war eine bunte Stadt damals. Inmitten dieses Treibens bemerkt niemand ein bestimmtes Haus. – Ein Haus, das von außen ganz normal aussieht. Innen aber befinden sich Männer und Frauen mit hängenden Köpfen. Verunsicherte Menschen. Sie trauten sich nicht aus diesem Haus hinaus. Sie trauten sich nicht auf die Straße, nicht in den Trubel der Stadt hinein. Warum? Weil sie Angst hatten. Sie fürchteten sich, gefangen genommen zu werden. Denn sie waren Anhänger eines gewissen Jesus. Sie waren zum Teil viele Jahre mit diesem Jesus unterwegs gewesen. Hatten viel von ihm gelernt, ihn in ihr Herz geschlossen. Ja, sie hatten schließlich erkannt, dass Jesus kein normaler Mensch war. Sie hatten erkannt, dass Jesus von Gott in die Welt geschickt wurde. Dass er der Sohn Gottes war, ja dass er selber Gott war. Aber nun hatten sich in letzter Zeit die Ereignisse überschlagen. Jesus war von der römischen Besatzungsmacht gefangen genommen worden. Er war schließlich hingerichtet worden am Kreuz. Sie waren am Boden zerstört. Doch dann – auf unfassbare Weise sahen sie ihn wieder. Jesus blieb nicht im Tod – es kam der Ostermorgen – er kehrte zu ihnen zurück. Er war wieder unter ihnen und manche dachten: Nun wird alles wieder wie früher. Aber nein. Jesus verließ sie wieder. Er verabschiedete sich und wurde aufgenommen in den Himmel. Er war plötzlich nicht mehr sichtbar für sie. Er hatte noch viele wichtige Dinge zu ihnen gesagt. Aber so richtig verstanden hatten sie nicht, wie es nun weitergehen soll. Sie litten schwer, weil sie ihn, den Auferstandenen nicht mehr sehen konnten. Und so saßen sie jetzt Tag für Tag in diesem Haus. Die Türen verschlossen. Sie gingen nicht auf die Straße, weil sie Angst hatten, gefangen genommen zu werden. So wie Jesus gefangen genommen und hingerichtet wurde – vielleicht würde ihnen das gleiche passieren. Sie waren doch bekannt als die Anhänger dieses Jesus. Sie waren verunsichert. Nach der Hoffnung seiner Auferstehung – jetzt waren da wieder viele Fragezeichen. Sie verstanden nicht recht, was Gott ihnen zumutete. Mutlosigkeit, Leere, Trägheit. „Was sollen wir tun?“, fragten sie sich. „Wir wissen nicht, was morgen, übermorgen sein wird.“ Jesus ist nicht mehr bei uns – was heißt das nun für uns? Es ist keine Zukunft erkennbar.

Liebe Gemeinde, das ist Teil des Lebens, dass wir uns auf neue Situationen, unverhoffte Situationen einstellen müssen. Was die Jünger damals durchlitten, kennen viele Menschen, die unverhoffte Veränderungen verkraften müssen. In diesen Monaten treffen die unverhofften Veränderungen fast alle Menschen. Weltweit haben sich die Normalitäten bei vielen Menschen aufgelöst – dieses Corona-Virus wird in die Geschichte eingehen und ein markantes Jahr im Rückblick bringen: 2020 war das Corona-Jahr, das politisch, wirtschaftlich, gesellschaftlich so viel verändert hat. Heute wissen wir noch gar nicht, welche Veränderungen das genau sein werden. Vieles ist unsicher, vieles ist unkalkulierbar geworden. Die Situation von Menschen in ungewissen Zeiten – wie damals die Situation der Jünger in diesem Haus in Jerusalem. Wer unverhofft vor einer neuen Lebenssituation steht, kann genau so fühlen wie die Jünger damals: Sie waren enttäuscht, entmutigt, kraftlos. Das Leben stand innerlich still. Da war keine Bewegung mehr, kein Mumm, um irgendetwas anzupacken. Es braucht gar nicht viel Fantasie, um mit unseren eigenen Lebensgeschichten hier mitzufühlen – mit oder auch ohne Covid-19. Schicksalsschläge, wie der Tod eines lieben Menschen, oder eine wichtige Prüfung, bei der wir durchgefallen sind. Oder einfach eine lang anhaltende Situationen der Belastung, die Pflege eines kranken Angehörigen oder die eigene Krankheit, deren Ausgang wir nicht kennen… Diese Dinge können uns in die Knie zwingen. Dass auch wir keinerlei Mumm mehr haben. Dass wir nicht wissen, wie es angesichts dieser neuen Lebenssituation nun weitergehen soll. Die Jünger sind also wir – bis heute verbindet uns als Jüngerinnen und Jünger so vieles mit den Jüngern von damals. Was nun damals bei den Jüngern im Haus in Jerusalem schließlich passierte, ist etwas Unglaubliches. So unfassbar ihre neue Lebenssituation gekommen war, so unfassbar kam nun Gottes Kraft ins Spiel. Diese niedergeschlagenen Jünger erlebten Gottes mächtige Kraft. Sie erlebten diese Kraft als Geist Gottes, als Heiligen Geist, der immer wieder als Wind, als Sturm beschrieben wird. Eine kräftige Windböe, die alles aufwirbelt und einen neuen Impuls bringt. Das Brausen, von dem wir in der Pfingstgeschichte lesen, legt diesen Gedanken nahe. Man steht innerlich still und fühlt sich leer. Man hat keinerlei Kraft mehr, um irgendetwas anzupacken. – Und dann kommt plötzlich ein Wind, der einem frisch und kühl ins Gesicht bläst. Die Augen müssen blinzeln, man möchte sich fast abwenden, wenn der Wind einen so stark trifft. Wer schon Urlaub an der Nordsee gemacht hat, der weiß auf jeden Fall, wie sich so ein Wind anfühlt. Und dieser Wind hat so viel Kraft und Energie, er steht für Dynamik und Aufbruch. Eben gerade das Gegenteil von Leere, Stillstand, Mutlosigkeit, Lethargie… Ein stürmischer Wind kann mich ins Leben zurückbringen. Er kann die Lebensgeister in mir wieder wecken. Und das ist Pfingsten. Pfingsten ist dann, wenn Leben und Dynamik spürbar werden. Wenn plötzlich Kraft da ist. Wenn auf einmal mehr Kraft da ist, als man selber überhaupt erwartet hat!

Die Pfingstgeschichte berichtet uns ausführlich von Petrus. Petrus wird aktiv. Er übernimmt plötzlich eine Führungsrolle. Petrus schließt nun die Türen des Hauses auf. Er stürmt hinaus – auf die Straßen Jerusalems, in den Trubel hinein. Die Angst, gefangen genommen zu werden – plötzlich ist diese Angst spurlos verschwunden. Angetrieben von diesem neuen Geist, der als „Brausen vom Himmel“ in das Haus gekommen war. Angetrieben von diesem Geist hält Petrus eine mitreißende Predigt. Daran war am Morgen dieses Tages noch überhaupt nicht zu denken gewesen. Pfingsten bedeutet: Da geht plötzlich etwas. Pfingsten bedeutet: Da ist eine Kraft, die uns überrascht… – Da ist plötzlich mehr Kraft, als wir erwartet hätten… An Petrus sehen wir das. Und Pfingsten können Menschen bis heute im eigenen Leben erleben. Das dürfen wir glauben, weil viele von uns Pfingsten bereits selbst erlebt haben. Wenn wir in unserem Leben trotz Schicksalsschlägen wieder aufgestanden sind. Wenn wir im Leben trotz schwerer Enttäuschungen wieder einen Anfang gewagt haben. Wenn wir gedacht haben, dass eigentlich gar keine Kraft mehr da ist – und dann plötzlich doch wieder etwas Mut da war, den wir zusammenkratzen konnten. Wenn wir trotz Enttäuschung um Enttäuschung wieder weitergemacht haben. In diesen Momenten war bei uns Pfingsten. So war es schon damals bei Petrus und den Christen der ersten Gemeinde. Sie taten mehr, als sie selber für möglich hielten. Plötzlich war eine Kraft spürbar, plötzlich war der Wille da. Die Tür ging auf. Hinaus auf die Straße, die Menschen sollen alle etwas hören von Gott. Petrus begann zu predigen. Plötzlich war Begeisterung greifbar…

Unfassbar ist, was über die Sprachen erzählt wird – ein jeder hörte die Jünger, also auch Petrus, in seiner Muttersprache reden. Die Macht Gottes durch den Geist zeigte sich auch darin, dass Verständigung möglich wurde, wo man sich zuvor nicht verstehen konnte. Wo es undenkbar war, sich zu unterhalten – da wird auf einmal ein neues Gespräch möglich. Vielleicht war bei uns schon so mancher Kontakt nicht mehr möglich, weil so viel Streit, so viel Verletzungen Beziehungen zerstört haben. Aus verschiedenen Gründen können Menschen ihre gemeinsame Sprache verlieren. Vielleicht haben wir es aber auch schon in diesem Zusammenhang erlebt: Dass ich nach dem Streit wieder bereit wurde, das Gespräch aufzunehmen. Dass auch mein Gegenüber bereit wurde, zur Verständigung zurück zu kehren. Ja, dass die gemeinsame Sprache wiedergefunden wurde. Das sind wunderbare Pfingstmomente in unserem Leben.

Und wenn wir schließlich auf unser jetziges Leben und auch in die Zukunft blicken: Wer weiß, was noch kommt? Wie gesagt, kennen wir die Folgen dieser historischen Pandemie 2020 noch nicht wirklich. Keiner weiß, welche Herausforderungen es in Zukunft noch geben wird – weltweit, aber auch bei uns persönlich. Ob und wann wir so enttäuscht und mutlos dasitzen werden wie die Jünger in Jerusalem vor 2000 Jahren? – wir wissen das nicht. Aber Gott schenkt Pfingsten. Er schenkt Pfingsten als Fest der Hoffnung immer wieder – auch in Zukunft. Ein Fest der Hoffnung, dass Gottes Geist Dinge möglich machen kann, die wir nicht für möglich halten und die wir nicht erwarten. Wenn wir am Ende sind, ist der Heilige Geist am Anfang. Am Anfang eines neuen Weges, den er führt – vielleicht auf ganz unerwartete Art. Zurückliegende Geschichten über Gottes wirksamen Geist wollen uns Mut machen. Zurückliegende Pfingst-Geschichten können uns daran erinnern, dass Gottes Geist durch viele Leidenszeiten hindurchgeführt hat. Dass Gottes Geist Menschen immer wieder überrascht hat. Davon können die Jünger damals und besonders Petrus erzählen – aber auch unzählige Christen durch die Jahrhunderte hindurch berichten das. Pfingst-Geschichten wecken den Mut, Gott und seinem manchmal unergründlichen Wirken zu vertrauen. Der Wind bläst überraschend. Er weht, wo er will. Plötzlich von einem Moment auf den anderen fegt mir der frische Wind ins Gesicht. Amen.

 

Zieh ein zu deinen Toren, / sei meines Herzens Gast, / der du, da ich verloren, / mich neugeboren hast, / o hochgeliebter Geist / des Vaters und des Sohnes, / mit beiden gleichen Thrones, /

mit beiden gleich gepreist. (Paul Gerhardt 1653, EG 133)