Predigten Oktober bis November 2020

erstellt am: 06.06.2020

Predigt zum Toten- und Ewigkeitssonntag, 22.11.2020, Bartholomäuskirche Markgröningen

Predigttext: Offbarung 21,1-7, Pfarrer Dr. Frank Dettinger

 

Liebe Gemeinde,

in der dunklen Jahreszeit kommen die Gedanken der Trauer wie von selbst. Bei manchen liegt der Abschied schon einige Jahre oder viele Jahre zurück. Manche mussten im Laufe des vergangenen Jahres Abschied nehmen. Jetzt im Herbst schmerzt der Verlust oft besonders.

Wenn wir von lieben Menschen Abschied nehmen müssen, dann betrifft das meist unser ganzes Leben. Wir sind betroffen bis tief ins Innere, in alle Bereiche unserer Seele und auch unseres Körpers hinein. Es scheint manchmal so, als seien wir selbst auch ein Stück mit unseren Lieben mit-gestorben. Alle Sinne sind vom Schmerz der Trauer betroffen, alles, was wir wahrnehmen, gehört dazu. Ich sehe die Bilder meines Angehörigen auf dem Regal oder an der Wand und der Schmerz bricht in mir auf. Ich höre mein Weinen, mein Schluchzen, manchmal mein Schreien, wenn ich nicht weiterweiß. Und ich fühle, ich spüre den schweren Rucksack der Trauer auf meinem Rücken, sodass ich gebeugt gehe – und ich spüre und fühle manchmal meinen Magen – die Schmerzen in allen Gliedern, körperliche Schmerzen, die den seelischen Schmerzen folgen, weil Seele und Körper einfach zusammenhängen. Schmecken und riechen macht mir keine Freude mehr. Wenn ich trauere, fehlt mir oft der Appetit. Es fehlt mir das Verlangen nach dem, was ich genießen könnte. Alle Sinne sind betroffen, meine ganze Wahrnehmung kann der bitteren Realität des Abschieds ausgesetzt sein.

Solche Leidsituationen des Abschieds und der Trauer kennt auch die Bibel gut. Besonders die Zeit der Christenverfolgung in den ersten Jahrhunderten brachte unsägliches Leid. Es mussten viele Abschiede durchlitten werden. Und es stellte sich vor allem die Frage: Warum Gott? Warum, Jesus, lässt du zu, dass deine Brüder und Schwestern ermordet werden, nur weil sie an dich glauben? In diese Situation hinein spricht der heutige Predigttext. Dem Seher Johannes wird eine Begegnung mit Gott geschenkt. Er darf Dinge wahrnehmen, die sonst keiner sieht. Gott will seine Leute auf diese Weise trösten – durch Johannes – und Gott tröstet so, wie wir den Trost brauchen. Gott weiß, dass der Schmerz all unsere Sinne betrifft. Und deshalb muss auch der Trost all unsere Sinne betreffen. Hören wir diese Worte des Trostes aus dem Buch der Offenbarung des Johannes, Kapitel 21.

 

1 Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, und das Meer ist nicht mehr.

2 Und ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabkommen, bereitet wie eine geschmückte Braut für ihren Mann.

3 Und ich hörte eine große Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein und er selbst, Gott mit ihnen, wird ihr Gott sein;

4 und Gott wird abwischen alle Tränen von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen.

5 Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!

6 Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O, der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.

7 Wer überwindet, der wird es alles ererben, und ich werde sein Gott sein und er wird mein Sohn sein.

 

Liebe Gemeinde,

Gott tröstet die Menschen so, wie sie es wirklich brauchen. Gott berücksichtigt in seinem Trost alle Sinne. Das gilt damals für die leidgeprüften Christen der Christenverfolgung. Und das gilt heute für uns, für jede und jeden von uns, für alle, die leiden, weil ein lieber Mensch zu Grabe getragen werden musste. Das Sehen ist das erste, was Johannes erfährt. Er sieht das neue Jerusalem, eine glänzende Stadt, die doch zerstört war – und jetzt ist sie wieder heil. Ein neues Jerusalem, das vom Himmel herabkommt. Eine Stadt steht für die Gemeinschaft der Menschen in dieser Stadt. Krieg und Verfolgung durch die Römer hat die Stadt damals zerstört – und damit die Gemeinschaft der Stadtbewohner. Jetzt sieht Johannes diese Gemeinschaft wieder vor seinen Augen. Und wir sehen heute ebenso diese Stadt in den Worten des Johannes. Und uns gilt der gleiche Trost: Ja, es soll wieder eine neue Gemeinschaft geben zwischen uns und unsere Lieben, die wir haben gehen lassen müssen. Wir vermissen sie. Wir vermissen die Begegnungen, die es aber wieder geben soll. Die Gemeinschaft zwischen mir und meinen Angehörigen soll neu werden – es wird ein Wiedersehen bei Gott geben. Johannes sieht nicht nur, er hört auch. Seine Ohren nehmen wahr: Eine Stimme vom Thron sprach: Siehe, die Hütte Gottes bei den Menschen. Er wird bei ihnen wohnen. Er wird ihr Gott sein und sie werden sein Volk sein. Johannes hört es: Gott wird dann einmal spürbar da sein. Wie ein Nachbar, Tür an Tür, ganz nahbar – so will Gott in der Ewigkeit mit uns leben. Das zu hören war damals wahrer Trost, weil Gott so weit entfernt schien. Die Fragen nach dem Warum quälten die Christen. Warum diese Verfolgungen? – Und ich frage hier und da auch gequält und verzweifelt: Warum musste dieser Abschied sein? Manche sterben alt und lebenssatt, manche aber, um die wir trauern, wurden mitten aus dem Leben gerissen. Manche waren jung, ja noch Kinder. Warum, Gott, lässt du so etwas zu? Warum, Gott, darf es das geben, dass Menschen ihren Weg so unvollendet abbrechen müssen – dass uns mitten im Leben das Wertvollste genommen wird? Johannes hört die Stimme vom Thron: Gott wird einmal da sein, ganz nahe sein – und dann wird es, so wahr er Gott ist, auch einmal Antworten geben auf unsere quälenden Fragen. Gott kann unsere offenen Fragen einmal beantworten. Im Johannes-Evangelium sagt Jesus in seinen Abschiedsreden: „Einst werdet ihr mich nichts mehr fragen.“ (Joh 16,23). Denn die Dinge werden klar sein, die uns heute verzweifeln lassen, ja die uns heute überhaupt nicht beantwortbar scheinen.

Sehen – hören – und Gott weiß, dass wahrer Trost auch das Fühlen, das Spüren braucht. Johannes spricht von Gott, der unsere Tränen abwischen wird. Es kommt die Zeit, da wird Gott abwischen alle Tränen von ihren Augen! Es ist auffällig, dass im griechischen Original die Tränen in der Einzahl stehen. Es heißt da: Er wird jede Träne abwischen, jede einzelne Träne. Das ist intim, wenn mir jemand ins Gesicht fasst, mich berührt. Ich fühle seine Hand an meinen Augen. Ja, wir dürfen mit unseren Tränen des Leides vor Gott treten. Johannes sieht, dass wir in der Neuschöpfung Gottes nicht anders vor Gott kommen als mit unseren Tränen, weil der Weg durch diese Welt wieder und wieder auch ein Weg der Tränen ist. Aber: Er wird sie abwischen, jede einzelne. Das ist das Bild einer Mutter, eines Vaters, der vor seinem weinenden Kind niederkniet und es in den Arm nimmt und tröstet und die Tränen trocknet. Und wir alle wissen, wie Kinder es dann ganz tief empfinden: Jetzt wird alles wieder gut. Dem gehen wir entgegen, so Johannes, dass wir vor Gott sagen können: Jetzt wird alles wieder gut. Das ist die großartige, schier unglaubliche Hoffnung, die wir nicht nur sehen und hören, sondern auch fühlen sollen, weil alle Sinne zum Menschsein gehören.

Das Schmecken und Riechen, das Genießen mit diesen Sinnen, verliert in der Trauer den Stellenwert. Aber Johannes spricht von frischem Wasser, von einer klaren Quelle, die wir uns im Wald vorstellen können – ein glasklares, erfrischendes Wasser im Duft des Mooses – kühl und erfrischend. „Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.“ – Manchmal fühlten die Christen damals, dass sie vertrocknen angesichts ihres Leids. Der Durst nach Leben, nach Erfüllung, nach freudigen Momenten und tiefer Zufriedenheit – dieser Durst kann unfassbar quälen. Johannes spricht dagegen: Es wird ein Genuss sein, das frische Wasser kostenlos und in Hülle und Fülle bekommen zu können. Gott wird spendieren, was es nur zu genießen gibt. Bei Jesaja wird die ewige Herrlichkeit bei Gott als Festmahl beschrieben: „Und der HERR Zebaoth wird auf diesem Berge allen Völkern ein fettes Mahl machen, ein Mahl von reinem Wein, von Fett, von Mark, von Wein, darin keine Hefe ist. 7 Und er wird auf diesem Berge die Hülle wegnehmen, mit der alle Völker verhüllt sind, und die Decke, mit der alle Heiden zugedeckt sind. 8 Er wird den Tod verschlingen auf ewig. Und Gott der HERR wird die Tränen von allen Angesichtern abwischen und wird aufheben die Schmach seines Volks in allen Landen; denn der HERR hat’s gesagt.“ (Jes 25,6-8) – so die Worte von Jesaja, Kapitel 25.

Der Seher Johannes und der Prophet Jesaja – sie berichten so ähnlich von der neuen Wirklichkeit bei Gott. Es wird duften und herrlich schmecken – und zurück zum Fühlen: Jesaja schreibt auch wie Johannes vom Abwischen der Tränen. Unsere Trauer, unsere Schmerzen, sie betreffen uns als Menschen ganz. Sie betreffen all unsere Sinne. Und Gott weiß genau das. Deshalb bietet er eine Umkehrung all unserer Sinneserfahrungen. Gott will uns sehen lassen – hören lassen – fühlen lassen – und riechen und schmecken lassen – der Trost des Sehers Johannes soll nicht oberflächlich über unsere Köpfe hinweggehen. Sondern der Trost soll uns überzeugen, weil er all unsere Sinne berührt.

Ich wünsche uns allen, dass Gott all unsere Sinne berührt. Durch das, was er uns sehen und hören lässt – etwa heute hier in der schönen Bartholomäuskirche und durch sein Wort in der Offenbarung des Johannes. Gott soll uns berühren durch andere Menschen, die uns in den Arm nehmen – und die unsere Tränen trocknen – Gott selbst kann uns durch die Arme und Hände unserer Nächsten trösten. Und er lasse uns riechen und schmecken, dass er es gut mit uns meint, immer wenn wir Abendmahl feiern oder auch bei jedem Genuss, den wir dankbar annehmen können.

Heute ist noch nicht alles gut, gewiss nicht. Und auf dieser Welt bleibt vieles unvollkommen, solange wir leben. Aber der Gott, der mir einst die ewige Herrlichkeit verspricht, der reicht mir in allem Leid und in allem Fragen bereits heute seine ausgestreckte Hand. Er bietet mir an, meine unsichere Hand in seine zu legen und ihm zu vertrauen, weil Johannes wahrnehmen durfte: „Und der auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe, denn diese Worte sind wahrhaftig und gewiss!“

Amen.

 

Predigt zum Vorletzten So. d. Kirchenjahrs, 15.11.20, Bartholomäuskirche Markgröningen

Predigttext: 1. Thess 5,1-6, Pfarrer Dr. Frank Dettinger

 

Liebe Gemeinde,

vor einigen Jahren waren Gerichtssendungen im Fernsehen beliebt. Ähnlich wie bei Krimis kann man bei Gerichtsfällen die Spannung erleben: Wer ist der Täter? Wer hat Schuld? Wird der Fall korrekt aufgedeckt? Oder gibt es einen Justizirrtum?

So faszinierend die Situation vor Gerichten auf der einen Seite ist, so unangenehm ist auf der anderen Seite der Gedanke, dass wir vielleicht auch angeklagt sein könnten. Keine und keiner möchte gern einen Prozess durchmachen. Niemand möchte eine Anklage durchstehen müssen.

Im heutigen Predigttext geht es auch um ein Gericht, um das letzte, das so genannte Jüngste Gericht. Paulus spricht darüber. In seinem 1. Brief an die Thessalonicher will er der Gemeinde in Thessaloniki Mut machen. Paulus behauptet, dass für Christen nichts zu fürchten sei beim letzten Gericht. Hören wir den Predigttext aus dem 5. Kapitel dieses Briefes, Verse 1 bis 6:

 

1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben; 2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht. 3 Wenn sie sagen: »Friede und Sicherheit«, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen. 4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. 5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis. 6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.

 

Liebe Gemeinde,

immer wieder gibt es in guten Krimis in etwa folgende Szene: Da wird bei Nacht ein Einbruch begangen. Die beiden Täter fühlen sich sicher – sie schleichen um das Haus, geräuschlos. Sie haben alles gut geplant. Tagsüber haben sie sich ein Bild gemacht von diesem Haus, ihr Vorgehen genau durchdacht. Mit einem Draht öffnen sie jetzt das Türschloss. Im dunklen Schein der Straßenlichter, der durch die Fenster ins Haus fällt, gehen sie durch den Flur Richtung Wohnzimmer. Dort vermuten sie wertvolle Kunstgegenstände – und vielleicht auch Geld in den Schränken oder Schubladen. Doch als sie die Tür zum Wohnzimmer öffnen, geht das Licht an. Plötzlich ist es blendend hell im Haus. Polizeihunde bellen. Die Beamten fallen über die beiden Täter her – zwingen sie, dass sie sich mit dem Bauch auf den Boden legen müssen. Hinter ihrem Rücken werden ihre Hände mit Handschellen gefesselt. Sie sind also in eine Falle gegangen. Plötzlich ging das Licht an und sie waren nicht mehr sicher im dunklen Schein der Nacht. Plötzlich leuchtete es grell um sie – und ihre Taten, ihr Verbrechen wurde sichtbar. Ein großer Erfolg der Polizei ist das, ein Erfolg, dass die Kriminalisten über diesen Raubzug vorinformiert waren.

Paulus schreibt an die Gemeinde in Thessaloniki: „Ihr seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme. Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.“ Über die beiden Einbrecher kam das Licht wie ein Dieb – ganz unerwartet waren sie, die beiden Diebe, von der Polizei überrascht wie von einem Dieb – kurios. Ja, das plötzliche Licht kann zur Bedrohung werden, wenn man etwas zu verstecken hat. Wer etwas zu befürchten hat, wenn er entdeckt wird, will lieber im Dunkeln bleiben. Paulus sagt, dass wir Menschen nicht wissen, wann Gott über uns richtet. Und damit hat er recht. Wir wissen wirklich nicht, wann der „Tag des Herrn“ kommt. Damals erwarteten Paulus und die Christen in seinen Gemeinden, dass Jesus noch zu ihren Lebzeiten zurückkehren wird. Heute wissen wir nach wie vor nicht, wann es einmal ein Ende der Geschichte dieser Welt geben wird, wenn Gott sich für alle zeigt. Und wir wissen schließlich noch weniger, wie lange wir auf dieser Welt sind – ja, wir wissen nicht, wann wir sterben müssen. Kein Mensch weiß das.

Nun schreibt Paulus, dass der „Tag des Herrn“ einmal kommt wie ein Dieb in der Nacht. D.h. überraschend kann einmal alles anders sein. Überraschend können wir womöglich eines Tages mit Gott konfrontiert sein, ja vor seinem Richterstuhl stehen.

Ich habe am Anfang schon gesagt, dass es ein unangenehmer Gedanke ist, vor Gericht stehen zu müssen. Und auch noch überraschend vor einem Richter zu stehen, wie Paulus sagt, ist noch unattraktiver. Doch sagt Paulus uns heute etwas, was verwundert. Paulus will uns die Sorge und das Unbehagen vor einem Gericht Gottes nehmen. „Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages.“, sagt er. Ihr Christen habt nichts zu befürchten, wenn plötzlich das Licht angehen wird, wenn plötzlich der Tag wie ein Dieb hereinbrechen wird, ganz unerwartet. Ihr seid keine Einbrecher. Ja ihr habt nichts zu befürchten, wenn es hell wird. Denn bei euch kann keine Schuld festgestellt werden! Ihr seid frei von Schuld – es gibt kein Gericht Gottes, das euch verurteilen könnte.

Einspruch, könnte ich nun sagen. Ja, ich widerspreche Paulus einmal an dieser Stelle. Wenn ich an mein Leben denke, dann kann ich Paulus nicht zustimmen. Ich bin zwar kein Schwerverbrecher, aber ich kenne doch genug Dinge in meinem Leben, die nicht gut waren oder bis heute nicht gut sind. Es gibt das Thema Schuld in meinem Leben. So geht es vielen Menschen, dass sie in ihrem Gewissen Dinge mit sich herumtragen, die sie plagen. Im Alltag oft verdrängt, aber nachts können diese Dinge uns manchmal den Schlaf rauben. Das Thema Schuld ist oft wie eine Art Wollknäuel. Mir haben andere etwas angetan. Andere sind an mir schuldig geworden. Aber zugleich kann ich meine Hände auch nicht in Unschuld waschen. Wir Menschen sind so oft Opfer und Täter zugleich. Also, daher Einspruch, Paulus. Es ist nicht wahr, dass wir nichts zu befürchten haben, wenn das Licht angeht. Gott kann uns in seinem großen, letzten Gericht durchaus etwas vorwerfen.

Wie würde Paulus nun reagieren? Würde er den Einspruch akzeptieren? – Nein, das würde er nicht. Paulus bleibt trotzdem dabei! „Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.“ Gottes Gericht braucht ihr nicht zu fürchten, auch wenn euer Leben im nächsten Moment zu Ende wäre, auch wenn der Tag des Herrn plötzlich und unerwartet da wäre. Denn eure Schuld tragt nicht mehr ihr. Nicht auf eurem Rücken liegt diese Last. Im Johannesevangelium sagt Jesus: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.“ So haben wir es vorhin in der Schriftlesung gehört. „Ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages“, sagt Paulus folglich – er macht ernst damit, dass für die Christen in Thessaloniki wie für alle Christen gilt: In der Verbindung mit Jesus Christus sein, bedeutet, dass das Thema Schuld erledigt ist. In der Verbindung mit Jesus Christus sein, das ist für ihn der entscheidende Punkt.

Und nun ist aber noch wichtig zu sehen, auf welche Weise die Schuld erledigt ist. Tatsächlich will Gott uns nämlich die Chance geben, Schuld aufzuarbeiten. Gott will nicht einfach alles unter den Teppich kehren. Denn dann wäre auch den Opfern, denen, die unter uns gelitten haben, nicht recht getan. Gott geht mit Schuld so um, dass sie wirklich aufgearbeitet, wirklich bewältigt werden kann. Das brauchen wir gerade auch als Täter – wir brauchen Gottes liebenden Blick in unsere Seele – Gottes Wärme, die uns heilt. Vergebung ist eine Art Wunder, das Gott aber schenken kann und was er auch gern und immer wieder schenkt.

Paulus bleibt dabei: Wir haben nichts zu fürchten! Weil wir zu Gott gehören, durch Jesus Christus, ist die Sache klar: Es gibt kein Gericht, das uns einmal grundsätzliche Probleme machen könnte. Aber wir werden im Gericht einmal durchaus Dinge bereuen – und das wird weh tun – aber das ist gut so. Was schief lief in unserem Leben, diese unsäglichen Konflikte – schon vom Kindergarten an, in der Schule, und später als Erwachsene – egal wie alt man ist, wir kennen die unguten Dinge unseres Lebens. Die Konflikte und diese tiefen Verletzungen, das muss aufgearbeitet werden. Aber das Urteil wird trotzdem gut ausfallen – weil Jesus da sein wird, für uns eintreten wird.

Paulus schreibt in einem anderen Brief, dem Brief an die Gemeinde in Rom: „Gott ist hier, der gerecht macht. Wer will verdammen? Christus Jesus ist hier, der gestorben ist, ja mehr noch, der auch auferweckt ist, der zur Rechten Gottes ist und für uns eintritt. Wer will uns scheiden von der Liebe Christi?“ (Röm 8,33-35) Tatsächlich nichts und niemand kann uns trennen von Gottes Liebe. Im Gericht ist tatsächlich nichts zu fürchten, was uns Angst und Sorge bereiten müsste.

Am Ende sagt Paulus trotzdem: Seid wach und nüchtern – ja, übernehmt Verantwortung in eurem Leben. Ruht euch nicht aus auf dem Freispruch, der heute schon feststeht. Sondern lasst euch gerade durch diesen Freispruch motivieren, Gottes Liebe in dieser Welt auszubreiten.

Amen.

 

Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr, 8.11.2020, Bartholomäuskirche Markgröningen

Predigt von Pfarrer Michael Güthle (Text zum Friedenssonntag, Römer 12, 9-21, i.A.)

 

Die Liebe sei ohne Falsch. Hasst das Böse, hängt dem Guten an. Die brüderliche Liebe untereinander sei herzlich. Einer komme dem andern mit Ehrerbietung zuvor. Seid nicht träge in dem, was ihr tun sollt.  Seid brennend im Geist. Dient dem Herrn. Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet. Nehmt euch der Nöte der Heiligen an. Übt Gastfreundschaft. Segnet, die euch verfolgen; segnet, und verflucht sie nicht. Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. Seid eines Sinnes untereinander. Trachtet nicht nach hohen Dingen, sondern haltet euch zu den niedrigen. Haltet euch nicht selbst für klug. Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann. Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.

 

Liebe Gemeinde,

diese Sätze klingen wie die Ermahnungen einer Mutter: Zieh dich warm an! Sei vorsichtig! Bleib nicht zu lange weg. Pass auf dich auf. Jede und jeder kennt diese Ratschläge und jeder hat so schon zu seinen Kindern oder zu seinem Ehepartner gesprochen. Manchmal kann man solche Ermahnungen nicht mehr hören, weil man sie alle schon kennt.

Die Ermahnungen von Paulus kennen wir auch. In Variationen kommen sie immer wieder vor. Seid lieb und freundlich zueinander. Seid aufmerksam und achtsam, damit ihr wahrnehmt, wie es dem andern geht. Auch das kann nach einer Moralpredigt klingen,

die man nicht hören will. Dabei gilt es jedoch zu beachten, dass eine Mutter oder auch ein Vater Ermahnungen aussprechen, weil ihnen das Wohlergehen ihrer Kinder am Herzen liegt.   Wenn dieses Herzensanliegen deutlich wird: Ich habe dich gern und ich will, dass es dir gut geht – dann lassen sich auch Ermahnungen leichter befolgen.

Darum geht es auch dem Apostel Paulus. Er will deutlich sagen, dass für Gott jeder Mensch wichtig ist. Gott will, dass das Leben gelingt. Seine Ermahnungen sind also nicht die Forderungen eines Moralpredigers, sondern sie haben ihren Ursprung in der Barmherzigkeit Gottes. Gott ist für uns Menschen da, in den schönen Tagen und auch jetzt in dieser Corona-Zeit. Er lässt uns nicht im Stich. So leben wir alle von der Zuwendung, die uns Gott schenkt. Und diese Liebe können und sollen wir weitergeben. Das unterscheidet diese Ermahnungen von den anderen Ratschlägen, wo betont wird, was wir alles selber tun müssen und sollen. Wer sich für Gottes Liebe öffnet, dem wird zugetraut, diese Liebe im Umgang mit seinen Nächsten zu leben. Damit wird die Welt verwandelt und dadurch eröffnen sich neue Möglichkeiten. Die Möglichkeit gastfreundlich zu sein, seinen Feind zu lieben und das Böse durch Gutes zu überwinden. Wir alle wissen, wie nötig das für eine gute Gemeinschaft und für einen guten Zusammenhalt ist. Eine christlich geprägte Gemeinschaft hasst das Böse und hängt dem Guten an. Dieses Verhalten beschränkt sich nicht auf die, die zur christlichen Gemeinde gehören. Selbst bei Anfeindungen gibt es kein Zurückzahlen mit gleicher Münze. Segnet, die euch verfolgen, segnet und verflucht sie nicht. Der Andere wird nicht mehr als Feind angesehen, sondern als zukünftiger Bruder oder Schwester. Er soll gewonnen werden für ein barmherziges Leben. Ihm mit Feindschaft zu vergelten wäre ein Rückfall und würde die Fronten nur verhärten. Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem! Ist es möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.  Nicht mit Gewalt und Waffen, sondern ohne Gewalt sollen Konflikte bearbeitet werden. –

Eigentlich müsste unsere Welt nach 2000 Jahren Christentum friedlicher aussehen.

Wir kennen die Geschichte und wissen, wie oft auch Christen selber zur Gewalt, zum Hass und zum Töten beigetragen haben.

Wir sind beschämt – und haben wahrlich allen Grund uns selber nicht für klug zu halten, sondern den Menschen in Demut zu begegnen und bereit sein, von ihnen zu lernen.

Doch auf der anderen Seite können wir auch dankbar wahrnehmen, wie viel an Barmherzigkeit mitten unter uns gelebt wird:

In den vielen Diensten, wo Menschen aneinander helfen; gerade jetzt, wo manche nicht zum Einkaufen gehen sollen, da übernehmen Nachbarn die Besorgungen für die Kranken und Älteren. Kranke werden gepflegt und liebevoll umsorgt. Trauernde werden getröstet und Einsame werden besucht. Fremde werden unterstützt, Streitigkeiten werden beigelegt.

Es geschieht, dass wir uns mit den Fröhlichen freuen und mit den Weinenden weinen.

Die Schicksalsschläge anderer Menschen lassen uns nicht gleichgültig. Wir denken und beten für die Menschen in Frankreich und Wien, die durch Terroranschläge erleben mussten, wie ihre Angehörige getötet worden sind. Wir denken und beten für die Menschen in Syrien, die immer noch nicht in Frieden leben können. Wir denken und beten auch für Amerika, um Heilung der gespaltenen Gesellschaft.

Wenn wir die Ermahnungen des Apostels hören, kann uns dennoch ein Gefühl von Resignation und Enttäuschung erfassen. Die christliche Gemeinde als eine Kontrastgesellschaft, als die Stadt auf dem Berg, als das Salz der Erde und Licht der Welt –

als eine Gemeinde, wo Kinder willkommen sind, wo Jugendliche sich wohl fühlen,

wo Erwachsene mit ihren Eigenheiten und Verschiedenheiten daheim sein können, wo Alte und Kranke, die nötige Aufmerksamkeit erfahren, wo Impulse für Gerechtigkeit und Frieden und Bewahrung der Schöpfung ausgehen – bleibt das letztendlich doch nur ein schöner Traum?  Was nützen schöne Worte am Sonntag, wenn sie während der Woche nicht gelebt werden? Ist die Kraft des Bösen doch mächtiger als das Gute?

Wohl gerade deshalb ist das Evangelium so wichtig. Es will uns vor Resignation bewahren und uns immer wieder neu ermutigen, bei uns selber und in unserer Gemeinde damit anzufangen, den Auftrag unseres Herrn Jesus zu erfüllen.

Dabei gilt es auch festzuhalten, dass Gott das Böse bereits besiegt hat. In der Auferstehung Jesu feiern wir den endgültigen Sieg des Guten über das Böse, den Sieg des Lebens über den Tod. Auch wenn vieles auf der Welt und in unserem Leben anders aussehen mag,

als Christen halten wir an dieser Glaubenshoffnung fest: Liebe ist stärker als Hass, Friede stärker als Gewalt, die Kräfte des Lebens sind stärker als der Tod. Im Großen wie im Kleinen soll nicht das Böse unser Leben bestimmen, sondern die heilsame Lebenskraft des lebendigen Gottes. Gott selber will dafür sorgen, dass es uns gelingt Böses mit Gutem zu überwinden.

Dietrich Bonhoeffer hat diese Glaubenshoffnung folgendermaßen ausgedrückt:

Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.

Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. In solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Also: Seid fröhlich in Hoffnung, geduldig in Trübsal, beharrlich im Gebet.

Amen

 

 

Gedenken an Reformation am 1.11.2020                       

Predigt von Pfarrer Michael Güthle in der Bartholomäuskirche Markgröningen

 

Text: Matthäus 10, 26-33

Jesus sprach: Es ist nichts verborgen, was nicht offenbar wird, und nichts geheim, was man nicht wissen wird. Was ich euch sage in der Finsternis, das redet im Licht; und was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Und fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, doch die Seele nicht töten können; fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Verkauft man nicht zwei Sperlinge für einen Groschen? Dennoch fällt keiner von ihnen auf die Erde ohne euren Vater. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Haupt alle gezählt. Darum fürchtet euch nicht; ihr seid kostbarer als viele Sperlinge. Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

 

Liebe Gemeinde,

dreimal hören wir: Fürchtet euch nicht! Fürchtet euch nicht vor den Menschen – denn sie können euch nichts tun. Selbst wenn sie euch töten würden – sie können das, was ihr vor Gott seid, nicht zerstören. Sie können euch nicht von Gottes Liebe trennen. Gottes Güte reicht weit über den Tod hinaus. Gott ist es der Himmel und Erde gemacht hat und er allein ist es, der die Macht über Leben und Tod in seinen Händen hält. Daher braucht ihr keine Angst zu haben.-

Wir alle wissen, dass Angst zu unserem Leben gehört. Angst kommt von Enge. Da wird es uns eng um die Brust und wir bekommen kaum mehr Luft zum Atmen. Jetzt, wo sich die Corona-Regeln wieder verschärfen, haben Menschen Angst vor dem, was auf sie zukommt. Wird jemand aus unserer Familie krank? Was bedeutet es für diejenigen, deren Existenz am Geschäft hängt, das nun geschlossen werden muss? Und wie wirken die Maßnahmen auf die Seele der Menschen. Steigt das Gefühl von Einsamkeit, verlieren manche die Geduld, werden manche verunsichert, weil sie nicht wissen, ob sie die Herausforderungen noch einmal schaffen werden. Und wie lange wird der Zustand von Beschränkung anhalten und hoffentlich wirken die Maßnahmen auch.

Wir wissen, dass es auch außer Corona noch Situationen und Erfahrungen gibt, die uns Angst machen. Angst kann uns lähmen. Jesus will uns aus der Enge befreien und uns zu einem Leben helfen, das durch die Angst nicht beeinträchtigt wird. Dies kann gelingen, wenn wir uns an Gott wenden. So wie es Martin Luther in seiner Erklärung zum ersten Gebot ausdrückt: Wir sollen Gott über alle Dinge fürchten und lieben und vertrauen. Je mehr es gelingt, Gott zu vertrauen, desto weniger kann uns die Angst beherrschen.

Dieser Zuspruch ist ermutigend und tröstlich. Doch zugleich haben wir von Jesus auch andere Worte gehört: Wer nun mich bekennt vor den Menschen, zu dem will ich mich auch bekennen vor meinem Vater im Himmel. Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Wer von uns kann schon von sich behaupten, dass er zu jeder Zeit und in jeder Lage ein Bekenntnis zu Jesus Christus sprechen oder ihm gemäß leben kann?  Und ist es nicht so,

dass uns die Angst manchmal so im Griff haben kann, dass wir selbst nur mühsam am Gottvertrauen festhalten können? Und kann dieser Satz von Jesus nicht missbraucht werden, indem man mit erhobenem Zeigefinger Kindern Angst einjagt und sagt:

„Wehe, du glaubst nicht an Gott. Wehe, dann geht es dir schlecht und du landest in der Hölle.“ Und wie steht es um die Menschen, die gerne glauben wollen, es aber nicht können?

Wer mich aber verleugnet vor den Menschen, den will ich auch verleugnen vor meinem Vater im Himmel.

Wenn wir allein auf diesen Satz schauen, dann scheint auch die Feier der Reformation fraglich. Denn gerade die Angst vor einem Gott, der den Menschen nicht annehmen wird, ist es ja, die Martin Luther umgetrieben und gequält hat. Er wollte ein besonders guter Mönch sein. Er wollte seine Frömmigkeit besser als andere leben, um vor Gott bestehen zu können. Vor jenem mächtigen Gott, der am Ende des Lebens, die einen in die Hölle und die anderen in den Himmel schickt. So wie es das Bild über dem Chorbogen darstellt. Wer kann vor solch einem Gott als Mensch überhaupt bestehen? In jedem Leben lassen sich Verfehlungen und Versäumnisse finden. Martin Luther erkannte, dass auch gute Taten nicht ausreichen, um vor Gott bestehen zu können. Wenn wir von unserem Wollen und Bemühen ausgehen, von unserem Verstand und unseren Gefühlen – dann bleibt uns der Himmel wohl verschlossen. Oder es würde dazu verführen, dass wir die Menschen in gläubig und ungläubig einteilen. Nein, der Ausgangspunkt muss Gott selber sein. Um diese Glaubenserkenntnis hat Martin Luther gerungen und schließlich wurde sie ihm geschenkt.

Es ist Gottes Gnade, von der wir leben. Gott hat die Macht, uns Menschen in die Hölle zu schicken. Jesus sagt: Fürchtet viel mehr den, der Leib und Seele verderben kann in der Hölle. Doch Gott verzichtet auf diese Macht. Er schickt uns seinen Sohn, Jesus, der all das, was wir Menschen nicht hinbekommen, ans Kreuz trägt und mit in den Tod nimmt. Er bleibt nicht im Tod, sondern wird auferweckt. Jesus Christus ist gekommen, um zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Er ist gekommen, um zu heilen, zu retten und zu erlösen. Wenn Christus zur Rechten Gottes sitzt, dann gewiss nicht als ein Richter über Gut und Böse, sondern als einer der die Opfer und Leidtragenden aufrichten wird und der die Täter zurechtbringt. Wenn der, der der Welt Sünde trägt, auferstanden ist, dann wird er Gnade vor Recht ergehen lassen und das Leid der einen und die Last der anderen tragen, um beide aus der Herrschaft der Finsternis in das Licht von Gottes Reich zu bringen. Wir glauben an einen gnädigen Gott.

Martin Luthers Erkenntnis wurde bekämpft. Nicht nur, weil die finanziellen Mittel aus den Ablassgeldern zum Bau des Peterdoms in Rom ausblieben. Denn wenn Gott mir Sünder gnädig ist, dann muss ich kein Geld bezahlen, damit meine Seele aus dem Fegefeuer springt. Dann genügt der Glaube an ihn. Martin Luther wurde auch bekämpft, weil man ihm vorwarf, Gottes Gnade zu verharmlosen. Wenn Gott gnädig ist, dann kann doch jede und jeder leben wie er will. Dann wird mir Gott am Ende doch alles vergeben. Gegen dieses Missverständnis gilt es anzugehen.

Und gegen dieses Missverständnis einer billigen Gnade stehen die Worte von Jesus, die uns darauf hinweisen, ihm nachzufolgen, den Nächsten zu lieben und mutig seinen Glauben zu bekennen.

Der Glaube an einen gnädigen Gott soll keine gnadenlosen Folgen für Mensch und Natur haben. Vielmehr will uns der Glaube an einen gnädigen Gott dazu befreien, diese frohe Botschaft weiter zu sagen: Was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. Was ihr von Gott hört, was ihr beim Lesen der Bibel entdeckt, das soll nicht verborgen bleiben, sondern will öffentlich werden. Denn Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Martin Luther hat seine Erkenntnisse nicht für sich behalten, sondern hat sie in 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg angeschlagen. Das ehrliche Einstehen für den Glauben verschont uns nicht vor Sorgen, vor Angst oder gar Anfeindung. Das ehrliche Einstehen für den Glauben macht aus Gott keinen lieblichen und harmlosen Gott. Freud und Leid, Gesundheit und Krankheit, Glück und Unglück – beides steht in seiner Hand. Wir können seiner Zusage trauen: Fürchtet euch nicht. Und wir können an den kleinen Spatz oder an die Haare auf unserem Kopf denken. Alle sind gezählt.

Gott kennt uns ganz genau. Er weiß, wie es uns geht und er wird für uns sorgen. Ihm können wir vertrauen. Amen

 

In dem Trostlied „Ein feste Burg ist unser Gott“, das Martin Luther geschrieben hat, heißt es in der dritten Strophe:

 

Und wenn die Welt voll Teufel wär / und wollt uns gar verschlingen,

so fürchten wir uns nicht so sehr, / es soll uns doch gelingen.

Der Fürst dieser Welt, / wie sau’r er sich stellt, / tut er uns doch nicht;

das macht, er ist gericht’:/ ein Wörtlein kann ihn fällen.

 

Predigt am 25.10.2020 von Pfr.i.R. Hans-Jürgen Horn in der Bartholomäuskirche Markgröningen

 

Text: Eph4-22-32

Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, und gebt nicht Raum dem Teufel. Lasst kein faules Geschwätz aus eurem Mund gehen, sondern redet, was gut ist, was erbaut und was notwendig ist, damit es Segen bringe denen, die es hören. Und betrübt nicht den heiligen Geist Gottes, mit dem ihr versiegelt seid für den Tag der Erlösung. Alle Bitterkeit und Grimm und Zorn und Geschrei und Lästerung seien fern von euch samt aller Bosheit. Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus.

 

Liebe Mitchristen,

es gibt Filmhandlungen, die folgendermaßen »gestrickt« sind: Die Mitarbeiterin eines großen Chefs, unscheinbar gekleidet, unscheinbar auch in ihrer Wirkung, wird von ihrem Chef irgendwann auch als Mensch entdeckt. Er verliebt sich in sie, die beiden werden ein Paar, und man erkennt in den Filmbildern die Frau kaum wieder: Ihr Aussehen hat sich verwandelt. Sie ist anders geworden. Man erkennt jetzt ihre Schönheit und glaubt ihr Glück. – Wenn man sich überlegt, wie der Film diese Veränderung geschafft hat, kommt man schnell auf die Kleidung. Der »Kleiderwechsel« hatte einen erheblichen Anteil an der anderen Wirkung der Darstellerin. Man kann an dieses Filmmuster denken, wenn man hört:

»Zieht den neuen Menschen an … «. Legt den alten ab, wie man ein zerschlissenes oder unvorteilhaftes Kleidungsstück ablegt. Zieht den neuen Menschen an wie ein Gewand, das verändert – nicht nur im Aussehen, sondern wirklich. Die Kleidung im Film soll ja auch eine wirkliche Veränderung erkennbar machen: Die Frau ist glücklich; sie wird geliebt. So ähnlich ist es beim »Gewand«, das wir als Christen angezogen haben und mit dem wir uns immer wieder neu kleiden können. Es ist das Gewand, das uns Gottes Liebe reicht. Wir sind von ihm geliebt. Wir gehören zu ihm und werden von ihm auch in Anspruch genommen. Die ersten Christen wurden bei der Taufe untergetaucht – zum Zeichen, dass nun der alte Mensch tot ist, »abgelegt« worden die alten, zerschlissenen Kleider, die der Täufling vor der Taufe getragen hatte. Nach der Taufe bekam der Täufling ein neues, reines, weißes Kleid zum Zeichen, dass für ihn ein neues Leben begonnen hat. Er ist geliebt und wird gebraucht. Der Kleider-wechsel bedeutet also: Ich bin Gott recht, weil er mich liebt. Ich gehöre zu ihm. Ich werde gebraucht und soll mich nun auch in Anspruch nehmen lassen.

Auch uns heute begegnen momentan mehr Aufforderungen als sonst: Abstand halten, Maske tragen, lüften, Kontakte reduzieren, nicht reisen. Und sie sind verbunden mit der Angst vor den steigenden Infektionszahlen. Werden die Schulen und Kindergärten wieder schließen müssen, werde ich mich anstecken? Was wird aus meinem Arbeitsplatz? Wie geht es den Kindern? Was feiere ich noch? Wo gehe ich noch hin, wo nicht? Das sind momentan die alltäglichen Fragen. Und ich glaube die meisten hier sind zugänglich für die Aufforderung Rücksicht zu nehmen und sich vorsichtig zu verhalten.

Man kann, was hier im Epheserbrief an Beispielen genannt wird, auch auf dem Hintergrund einer Frage verstehen, wie sie Bertolt Brecht in einem seiner Gedichte stellt: »Wie handelt man, wenn man euch glaubt, was ihr sagt?« Wie handeln wir als Christen glaubwürdig? Betrachten wir die Beispiele:

I. Lasst das Lügen, sagt die Wahrheit: Dass wir einander offen ins Gesicht lügen das ist ja zum Glück die Ausnahme. Und wenn wir je so lügen, dann soll uns unser Gewissen keine Ruhe lassen, bis wir die Unwahrheit aus der Welt geschafft haben, auch wenn es uns schwerfällt. Heute wird uns gesagt: Lasst das Lügen, sagt die Wahrheit! Ihr gehört doch zusammen. – Warum lügen wir? Oft aus Angst. Meist, um nicht schlecht dazustehen. Manchmal, um etwas oder jemanden nicht zu verlieren. Sie wissen ja was, für Beine Lügen haben: Lügen haben kurze Beine. Sie scheinen nur aus einer Verlegenheit zu helfen. Sie zerstören immer Vertrauen, untergraben die Verlässlichkeit, ohne die menschliche Beziehungen nicht möglich sind; sie machen das Miteinander schwer oder unmöglich. Das ist in allen menschlichen Beziehungen so. Auch das Klima in der Öffentlichkeit vergiften sie. Wenn sich etwa Bürger belogen fühlen, verlieren sie das Vertrauen in die Politik und werden verdrossen. Politik ohne Wahrhaftigkeit macht sich selbst unmöglich. Wahrhaftigkeit ist darum ein Wesenszug guter Politik, gerade auch in schwierigen Corona-Zeiten mit schwierigen Entscheidungen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                           II. Dem Zorn Grenzen setzen: Oft ist es ganz verständlich, sich zu ärgern. Es gibt einen berechtigten Zorn. Den müssen wir nicht hinunterschlucken. Ein solches Leiden, etwa wenn man uns ungerecht behandelt, will Gott nicht. Deshalb muss manchmal sogar Zorn sein. Doch dann sagt die Bibel in großer Weisheit: „Zürnt nicht!“. Der Zorn, der Wutausbruch ist meistens die letzte unserer Reaktionen: Gefühlsbeladen explodieren wir. Und warum? Weil wir es meistens versäumt haben, ruhig und geduldig miteinander zu reden, und vor allem: weil wir nicht bereit waren, zuerst einmal auf den anderen Menschen zu hören und uns zu fragen: Was will er mir denn eigentlich sagen? Natürlich spielt unser Temperament eine Rolle. Wer ein ruhiges Temperament hat, dem fällt es leichter, zuerst zu schlucken und dann zu reden. Andere haben eine schnellere Art, sie sind schnell aufgebracht und gleich aufbrausend. Aber wir können auch hier an uns arbeiten. Der oft gehörte Satz: „So bin ich halt!“ passt nicht in unseren Mund. Und wenn wir es mit Menschen zu tun haben, die ein heftiges Temperament haben, dann können wir das doch gleich in Rechnung stellen und es nicht so tragisch nehmen, wenn der andere einmal aufbraust; er meint es ja meistens gar nicht so.

Eines ist uns allen klar: ein ungerechtfertigter und unnötiger Zornausbruch kann unsere Seelen verhärten und unser Zusammenleben vergiften. Es hat keinen Sinn, dass wir uns über die anderen aufregen, die sich nicht an die Regeln halten. Und dass wir wütend auf die werden, die leugnen, dass das Virus gefährlich ist. Viele tun das, weil sie die Wahrheit nicht aushalten und im Untergrund furchtbare Angst haben. Manche sicher auch, weil sie nicht weiter nachdenken und es unbequem finden, sich irgendwie einschränken zu lassen und andere, weil sie die Demokratie in Gefahr sehen. Warum auch immer sie das tun. Wir können es nicht ändern. Wir dürfen es uns heute ruhig einmal sagen lassen: Der neue Mensch gewinnt Gestalt, indem wir nicht zürnen – Und wenn wir uns über die unvernünftig Handelnden aufregen, lassen wir uns nur selbst aus der Ruhe und Besonnenheit bringen, die wir gerade dringend brauchen. Damit wir einander zu hören und der Streit wieder aufhört und zu einem neuen Miteinander führt. »Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ – das ist eine gute Regel, nicht nur für Eheleute. Es ist gut, wenn der Friede der Nacht zu einem neuen Anfang am Morgen führt. Es ist schlimm, wenn die Zeit den Graben zwischen Menschen immer breiter macht und ein Brückenschlag immer weniger möglich wird. Menschen, die geliebt sind und gebraucht werden, sollen das nicht zulassen. Versöhnung und neue Anfänge können ihnen gelingen.

III. Kein faules Geschwätz auf eurer Zunge: Auch törichtes und böses Geschwätz stört die Gemeinschaft. Das Gegenteil sind Worte, die stärken, aufbauen, helfen, die dem Zusammenleben dienen. Geschwätz kann viel Unheil anrichten. Da macht jemand eine Bemerkung, denkt sich vielleicht nicht einmal viel dabei. Jemand anderes nimmt sie auf, trägt sie weiter, vergröbert sie. Die Geschichte macht die Runde, gelangt schließlich wieder zu dem Menschen, von dem die Rede war und verursacht schwere Verletzungen. Wir kennen das alle. Es ist gut, wenn man angesichts solcher Mechanismen mit der Wahrheit von Wilhelm Busch lachen kann: »Wenn alles sitzen bliebe, was wir in Hass und Liebe so voneinander schwatzen, wenn Lüge Haare wären, wir wären rau wie Bären und hätten keine Glatzen!«  Wenn ich in mich hineinhöre, spüre ich Unsicherheit, darüber, was noch geht und was richtig ist, das führt bei mir dazu, dass ich gereizter bin und ich bin weniger entspannt. Und bin nicht immer imstande gütig und barmherzig mit anderen umzugehen. Und ich werde schneller zornig. Und momentan bin ich nicht die einzige, der es so geht.   Das ist nicht gut. Denn gerade jetzt, wo die Infektionszahlen steigen, ist es wichtig, dass wir zusammen halten, dass wir uns alle an die Regeln halten und uns gegenseitig darin bestärken. Momentan brauchen wir Leute, die vernünftig handeln und Einsicht zeigen. Und Unsicherheit und Angst sind da nicht hilfreich.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 IV. Vergebt einander!: Es fällt uns nicht leicht, einem anderen Menschen zu vergeben, der uns gekränkt oder schwer beleidigt oder gar übel mitgespielt hat. Wir wissen aber auch, wie gut das tut, wenn uns ein Mensch sagt: Das ist jetzt vorbei, es ist reiner Tisch zwischen uns; was war, soll uns nicht mehr belasten; wir fangen miteinander neu an. Wo vergeben wird, ohne große Worte und ohne großes Theater, da öffnen sich die Herzen. Und es öffnen sich neue Wege; da fällt einem eine Last von den Schultern, man kann wieder aufatmen. Dieses Geschenk dürfen wir einander machen! Wir müssen uns nicht daran beteiligen, dass unser menschliches Zusammenleben immer mehr vergiftet wird. Ein Beispiel: Frau Meier will Frau Müller über Herrn Huber erzählen, wie der neulich … und überhaupt. Da fragt Frau Müller zurück: „Ist‘s was Gutes, was Sie mir erzählen wollen?“ „Im Gegenteil“ grinst Frau Meier. „Ist notwendig, dass ich davon weiß?“ fragt Frau Müller und Frau Meier gibt zu: „Das grad nicht unbedingt.“  Und auch die Frage, ob‘s denn Segen brächte, was sie zu erzählen weiß, kann Frau Meier nicht bejahen. „Dann muss ich es nicht wissen“ antwortet Frau Müller.
So zu fragen und zu prüfen, das ist der vierte Rat, den uns der Text aus dem Epheserbrief gibt: Andere herabsetzen oder verächtlich über sie reden. Dabei müssen wir nicht mitmachen. Weil wir neue Menschen sind, können wir zwischen die Fronten treten, ausgleichen und vermitteln. So zeigen wir die Vergebung, die uns geschenkt ist. Wir wissen um die Versöhnung. Wir kennen Gottes Hand, die sich uns entgegenstreckt. Eben diese Gebärde der ausgestreckten Hand braucht es auch in unserem Zusammenleben. Da sollen wir nichts auf die lange Bank schieben. Manchmal kann schon eine Nacht zu lang sein, die wir verstreichen lassen, ohne uns zu versöhnen.

Das wärmende Kleid der Liebe Gottes gibt uns den Halt und die Energie, dass wir von neuem aufeinander zugehen und Wege zueinander suchen. Der neue Mensch, der wir schon sind, gewinnt Gestalt, indem wir die Wahrheit sagen, nicht zürnen, kein faules Geschwätz in die Welt bringen und einander vergeben. Heute ist es Zeit, um die Kraft des Heiligen Geistes zu bitten. Wir brauchen den Heiligen Geist, damit wir unseren Ärger über die, die sich nicht an die Regeln halten und alle gefährden, überwinden. Wir brauchen den Heiligen Geist, damit wir barmherzig mit den anderen umgehen, damit wir und sie sich entspannen können. Und wir brauchen den heiligen Geist, damit wir freundlich das tun können, was jetzt gerade dran ist. Damit wir und die anderen gut durch diese schwierigen Zeiten kommen, und damit wir es schaffen zusammen zu halten und uns umeinander zu kümmern.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus zum ewigen Leben! Amen.

 

 

Predigt zum Erntedankfest am 4. Oktober 2020 von Pfarrer Michael Güthle, Bartholomäuskirche Markgröningen                           

 

Text: Markus 8, 1-9, Die Speisung der Viertausend

Zu der Zeit, als wieder eine große Menge da war und sie nichts zu essen hatten, rief Jesus die Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Mich jammert das Volk, denn sie harren nun schon drei Tage bei mir aus und haben nichts zu essen. Und wenn ich sie hungrig heimgehen ließe, würden sie auf dem Wege verschmachten; denn einige sind von ferne gekommen. – Seine Jünger antworteten ihm: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen? Und er fragte sie:  Wie viele Brote habt ihr? Sie sprachen: Sieben.- Und er gebot dem Volk, sich auf die Erde zu lagern. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten, und sie teilten sie unter das Volk aus. Sie hatten auch einige Fische; und er sprach den Segen darüber und ließ auch diese austeilen. Und sie aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrigen Brocken auf, sieben Körbe voll. Es waren aber etwa viertausend; und er ließ sie gehen.

 

Liebe Gemeinde,

wenn wir heute solch ein Wunder vollbringen könnten, dann würden alle Menschen satt und keiner müsste Hunger leiden. Hunger ist die Urbedrohung des Menschen. Noch immer sterben Menschen, weil sie nichts zu essen haben. Nur noch wenige Ältere erinnern sich an Zeiten, in denen ein Stück Brot eine Kostbarkeit gewesen ist. Wir leben noch immer unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie, doch viele Menschen sagen mir: „Bei allen Einschränkungen, die wir haben, müssen wir nicht hungern. Wir können alle Nahrungsmittel kaufen, die wir brauchen, das sollte doch dankbar geschätzt und nicht als selbstverständlich wahrgenommen werden.“

Zudem erinnert uns das Erntedankfest daran, dass wir nach wie vor auf unsere Landwirte angewiesen sind. Ohne sie wären die Regale in den Kaufläden nicht voll. Die grünen Kreuze auf den Feldern wollen ebenfalls ein Zeichen sein, den Bauernstand nicht zu vergessen. Schließlich haben die Landwirte in den letzten Jahren nicht nur mit der zunehmenden Trockenheit zu kämpfen, sondern auch mit politischen Vorgaben und gesellschaftlicher Missachtung. Immer weniger Menschen haben noch einen Bezug zur Landwirtschaft.

Schließlich erinnert uns das Erntedankfest daran, dass wir bei allem, was wir selber tun können, von Gott dem Schöpfer abhängig sind. Er lässt die Sonne scheinen, er schickt den Regen und er schenkt Wachstum und Gedeihen. Vieles haben wir Menschen nicht in unserer Hand. Und so gehört es auch zum Erntedanktag, einmal grundsätzlich darüber nachzudenken, über was alles wir dankbar sein können. Das ist ein gutes Gegengewicht zu den täglichen Sorgen und Klagen.

Sehen wir uns nun diese wunderbare Geschichte, die Markus erzählt, genauer an. 4000 Menschen werden satt. Sie zehren von dem, was die Jünger zusammengetragen haben:

7 Brote und einige Fische. Dieses Wenige genügt und es bleiben sogar noch sieben Körbe mit Brotbrocken bleiben übrig. Im Hintergrund hören wir den alten Vers aus Psalm 23 mit. „Du bereitest vor mir einen Tisch … und schenkest mir voll ein“.

Die Erzählung beginnt damit, dass Menschen Jesus folgen, weil sie spüren, bei ihm finden sie Worte von Gott, die ihrer Seele guttun und die ihnen den Sinn des Lebens aufschließen. Sie folgen Jesus, weil sie ahnen, dass der Mensch nicht aus eigener Kraft leben kann. Darum gehen sie sogar in die Wüste, gehen weg von den bewohnten Orten, wollen sich nicht ablenken lassen, sondern sich allein auf die Botschaft von Jesus konzentrieren. Und ausgerechnet da, wo sie nach Gottes Wort hungern, befällt sie ein irdischer Hunger. Dort wo sie Gott suchen, spüren sie den Hunger des irdischen Lebens. Jesus gibt denen, die nach dem Brot des Lebens suchen, auch das tägliche Brot. Die Sorge um die Seele der Menschen und die Sorge um das leibliche Wohlergehen gehören zusammen. Nicht umsonst sagen wir: Essen hält Leib und Seele zusammen.

Und so gehört es zur Kirche von Anfang an dazu, dass sie sich nicht nur um das Seelenheil kümmert, sondern auch um das Wohlergehen der Menschen. Kranke werden gepflegt, Flüchtlinge aufgenommen, Hungrige gespeist, Bedürftige bekleidet, Traurige getröstet und Arme unterstützt. Eine christliche Gemeinde darf sich nicht um sich selber drehen, sondern sie wird ermutigt, für andere da zu sein. Christen schicken Menschen nicht weg, die in Not geraten. Sie verschließen sich nicht vor deren Leid, sondern lassen sich davon anrühren. Eben in dem Sinne, wie es Jesus hier ausspricht:  Mich jammert das Volk – sagte er. „Es geht mir nahe, dass sie 3 Tage lang fast nichts gegessen haben. Ich sehe ihre Lage und will ihnen helfen.“

Manchmal geht es uns dabei so, wie den Jüngern. Sie bezweifeln, dass ihre Möglichkeiten ausreichen, um zu helfen. Sie fragen Jesus: Woher nehmen wir Brot hier in der Einöde, dass wir sie sättigen. Unsere Möglichkeiten zur Hilfe sind doch klein. Wir können doch nicht die Not aller Menschen lindern.

Jesus lenkt unseren Blick als Erstes nicht auf das, was uns fehlt und was wir als Mangel betrachten. Er fordert uns auf, das zu sehen, was wir haben und was auch in uns steckt. Wir sollen unsere eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten entdecken. Dieser Hinweis gilt besonders auch für ältere Menschen, die merken, wie manches nicht mehr so geht wie früher und darüber ins Jammern kommen. Seht auf das, was noch möglich ist. Freut euch an den Blumen, an der Musik, an den kleinen Dingen, die ihr noch tun könnt. Seht auf das, was euch im Leben gelungen ist, wieviel euch geschenkt wurde, an Zuneigung und treuen Wegbegleitern. Seht, wie ihr versorgt werdet, wie ihr ein Dach über dem Kopf habt und das Notwendige zum Leben. Nehmt das wahr, was euch gegeben ist. Ihr steht auf keinen Fall mit leeren Händen da.

Das Wunder der Brotvermehrung beginnt nun damit, dass Jesus den Blick hinauf zum Himmel richtet. Und er nahm die sieben Brote, dankte, brach sie und gab sie seinen Jüngern, dass sie sie austeilten und er sprach den Segen über die Fische und ließ auch diese austeilen.

Gott selber ist es, der aus wenig viel machen kann. Keiner braucht seine Gaben gering zu schätzen und zu meinen, er habe oder könne weniger als andere. Denn vor Gott sind wir alle bedürftig. Was ihr Menschen braucht, das bekommt ihr, sagt Jesus. Das, was uns Gott gibt genügt, um etwas daraus machen zu können. Nicht weil unsere Kraft so groß ist, sondern weil Gott unser Tun gesegnet hat. Ermutigen wir uns also untereinander, nicht nachzulassen in der Hilfe für den Nächsten und das zu teilen, was wir haben. Jede und jeder kann nach seinen Möglichkeiten einen Beitrag dazu leisten. Wir müssen nicht die Welt retten, sondern können mit Gottvertrauen das tun, was uns möglich ist. Auch die kleinen Schritte sind wichtig.

Das Gelingen liegt nicht in unserer Hand, sondern am Segen, den Gott dazu schenkt. Vielleicht ist das auch der Grund dafür, wieso in dieser Wundergeschichte von den Reaktionen der Menschen nichts erzählt wird. Wir erfahren nicht, wie sie dieses Wunder erlebt und ob sie dafür Jesus gedankt haben. Es heißt nur: Sie aßen und wurden satt … und er ließ sie gehen.

Unser Blick wird allein auf Jesus gerichtet. Er ist es, der redet und handelt. Er ist es, der für die Menschen sorgt und den Hunger stillt.

Liebe Gemeinde,

ein Wunder können wir nicht vollbringen – wir können die Hungrigen dieser Welt nicht alle satt machen. Aber wir können unsern Beitrag dazu leisten, die Not zu lindern und nach gerechten Lösungen zu suchen. Wir können das tun, was uns möglich ist. Und wir können dankbar sein, für all das, was uns Gott zum Leben schenkt, so dass wir immer wieder ernten dürfen.

Das Wunder der Brotvermehrung geht in diesem Sinne weiter. Zugleich können wir gewiss sein, dass Gott genau sieht, wie es jeder und jedem von uns geht. Keiner soll auf dem Wege verschmachten. Wir bekommen von Gott die Wegzehrung, die wir brauchen, denn jede und jeder von uns soll wohlbehalten nach Hause kommen.

Amen.

 

Lied 508: Wir pflügen und wir streuen den Samen auf das Land, doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand …