Predigten

erstellt am: 10.04.2020

 

 

Predigt von Pfarrer Michael Güthle für Karfreitag, 10.4.2020.                                                  

Liebe Gemeinde,

dieser Karfreitag 2020 ist ganz anders als gewohnt. Bisher musste sich die Kirche immer wieder darum bemühen, dass dieser wichtige Feiertag im Kirchenjahr frei von Tanzveranstaltungen und anderen Vergnügungsangeboten bleibt. Diesmal ist das Leben fast zum Stillstand gekommen, eine erzwungene Ruhe. Was sich wohl keiner vorstellen konnte und was in den letzten hundert Jahren noch nie dagewesen ist, ist bedrückende Wirklichkeit geworden. Erst schien alles weit weg, doch nun ist uns der Virus näher gerückt. Daher die Aufrufe, daheim zu bleiben und beim Einkaufen auf Abstand mit anderen zu gehen. Diese Isolierung kann Leben retten. Doch dieser Zustand hat auch viele Pläne und Vorhaben durchkreuzt. Obwohl die Sonne scheint und wir uns am Blühen der Natur erfreuen können, steigt auch die Angst vor Ansteckung, die Angst genügend Lebensmittel kaufen zu können und was man sonst zum Leben braucht. Die Angst vieler Selbstständiger um die Existenz ihres Betriebes; die Angst, wie lange Kurzarbeit oder Freistellungen dauern werden. Viele Familien zu Hause geben sich viel Mühe, mit ihren Kindern etwas gemeinsam zu unternehmen und sich zu beschäftigen. Doch die Warnung vor einer Zunahme häuslicher Gewalt ist ausgesprochen. Wie lange lassen sich Einsamkeit und die Einschränkung persönlicher Freiheit aushalten? Wie sehr vermissen viele Großeltern die Nähe zu ihren Enkelkindern? Wie geht es denen, die beruflich in engem Kontakt zu Menschen stehen müssen und nicht immer die nötige Schutzkleidung bekommen? Wie geht es all denen, die in Krisenstäben vor Ort oder für unser Land Verantwortung übernehmen und all jenen, die mit vielen Überstunden in den Laboren oder im Reinigungsdienst und an anderen Stellen tätig sind? Jede und jeder ist nun sehr mit sich selber beschäftigt und dennoch braucht es ebenso den Blick und die Verbindung hin zu den anderen.

Es ist gut, wenn wir auch an diesem Karfreitag 2020 unseren Blick auf Jesus am Kreuz richten. Gewiss sehen wir da einen Sterbenden, doch wir glauben und wissen, dass das Kreuz nicht mehr ein Zeichen des Todes, sondern zu einem Zeichen der Hoffnung für uns geworden ist. Für heute sind uns Worte des Apostels Paulus aus dem zweiten Korintherbrief, Kapitel 5, gegeben, die unser Vertrauen ins Leben stärken wollen:

Denn, so schreibt er, Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.  So sind wir nun Botschafter an Christi statt und bitten:  Lasst euch versöhnen mit Gott!  

Gott war in Christus – darin liegt die Hoffnung, die uns Mut zum Leben schenkt. Gott war in Christus. Im Leiden, in Ängsten, ja selbst im Sterben ist Gott anwesend. Das heißt, wir sind in den Nöten, die uns treffen, von Gott gehalten und getragen.

Alles Böse, alle Schrecken, alles Leid wird auf Jesus Christus konzentriert. Er trägt die Sünde, diese lebenszerstörende Macht. Er nimmt sie mit ans Kreuz und mit seinem Sterben wird auch die Sünde mit in den Tod gerissen und vernichtet. Gott selber nimmt die Sünde auf sich, damit wir Menschen zum Leben befreit sind. Daher können wir allen widersprechen, die meinen, der Corona-Virus sei von Gott geschickt, als Strafe für unsere Sünden.

Eine Verlautbarung der evangelischen, katholischen und orthodoxen Kirchen in Deutschland weist diesen Zusammenhang ebenfalls zurück: „Krankheit ist keine Strafe Gottes – weder für Einzelne, noch für ganze Gesellschaften, Nationen, Kontinente oder gar die ganze Menschheit. Krankheiten gehören zu unserer menschlichen Natur als verwundbare und zerbrechliche Wesen.“ Denken wir auch daran, wie viele Menschen Jesus von ihrem Leiden und ihrer Krankheit geheilt hat. Das Sterben Jesu am Kreuz ist auch das Zeichen für Erlösung. Es bestätigt die alte Verheißung des Propheten Jesaja:

„Fürwahr, er trug unsre Krankheit und lud auf sich unsre Schmerzen. Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt.“

Gott ist ein Freund des Lebens. Er liebt uns Menschen und leidet mit uns. Gott will heilen und nicht krankmachen. Er will Leben fördern und retten. Nicht das Unheil, sondern das Heil, das er für uns am Kreuz erworben hat, hat das letzte Wort.

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber. So sind wir nun Botschafter an Christi statt und bitten: Lasst euch versöhnen mit Gott!  

In den letzten Tagen hat mir unterwegs einer zugerufen: „Das musste so kommen, damit die Leute das Leben wieder schätzen.“ Sicher steckt in dieser Corona-Pandemie auch die Chance, sich neue Gedanken über Gott und sein Leben zu machen. Die Balken des Kreuzes erinnern uns daran. Einer weist senkrecht nach oben, er verbindet Himmel und Erde; der Querbalken verbindet uns untereinander. So ist es auch in dieser Krisenzeit wichtig, nicht aufzugeben, miteinander in Verbindung zu bleiben, im Gebet, im Gespräch am Telefon oder durch weitere technische Möglichkeiten. Viele Jüngeren sorgen sich um die Älteren, fragen nach und bieten Einkaufsdienste an. Nachbarn und Familien rücken näher zusammen.

Die Krisenerfahrung kann uns helfen, Wichtiges von Nebensächlichem zu unterscheiden. Sie macht uns bewusst, wie kostbar es ist, wenn wir Menschen einander von Angesicht begegnen und miteinander arbeiten, essen, trinken und feiern können.

Liebe Gemeinde,

Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.  So sind wir nun Botschafter an Christi statt und bitten: Lasst euch versöhnen mit Gott!  

Das Böse hat grundsätzlich ausgespielt, auch wenn es noch da ist. Es wird sein Ende finden. Doch solange wir leben, werden wir vor Krisenerfahrungen und Zeiten des Leids nicht verschont. Auch wenn nun die Corona-Pandemie das Welt beherrschende Thema ist, so sollten wir nicht vergessen, dass es nach wie vor andere Krankheiten gibt, unter denen Menschen zu leiden haben. Andere unter uns sind in Trauer. Sie müssen sich von einem geliebten Menschen verabschieden. Doch jeder Mensch soll es wissen:

Das Sterben Jesu am Kreuz macht uns im Glauben gewiss, dass uns Gott in allem Leid niemals verlassen wird. Er ist an der Seite der Kranken und Trauernden, an der Seite derer, die ohnmächtig und verzweifelt sind und meinen, Gott habe sie vergessen. Er ist bei allen Menschen, die zum Opfer gemacht werden. Stärken wir einander dieses Gottvertrauen und vergessen wir bei allem Schweren nicht, dass uns Gott nicht im Stich lässt.

Amen

 

Gebet

Barmherziger Gott, wir kommen zu dir mit unserem Gebet, weil wir glauben, dass allein Du die Welt heilen und erlösen kannst. In diesen Tagen wird uns besonders bewusst, dass wir das Leben nicht in unserer Hand haben. Es ist ein kostbares Geschenk, von dir gegeben. Wir bitten dich, sei allen Menschen nahe und gib ihnen Trost und Zuversicht zum Durchhalten. Wir danken dir für alle, die etwas tun können und bitten dich für alle, denen es schwerfällt, dass sie nichts tun können. Befreie jeden dazu, nicht nur an sich, sondern auch an die anderen zu denken.

Lehre uns beten, miteinander und füreinander. Vater unser im Himmel …

 

Es segne und behüte dich, Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.